Dieter E. Zimmer

Deutsch und anders - die Sprache im Modernisierungsfieber

Sach. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. ISBN: 3-499-60525-2

Dieter E.  Zimmer: Deutsch und anders - die Sprache im Modernisierungsfieber

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Der Wissenschaftsjournalist, vor allem, wenn er so fleißig ist wie Dieter E. Zimmer, der nicht nur als Redakteur bei der Hamburger "Zeit" Artikel um Artikel recherchiert und verfaßt, sondern auch noch aus verschiedenen Sprachen übersetzt und Nabokovs gesammelte Werke herausgibt, der Wissenschaftsjournalist also hat ein Problem: Er kommt kaum dazu, neben all den Artikeln einmal einen "selbständigen" Titel zu veröffentlichen, einfach mal ein Buch zu schreiben. Deshalb, so steht zu vermuten, bringt Dieter E. Zimmer alle paar Jahre einen Band mit gesammelten Aufsätzen heraus, deren Grundlage die oben erwähnten Zeitungsartikel sind.
So ist es auch mit seinem jüngsten Buch, "Deutsch und anderes", bei dem ein Blick in den Anhang lehrt, daß die meisten Kapitel Vorläufer hatten, wenn auch alle neu bearbeitet und erweitert und "die wichtigsten", wie der Autor meint, "völlig neu geschrieben" wurden. Nun mag man geteilter Meinung sein, ob die ganz neu verfaßten Kapitel zur schwindenden internationalen Bedeutung der deutschen Sprache, zu Glanz und Elend des Übersetzens im allgemeinen oder zu den "Mythen des Bilingualismus" die wichtigsten sind oder doch die anderen, wichtig sind sie allemal - und, was das Beste ist, sie sind auch alle ganz schön zu lesen.
Insofern können wir Leser von Glück sagen, daß Zimmer nicht dreihundertsiebzig Seiten lang ein einziges Thema behandelt, zum Beispiel von der "Sprache im Modernisierungsfieber", wie der Untertitel verheißt (was ja vage genug formuliert wäre). Seine Form ist der Essay, und sei es der hundert Seiten lange, wie das erste Kapitel, worin er unter dem Stichwort "Neuanglodeutsch" die "Pidginisierung der Sprache" nicht nur beleuchtet, sondern aufs schmerzlichste und unterhaltsamste geißelt. Wie im Deutschen nicht nur aus englischem, sondern hauptsächlich irgendwelchem international klingenden "Wörterbruch" Bezeichnungen entstehen, die an Flottheit nicht zu überbieten sein sollen: "BahnCard", "InterRegio", "Megastore", "trocken hardboiled Schreibe" (was bedauerlicherweise aus dem "Spiegel" stammt), "Telelearning", "Instand-Fick" und ganz viele andere, das wäre eigentlich schon komisch. Aber wie von solchem und anderem Nonsens (dieser Begriff als Beispiel geglückter Eindeutschung verwendet) allmählich aber unaufhaltsam die Regeln der Wort- und Satzbildung ausgehöhlt werden, wie dem Nachwuchs, der zwecks Spracherwerb am Vorbild der Empirie lernt, die Regeln - weil dauernd außer Kraft gesetzt - eben nicht mehr in Fleisch und Blut übergehen, wie aus dem Verlust dieses "Tiefencodes" der Sprache tatsächlich die "Pidginisierung" folgen muß - das alles ist gar nicht mehr komisch.
Dabei ist Zimmers Diagnose nicht nur sehr gründlich, auch seine Argumentation läßt kaum einen Einwand aus. Und er ist aller Deutschtümelei, Fremdenfeindlichkeit und Rückwärtsgewandtheit unverdächtig. Denn er ist nicht nur des Englischen mit großem Abstand mächtiger als alle, die sich Sachen wie "Body-Bewußtsein" ausdenken, er ist überhaupt, was die unterschiedlichsten Aspekte des Themas Sprache anlangt, einfach auf Ballhöhe.
Wer sich zum Beispiel bei Benutzung seines Computers, bei digitaler Kommunikation per E-Mail gar, immer mal wieder gewundert hat, warum das Mistding jetzt gerade keine Umlaute und kein Eszett annimmt, erfährt von Dieter E. Zimmer endlich alles über den Ascii-Code und seine
Zwangsläufigkeiten - wirklich alles. Und wer nicht begreift, warum die Europäische Union so einen Riesenhaushalt für die paar Hanseln in Brüssel haben muß, wird staunend lesen, daß allein fünfzehn Prozent aller EU-Angestellten mehr oder weniger mit Übersetzen aus allen Mitgliedssprachen in alle Arbeitssprachen beschäftigt sind, kein Wunder, daß das kostet. Und wer glaubt, das alles müßte sich doch elektronisch regeln lassen, mit Übersetzungs-, Korrektur- und Grammatikprogrammen für den Rechner, wird ebenfalls eines Besseren belehrt.
Natürlich muß man nicht in allem einer Meinung sein mit dem zweiundsechzigjährigen Autor. Sein zweites großes Kapitel räumt mit der Sprache der Political Correctness auf; das war schon in der kürzeren Fassung, die 1933 in der "Zeit" erschien, umstritten, in der Langfassung kann es ebenfalls nicht ganz überzeugen. Denn Zimmer kann es sich nicht verkneifen, seine im einzelnen richtigen Beobachtungen moralisch zu wenden und damit mancher Bemühung, mehr Chancengleichheit in eine ungerechte Welt zu bringen, den Garaus zu machen.
Das macht ihn aufs Ganze gesehen nicht unsympathischer; seine Art der Polemik ist in der Regel eine voller Wärme und Verve, mit großer Liebe zum Gegenstand, der Sprache. Ihr rückt er, Gegenteil des Fachidioten, sozio-, computer- und psycholinguistisch zu Leibe, und immer so, daß sein Leser etwas versteht, auch wenn er vorher keine Ahnung vom Gegenstand hatte. Das ist das Allerbeste an den Arbeiten des Wissenschaftsjournalisten Dieter E. Zimmer.


Julia Schröder






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