Michael Zeller

Der Widergänger

Roman. Benziger, 320 Seiten.

Michael  Zeller: Der Widergänger

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Die Pest im Mittelalter, eine esoterisch angehauchte Liebesgeschichte und Aids: Das sind die wichtigsten Zutaten zu Michael Zellers Roman "Der Widergänger", der im Benziger Verlag erschienen ist. Zeller, 1944 im schlesischen Breslau geboren, war Literaturdozent in Erlangen; kein Wunder, daß sein Buch in gewisser Weise ein Bildungsroman ist und realistisches, konventionelles Erzählen bevorzugt. Seine eigentliche Leistung aber ist eine psychologische und philosophische Analyse des Unheimlichen in uns, des Bösen schlechthin. Der Arzt Ruppin ist ein positiver Mensch: modern, aufgeklärt, erfolgreich und davon überzeugt, daß man seine Gesundheit zum großen Teil selbst in der Hand hat. Er verliebt sich in eine junge Frau, die sich mit Magie und Astrologie beschäftigt. Und er soll vor dem örtlichen Lions Club einen Vortrag über die Pest in Europa halten. Die Frau und seine Studien verändern Ruppins Begriffe von Krankheit, Leben und Tod.

Er, der Anwandlungen von Zweifel am Sinn seiner Therapien in der Kurklinik stets rasch in den Griff bekam, stellt fest, "wie aus der lebensbedrohenden Pest eine andere Krankheit herauswuchs..., nach eigenen, menschlichen Gesetzen wütete: eine Kopfseuche, die als sei die Pest nicht allemal genug, weitere Menschenleben forderte, ein Heilmittel zum Tode." Das war die irrationale Angst vor der Krankheit, deren Ursachen ebenso unbekannt waren wie eine Medizin. Die Menschen wurden hysterisch, suchten Sündenböcke. "Verlassen von jedem Halt, wüteten sie wie Wölfe untereinander": Die Umzüge der Flagellanten und die Judenprogrome jener Zeit standen in engem Zusammenhang damit. Schritt für Schritt verliert sich der Leser mit der Romanfigur Ruppin in einer Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart. Die Parallelen zu Aids, der unheilbaren Seuche unserer Tage, werden unauffällig häufiger und bedrohlicher: "Der Geschlechtstrieb war ausgehöhlt, das Fest der Sinne abgebrannt, die Hoch Zeit des Körpers zu nichte gemacht... Nur wenn das Leben in seinem besten und vitalsten Trieb sich selbst beschnitt, konnte es überleben... Kein Gott war je so mächtig gewesen wie dieser Keim oder war in diesem Keim das Wirken Gottes?"

Die Frage wird heute wieder gestellt, wie im Mittelalter. Zeller läßt seinen Kurarzt Ruppin einem alten Sonderling begegnen, der sich für eine Wiederverkörperung des Pestheiligen Rochus (1295 1327) hält. Der Alte trägt erkennbar Züge des Mannes, der vor Jahren wegen eines Säure-Attentats auf Dürers "Paumgartner Altar" in der Münchner Alten Pinakothek machte. Dürer habe den tiefen deutschen Lebensernst auf der Flucht vor der Pest in Italien verraten: "Deshalb braucht dieses Land wieder eine Pest, eine neue Pest", schwadroniert er geifernd. Wie damals die Juden, so halten heute die Schwulen her als Sündenböcke und Blutvergifter. Erbsünde? Steigerung der Anfälligkeit durch Furcht, die Veränderungen in den Körperfunktionen hervorruft?

Zeller beschreibt überzeugend, wie rationale Antworten hier versagen: "Die Tage gingen ihnen aus". Abschied auf Raten für ein Liebespaar. Die junge Geliebte bringt die Ursache auf den Punkt, lange bevor sich die Entfremdung zeigt: "Die Krankenhäuser sind unsere Kirchen, die Ärzte die Priester, die Psychotherapeuten die Seelsorger, und wir, wir alle, bilden ihre Gemeinde". Dieses säkularisierte Gottes-Stellvertretertum, das den Halbgott in Weiß abgelöst hat, kann auch keine Rettung bringen. Zeller verzichtet auf eine Kunst des Wegsehens und die Flucht in "natürliche" Tabus, die den Tod verdrängen. Er führt die Verbindung von Eros und Tod beinahe essayistisch vor, wie sie ist: bedroht, ein Rätsel ohne Lösung. Dieses Buch ist ein Plädoyer für den menschlichen Umgang damit. Widmar Puhl






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