Charles Willeford

Schwarze Messe

Krimi. Pulp Master, Berlin. 12.80 EUR . ISBN: 3937755012

Blues der Psychopathen
Charles  Willeford: Schwarze Messe

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Schon mehrfach sind Krimis des Verlags Pulp Master wegen Mut und Eigensinn aufgefallen. Von Charles Willeford wurden nun zwei schräge Satiren veröffentlicht.

Die Geschichte des Kriminalromans ist ja allgemeinhin bekannt. Sie begann nicht mit Adam und Eva, sondern erst mit Kain und Abel. Irgendwann wurden die Geschichten von Mord und Totschlag aus dem Garten seriöser Literatur verstoßen, zu viel Spaß und Spannung sollten nicht Buchrücken an Buchrücken stehen zu den Leiden der neuen alten Wichtigtuer. Das ausgegrenzte Genre ist seither immer dann besonders aufregend, wenn es in dem sorgsam umzäunten Gehege zu Rangeleien kommt. Etwa als Reaktion auf den 1928 in Londoner Herrenhäusern gegründeten Detection Club, auf Agathie Christie und diese ganzen Kaffeekränzchen-Krimis, jeder ein Whodunnit, wo der Täter am Ende immer der lahme Gärtner ohne Arm aber mit vergifteter Teerose dank Tante in Timbuktu ist... Gegen diese Kreuzworträtselkriminologen trat Carroll John Daly an. Seine Breitsalve gilt als Urknall der hard-boiled Schule. Einsame Männer tasten im Dunkel der Nacht, wohlwissend, dass nur der Marsch durch manche mean street die Sache aufklären wird. Erster großer Vertreter dieser abgekochten Autoren und ihrer hartgesottenen Antihelden war Dashiell Hammett, mit Bogart verfilmt, von Kommunismus-Hetzkampagnen zum Schweigen gebracht. "Hammett brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück", so das Verdikt Raymond Chandlers, "die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur um dem Autor eine Leiche zu servieren."

Charles Willeford nun, verfilmt mit Alec Baldwin - der in Miami Blues noch im Vorspann, Flughafen-Terminal, einem bettelnden Hare Krishna so plötzlich und gemein den Mittelfinger bricht, dass der einem Schock erliegt -, der kann für sich beanspruchen, den Mord zu denen zurückgebracht zu haben, die wirklich völlig grundlos killen. Miami Blues ist der bekannteste aus der Tetralogie um Sergeant Hoke Moseley vom Morddezernat Miami (neben Neue Hoffnung für die Toten, Seitenhieb und Wie wir heute sterben, alle beim Alexander Verlag).

Doch Willeford schrieb noch mehr, viel mehr. Sein Oeuvre aus Essays und Pulp, Autobiografie und Poesie passt in keine konventionelle und ordentliche Autoren-Vita, und eins der schönsten Dinge, die er darniederschrieb, war der Satz: "All great literature is depressing." Besonders deprimierend ist natürlich, dass auch Psychopathen nicht grundlos morden. Und Psychopathen genauso wie urplötzliche Wirbelstürme der Zerstörung sind es, die Willeford (nicht nur in Florida) zeitlebens beschäftigten. Geboren 1919 in Little Rock/Arkansas, Vollwaise mit acht, gestrandet in Kalifornien und obdachlos mit zwölf, lügt er mit sechzehn über sein Alter und verpflichtet sich zum Service in der Armee. Hier erlebt er so viele Wahnsinnige und emotionslose Folterer, dass ihn der Gedanke an diese in ein normales Leben entlassenen Gestalten nie loslässt. Bis zu seinem Tod 1988 in Florida. Elmore Leonard kurz zuvor: "Niemand schreibt bessere Kriminalromane als Charles Willeford."

Meister der Krimi-Klasse, verloren im Leben, 25 Jahre in den Fängen der Army, sein Werk reich an Vielfalt... Schon sind wir im Groove der aktuell veröffentlichten Willefords: Ketzerei in Orange, original von 1971, und Die schwarze Messe, original 1958. Stories von Männern, Frauen nicht als Femme-fatale-Beiwerk wie in Noire-Klassikern, aber eben schon, wie bei Hemingway, kaum mehr als in Nebenrollen. Stories von Männern, die von vornherein clever, aber auch dem Irrsinn nahe sind. Die Atmosphäre auf den ersten Seiten menschlich, aufblitzend hier und dort der Wahn, Nihilismus und Betrug, bereits nach einem Dutzend Seiten alles auf absoluter Hochspannung. Elektrisch. Die große Katastrophe braut sich zusammen, genährt von Gier und Ehrgeiz und Trägheit, doch sie kommt nicht, kommt dann ganz anders, und gar nicht so viel später ist schon Schluss (um nun hier nicht allzu viel vorwegzunehmen).

Beides sind eher satirische Abrechnungen (mit den Gepflogenheiten postmoderner Kunst und der Kirche) als Krimis. Für den Verleger wird hiermit ein kleiner Traum wahr. Frank Nowatzki, seit 1988 Kopf von Pulp Master: "Schon als ich angefangen habe, wollte ich das bringen. Ging aber nicht, ich mache das ja zwar mit professioneller Einstellung, aber nur nach Feierabend und neben Familie. Und gerade weil die beiden Willefords eher unüblich sind, weil Garry Disher sofort gezündet hat, natürlich auch Buddy Giovinazzo, kam dann immer wieder was anderes dazwischen." Disher und Giovinazzo wurden mit Preisen und den Weihen des FAZ-Feuilletons geehrt, doch das Pulp Master Programm besticht vor allem durch vergessene Juwelen der Pulp-Ära - PJ Wolfson mit der Sache von König David und seiner Mätresse Batseba, verpflanzt aus dem Alten Testament (Das zweite Buch Samuel, 11 & 12) in US-Metropolen der Großen Depression, Gerald Kersh und was sonst noch aneckt. "Es mir aus der Seele sprechen", so der Verleger, Gitarrist und Gelegenheits-boxer. "Der Markt, oder was gerade gut läuft, interessiert mich dabei nicht - sondern Sachen, die ich so noch nicht gelesen habe." Gelesen hat er viel, wie nicht nur die viel gerühmte Boxer-Anthologie TKO belegt. Sie wurde, wie die mittler-weile zwanzig Pulp Master-Bücher von dem Hamburger Künstler 4000 il-lustriert. "Ein guter Freund - ich war ihm auch nicht böse, als er mit Stuckrad-Barre fremdging und dessen Deutsches Theater ähnlich illus-triert hat. Da konnte er endlich mal Kasse machen."






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