Urs Widmer

Der Geliebte der Mutter

Roman. Diogenes, Zürich. ISBN: 3-257-06245-1

Urs  Widmer: Der Geliebte der Mutter

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Heute ist der Geliebte meiner Mutter gestorben.“ Der erste Satz, sagt Urs Widmer in seinen Grazer Poetikvorlesungen, ist das Samenkorn der ganzen Geschichte. Der erste Satz muß dem Leser zeigen, „daß hier der Chef kocht“. Hier, am Anfang seines neuen Romans, kocht der Chef, zweifellos. Im diesem ersten Satz knistert die ganze Spannung einer hochkomplexen Erzählsituation - der Sohn, Ich-Erzähler, berichtet von der Liebesleidenschaft der Mutter, einer lebenslangen Passion, von der keiner wußte - außer ihrem einzigen Kind, dem Sohn eben, der nun, sich in die Mutter hineinfühlend, ihr Geheimnis offenbart.
   Die Geschichte selbst ist im Grunde das alte Lied von dem Künstler und Karrieremann auf der einen Seite, der sich nimmt, was er braucht, Hilfe, Liebe, Ergebenheit; wen er nicht mehr braucht, den läßt er fallen, den sieht er gar nicht mehr. Auf der anderen Seite die schöne junge Frau, die dem Geliebten bewundernd zuarbeitet mit allem, was sie hat. Sie ist allein und über Nacht verarmt; am Schwarzen Freitag 1929 hat den strengen Vater angesichts des verschwundenen Vermögens der Schlag getroffen. Der Geliebte der Mutter heißt Edwin und ist Dirigent. Sein kometenhafter Aufstieg aus einfachen Verhältnissen ist auch ein bißchen ihr Sieg; schließlich hat sie als Mädchen für alles mitgeholfen, sein Junges Orchester aufzubauen. Aber dann heiratet Edwin die reiche Erbin einer Maschinenfabrik („sie floß wie ein Gewässer aus Gold und Silber aus ihrem Auto, einem Maybach mit Weißwandreifen“) und braucht die Mutter nicht mehr; einige Jahre lang kommt noch eine Orchidee mit Gruß zu ihrem Geburtstag, aber irgendwann hört auch dieses auf, vielleicht weil Edwins Sekretärin gewechselt hat. Während die Mutter heimlich ihren „Edwin-Kult“ entwickelt und am Fenster stehend in die Ferne schaut, „eine sonnenbrauen Isolde mit wilden Haaren, die darauf wartete, daß ein weißes Segel aus dem Wald träte“, verdoppelt der berühmte Dirigent und Mäzen sein erheiratetes Vermögen, indem er sich im Krieg mit den Mächtigen arrangiert und die kleineren Konkurrenten gewissenlos aus dem Feld schlägt. Bei seinem Tod ist Edwin der „reichste Bürger des Landes“. Der Sohn sieht die Sondersendung zum Ableben der „Jahrhundertfigur“, dabei „fern, sekundenschnell, einen Schatten, der meine Mutter sein mochte.“
   Urs Widmer hat mit diesem Buch einen ebenso knappen wie dichten Text vorgelegt. Während er in den vorhergehenden, ebenfalls hochverdichteten Texten („Das Paradies des Vergessens“, „Der blaue Siphon“, „Liebesbrief für Mary“, „Im Kongo“) den Leser in ein raffiniertes Spiel mit Zeit- und Realitätsebenen verstrickte, scheint die Geschichte vom Geliebten der Mutter zunächst eher klassisch erzählt, die Verschränkung der beiden Biographien - des Geliebten und der Mutter - über den Ablauf fast eines Jahrhunderts weitgehend linear dargestellt. Unterschwellig jedoch baut sich über die Seiten eine enorme Spannung auf, die sich in der letzten Szene entlädt. Ein Zufall führt den Erzähler und den neunzigjährigen Edwin zusammen. Der Einsatz des Sohnes für die unter Wert behandelte Mutter ist gleichermaßen erregt wie ohnmächtig. Es wird klar: hier geht es nicht nur um die Mutter, er kämpft auch in eigener Sache.
   Die künstlerische Form für diese Mutter-Sohn-Beziehung hat Widmer in der verstörenden Zweipoligkeit der Perspektive gefunden. Er erzählt aus der Sicht der Mutter, die aber auch in den Kinderszenen, im Schatten des hochaufragenden, das Fenster verdunkelnden und vernichtend auf sie niederbrüllenden Vaters, „die kleine Mutter“ bleibt. Das Sohn-Sein des Erzählers (mehr erfahren wir nicht von ihm) gerät nie in Vergessenheit, es ist der rote Faden des Textes. Oft scheint es, als gebe der Sohn wieder, was ihm die Mutter erzählt hat, so voller Leben wirken die Szenen, voll sprechender, mit Gefühl aufgeladener Details, mit Ausrufezeichen versetzt. „Sie wollte zufrieden sein, sie war es. Sie hatte ein Haus! Sie war eine Ehefrau!“. Über ihre Naivität (den beginnenden Naziterror hat sie nicht durchschaut) legt der Sohn aus der Distanz den Schleier feiner Ironie. Ein Meisterstück vielschichtiger Erzählkunst: der Besuch des Duce auf dem Weingut der italienischen Verwandtschaft. Wenn es allerdings um die Aktivitäten des Kriegsgewinnlers Edwin geht, dann bebt der Zorn des Sohnes zwischen den Zeilen.
   Seine Beziehung zur Mutter ist jedoch alles andere als eine Idylle. Denn sie hat „ihre Art“ - Anfälle von Kindheit an, Absencen, Visionen, Depressionen, die, verschärft durch Edwins Verrat, sie mehr als einmal ins Sanatorium bringen. Dann kommt ihr Kind zur Welt, „ihr Kind, ich“, und sie verkrallt sich, ein wisperndes „Gespenst“, in „Nachtmahre“, will ihr Kind mit in den Tod nehmen, es soll der Stein sein, mit dem beschwert sie sich ertränken will in dem See, worin sich Edwins Pracht spiegelt. „Ihr Kind floh vor ihr, ich, und reckte ihr dennoch die Ärmchen entgegen.“ Die Perspektive verlagert sich nun auf den Sohn. In Passagen von großer sprachlicher Intensität, deren Rhythmus den Wechsel von lähmender Trauer und manischem Furor widerspiegelt, zeigt Widmer das Kind gefangen in der Aura der Mutter. Der Vater kommt im ganzen Buch nicht vor (neben Edwin ist er unsichtbar). So scheint die Abhängigkeit unentrinnbar. Nicht umsonst baut sich das Kind eine Burg aus Steinen, „ein uneinnehmbares Kastell“.
   Natürlich wird dieses Buch Anlaß zu mancherlei Spekulationen geben - ob es da autobiographische Züge gibt, ob die Mutter hier nicht der Mutter im „Blauen Siphon“ ähnelt und ob der Garten hier nicht der Garten dort am Rand von Basel ist, und vor allem ob Edwin, der Geliebte der Mutter, nicht doch einiges mit dem im Mai 1999 gestorbene Paul Sacher gemein hat, dem reichsten aller Schweizer (und das will etwas heißen), den die Heirat mit der Erbin des Chemie-Konzerns Hoffmann-La Roche in die Lage versetzte, neben seiner Passion für Moderne Musik (er gründete das Basler Kammerorchester) auch noch als gefeierter Mäzen zu wirken. Urs Widmer selbst hat mit der Bezeichnung Roman seinen Text dem Bereich des Fiktiven zugeordnet. Das änderttut seiner inneren Wahrheit keinen Abbruch.
   „Die Geschichte ist erzählt. Diese Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.“ Die Erleichterung ist spürbar. Hier ist etwas abgeschlossen, in Form gebracht. Es ist das gelungen, was Widmer in seiner Poetikvorlesung einen „ästhetischen Sieg“ nennt. Die Trauer löst sich - ein Rest Wehmut bleibt - in der Schönheit seiner Sätze auf.

Eva Leipprand






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