Martin Walser

Ohne einander

Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. ISBN: 3-518-22181-7

Martin  Walser: Ohne einander

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Es gibt Wörter, die, wenn sie ausgesprochen werden, Atmosphäre schaffen. "Einander" ist so ein Wort, eine Saite, die tief schwingt, ein Klang, der Gefühle von Zuwendung, Echo, Bezogensein aufruft. Es ist ein schönes Wort, das, verdrängt von "sich" und "gegenseitig", zu verschwinden droht. Es ist das letzte Wort des jüngsten Romans von Martin Walser, Teil des Titels "Ohne einander", der, allein mittels der Zusammen-Stellung der Wörter, die Trauer übers letztliche, unendliche und unvermeidliche Getrenntseins derer ausdrückt, die glaubten, zueinander zu gehören
"Eine Familie ist ein Elendsverband. So etwas verläßt man nicht", heißt es im ersten Teil des Romans kategorisch. Am Schluß haben sie einander und ihre jeweiligen Gewißheiten doch verlassen. Drei Teile hat das Buch, mit drei Menschen - Ellen, Sylvi, Sylvio - erlebt der Leser einen Nachmittag der Katastrophen: Die erfolgreiche Magazinredakteurin Ellen wird Opfer ihrer Schreibhemmung und eines lüsternen Grammatikfetischisten. Ihre neunzehnjährige Tochter Sylvi verfällt derweil kurzfristig dem Geliebten ihrer Mutter, der unmittelbar nach ziemlich traurigem Geschlechtsverkehr sein feuchtes Surfergrab in den bewegten Wassern eines oberbayrischen Sees findet. Der Schriftsteller Sylvio, nicht ganz so erfolgreich wie seine Frau, verliert schließlich alles, nach der längst löchrigen Selbstachtung auch noch die geliebte Ehefrau und die geliebte Tochter, und selbst der seit Jahren apathische Sohn macht Absetzbewegungen. Opfer also allenthalben, aber eben auch Täter, die sie einander und den anderen werden. Vor allem einem anderen, dem Liebhaber von Mutter und Tochter, dem Widerpart des Vaters, dem schwerreichen, überaus sportiven, sehr wohl konservierten und am Ende toten Ernest Müller-Ernst. Dieser ist nicht der einzige Doppelnamenträger; Ellen zum Beispiel heißt Ellen Kern-Krenn.
Die satirische Absicht ist nicht zu übersehen, wie sich der Roman überhaupt auf weite Strecken der blanken Karikatur überläßt. Die Schilderung des Redaktionsalltags aus der Perspektive der von heftigem Heuschnupfen und heimlicher Überforderung geplagten Karrierefrau Ellen bietet reichlich Gelegenheit für mehr oder weniger wohlfeile, aber eben gut gemachte und überaus amüsante Ausfälle. Sie richten sich vor allem gegen einen Berufs- Je mehr einer Chef ist . . .
Aphoristisch zubereitete Bosheiten und Beobachtungen werden auf den knapp 230 Seiten in großen Mengen serviert ("Je mehr einer Chef ist, desto mehr ist er Monologist"). Der neue Roman also zeigt wieder Walser in Bestform. Dazu trägt auch und vor allem das Personal bei, das als Arsenal mit ebensoviel Recht bezeichnet wäre. Unerbittlich werden sie vorgeführt, die Artikel- und die Bücherschreiber mit ihren Berufskrankheiten, der schöngeisternde Geldmann, der spießige Zwangscharakter, die frühgereifte und dennoch desorientierte Jugend, kurz das, was einst unterm Schlagwort Establishment als Zielscheibe diente. Ein Beziehungsgeflecht, das, je länger je mehr, als von Gefühlen geschmierte Maschinerie wechselseitiger Unterdrückung erscheint. Deren "Seeleninfarkt", den Sylvio gelegentlich diagnostiziert, ist verkörpert in Amelie Franz, der quecksilbrigen, hingabe- und bewunderungsfanatischen, hohlherzigen und -köpfigen Geliebten von Sylvio, Ernest und vielen anderen auftauchenden Männern.
Diese glänzende Spiegelung von Welt und Menschenleben ist natürlich sehr geistreich und sehr furios. Sie sprüht vor Pointen, die vor den letzten Dingen keineswegs halt machen - und genau auf diese Weise von diesen Dingen zu sprechen erlauben. Die schmerzlichen Einsichten und deren Verpackung in den geistreichen Plauderton, beide würden ohne einander bald langweilig; die polierte Oberfläche des Spiegels wäre kaum halb so glänzend, wenn nicht darunter die finstere Tiefenschicht der Erkenntnis läge.
Denn das, was der Erzählstrom transportiert, der auf weite Strecken als Redefluß dahinrauscht, ist ja im Grunde tief traurig: ein Wissen darum, daß nichts gewiß ist, zuallerletzt die Empfindung, die man für einander hat. Um was es letztlich geht, wenn eigentlich trostlose Tatsachen zum Thema schriftstellerischer Betätigung gemacht werden, das darf - ausgerechnet - der Schriftsteller Sylvio aussprechen, der sich als "Lobredner alles Seienden" in einer "Verurteilungskultur" versteht: "Alles befriedigender verlaufen zu lassen, dazu schrieb er die Wirklichkeit um. Er ertrug Wirklichkeit überhaupt nur noch, wenn er sie schreibend beantwortet hatte. Nicht, daß diese Welt nicht schön wäre, sie ist nur unerträglich. Man mußte sie, um sie erträglich zu machen, zwingen, einen weißen Schatten zu werfen."
Daß es die ganze Wahrheit sei, die er seinem Leser zugänglich mache, behauptet der Roman nirgends. Aber es ist ein vielsagender Teil jener unerträglichen Wirklichkeit, die der Erzähler Walser schreibend beantwortet. Ihm allerdings gerät das erzählte Leben nicht, wie dem harmoniebedürftigen Schriftsteller Sylvio, zum "Western", in dem Gut und Böse ihre festen Plätze haben und "alles befriedigender" verläuft. Dennoch ist die von Walser dargestellte Wirklichkeit nicht mehr unerträglich, sondern bietet das Vergnügen an der Darstellung und gereicht so zum Trost des Lesers.


Julia Schröder






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