Johanna Walser

Versuch, da zu sein

Undefined. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 120 Seiten. ISBN: 3-596-22395-4

Johanna  Walser: Versuch, da zu sein

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Ich habe den Verdacht, daß alles viel schöner ist, als man darüber spricht. Alles ist viel schöner, als man bisher es sagen kann. Und sagen kann man bisher schon sehr viel, denn wir haben ja schon viel geschaffen, um auszudrücken, wie schön es ist. Wir machen neue Anläufe und versuchen immer neu, auszudrücken, wie schön alles ist. Aber schöner ist es trotzdem noch immer, als man es sagen kann.

Wie schön alles ist, und wie schwer, dies in Worte zu fassen, davon handelt Johanna Walsers neues Buch, ein Bändchen so schmal wie die vier anderen, die sie bisher vorgelegt hat. Wir haben ja schon viel geschaffen - wen meint dieses Wir? Die Literatur, die Menschheit? Ganz bestimmt meint es Josef von Eichendorff; denn er ist einer von denen, die immer neu auszudrücken versuchten, wie schön alles ist. Johanna Walsers Prosa erinnert auffallend an den romantischen Lyriker. Mir war es wie ein ewiger Sonntag im Gemüte, singt Eichendorffs Taugenichts und läßt sich von Gott seine Wunder weisen in Berg und Wald und Strom und Feld, und am Schluß seiner Abenteuer ist alles, alles gut. Ich spüre, daß mir etwas versprochen ist, schreibt Johanna Walser. Das Versprechen ruht in mir, wie die Sonne nachmittags in den Bäumen. Ich weiß nicht, was mir versprochen ist, aber ich spüre, es ist gut. Es wartet auf mich überall, ist alles, was mich umgibt, es sind Freunde. Hellgrün die Knospen in der Wintersonne, gleich springen sie auf, und Blüten erlösen mich. Es war mir beständig zumute, spricht der Taugenichts, wie sonst immer, wenn der Frühling anfangen sollte, so unruhig und fröhlich, ohne daß ich wußte, warum, als stünde mir ein großes Glück oder sonst etwas Außerordentliches bevor. Vom Glück und vom Frühling schreibt auch Johanna Walser, und von einer unbestimmten Hoffnung. Alles, was sie ansah, war umgeben von einem schönen Geheimnis, von dem Lisa etwas erwartete.

Johanna Walsers Ich möchte man, obwohl der Titel uns Prosa ankündigt, am liebsten ein lyrisches Ich nennen, das sich immer wieder in ein Sie, in Lisa, Lena oder auch Gisela verkörperlicht. Für dieses Ich ist allerdings nicht durchweg alles, alles gut. Es spürt auch Angst und Fremdheit, Verletzungen, unbestimmte Existenzschmerzen, ein Bedürfnis nach Abstand, ein Gefühl der Schutzlosigkeit. Aber wie bei Eichendorff gibt es keine wirkliche Zerrissenheit zwischen den Polen; Licht und Schatten sind eine Gegensatzeinheit. Johanna Walsers Ich, ein sanfter weiblicher Taugenichts, ist doch am Ende in sich selbst geschützt und als Frau wach und stark, so daß der Titel Versuch, da zu sein übertrieben zaghaft wirkt. Sie fühlte ihr eigenes Selbst wie eine Freundin.

Johanna Walsers Prosa ist in Abschnitte unterschiedlicher Länge aufgeteilt, die sich gelegentlich zur Andeutung einer Handlung entwickeln, dann aber wieder, wie ein Gedicht, eine einzelne Wahrnehmung mit ein, zwei Sätzen in ein Bild zu fassen versuchen. Der See, das goldene Boot, der Wind in den Blättern der Bäume, der davonfliegende Vogel, das Licht und seine Wirkung, die Ferne der Landschaft. Es blitzte. Der Himmel fotografiert sie. Sie ist noch nicht vorbereitet. Sie ist noch nicht, wie sie sein möchte. Subjekt und Objekt vertauschen die Rollen, das romantische Ich verströmt sich in der Seelenlandschaft, aus der es neues Leben gewinnt. Manchmal reichen die Wörter nicht, um das Schöne wirklich ganz zu erfassen. Aber nur durch die Sprache hat Lisa oder Lena die Dinge in der Hand und kann selbst in ihrem Stück die Regie führen.

Die Texte sind in drei Teile geordnet. Zu Anfang steht der Versuch, da zu sein, der zweite Teil reflektiert eine Paarbeziehung zwischen Lisa und Daniel; im dritten Teil, Prüfer und Prüferinnen, werden mit gezielter Naivität unterschiedliche Lebenshaltungen skizziert und im ironischen Sprachspiel bis ins Skurrile getrieben.

Johanna Walser debutierte 1982 mit dem Titel Vor dem Leben stehend. Jetzt ist sie ganz offensichtlich da, keineswegs nur versuchsweise. Sie scheint sicherer in der Welt geworden, allerdings nicht wesentlich älter. Immer noch kreist sie in jugendlichem Ton und fast kindlichem Staunen um das eigene Innere. Sie tut dies aber in einer ganz klangsicheren Sprache und mit Bildern, die zwischen den Seiten glitzern.

Eva Leipprand






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