Hartmut von Hentig

Kreativität. Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff.

Sach. Carl Hanser Verlag, München. ISBN: 3-446-19226-3

Hartmut  von Hentig: Kreativität. Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff.

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   Ein Kreativitätsseminar in der Toscana: Schwalben um den Campanile des Klosters, Blick auf den Dom von Florenz, dessen Kuppelbau ein Symbol für kreatives Genie. Die Gruppe wird mit Meditation und Tai Chi auf das Thema eingestimmt. Von Übung zu Übung wächst das Gefühl, manipuliert zu werden. Das ganz Neue, das Noch-nie-Gedachte, wie kriegen wir es in den Griff? Wie ma-chen wir unsere Kreativität verfügbar? Wie werden wir Herr des Paradigmenwechsels? In ihrem Wahrnehmen und Denken fachmännisch und grundsätzlich erschüttert, erfahren die Teilnehmer nach drei Tagen den Zweck der Übung: es gilt, die Japaner endlich auf dem Weltmarkt zu überholen. Die hier anwesenden leitenden Angestellten und Manager sind von ihren Firmen hergeschickt. Die Frage, ob der rasende globale Wettlauf nicht seinerseits ein Paradigma, und zwar ein auszuwechselndes, sein könne, sprengt den Rahmen des Seminars. Diese Art von Kreativität ist nicht erwünscht.
   Höchste Zeit, daß Hartmut von Hentig, nachdem er sich in den letzten Jahren neue Gedanken zu Bildung und Schule gemacht hat, nun die Kreativität unter die Lupe nimmt. Sie ist das "Heilswort" unserer Zeit, auf das sich die Erwartungen aller richten - "hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff", das macht schon der Untertitel klar. Die Bemühungen der Kreativi-tätsforschung hat von Hentig seit dreißig Jahren mit "skeptischer Sympathie" verfolgt. Mit Sympathie, weil Kreativi-tät ein notwendiges Korrektiv ist gegenüber Einseitigkeiten, z.B. der Alleinherrschaft des Kriterium IQ; mit Skepsis, weil jeder sich etwas anderes darunter vorstellt und überhaupt nicht feststeht, ob und wie Kreativität gelehrt und gefördert werden kann und zu welchem Zweck. "Mit solchen formalen Tugenden kann ein gewissenhafter Pädagoge nichts anfangen."
    Hartmut von Hentig, Deutschlands bekanntester Reformpädagoge, auch mit zweiundsiebzig noch nicht einzuordnen - ist er nun Konservativer oder Revolutionär? - stellt sich der Aufgabe souverän und mit der Autorität aus der reichen Erfahrung seiner 1968 gegründeten Laborschule Bielefeld. Er ist ein Praktiker, der Forschung gegenüber zweifelnd, gelegentlich sanft ironisch. Von einem kleinen Exkurs über die zwei Gehirnhälften abgesehen, erfährt der Leser kaum wissenschaftliche Erkenntnisse. Von Hen-tig gibt für die Kreativität keine exakte Definition ex cathedra, sondern entwickelt den Begriff sprachgeschichtlich-semantisch differenzierend, in Abgrenzung zu Nachbarbegriffen wie der Vorstellung, der Phantasie, dem Schöpferischen, und stellt sie in Zusammenhänge, in den Kontext von Situationen oder auch Weltanschauungen, die Kreativität fördern bzw. ersticken. Die Not zum Beispiel holt den Erfindergeist ans Licht ("Lob des Mangels" heißt drum auch das letzte Kapitel), während Sättigung, ein perfektioniertes System oder auch orthodoxe An-schauungen den Willen zum Neuen gar nicht aufkommen lassen.
   Und natürlich läßt sich Kreativität nicht herstellen, schon gar nicht, indem man Kinder mit munteren Sprüchen und bunten Luftballons zur Produktion von Phantasie verdonnert. Beliebigkeit ist noch lange nicht kreativ, ohne das Konstruktive und das Notwendige, ohne das Ziel, das man erreichen will. "Kreatives Denken ist in erster Linie befreites Denken", und das gibt es nicht auf Rezept. Man spürt das Schaudern des Autors bei Wörtern wie "Kreativitätsmanagement". Von Hentig setzt anders an, er fragt nach dem, was die im Kind angelegte Kreativität am Aufblühen hindert. Dies könnte die genormte Leistungsmessung sein, das Nicht-Gebrauchtwerden, der Mangel an Bewährungsmög-lichkeiten; das "lähmende Gemisch aus Angst und Bequemlich-keit".
   Der Ansatz des Altphilologen von Hentig ist also ein gesell-schaftspolitischer, ein humanistischer: Die Entfaltung der Per-sönlichkeit im demokratischen Rahmen der Polis. Kreativität allein - "ohne einen Maßstab, ohne Einigung auf und Anstrengung für das, was in der abendländischen Tradition das Gute Leben heißt" - hat keinen Sinn, ja wäre zu fürchten, wenn sie sich als Ziel verselbständigte. Ähnlich urteilt er über die Flut von Entwicklungs- und Innovationsstrategien, die zur Zeit auch die Schule überschwemmen. "Wer die Innovations-Gymnastik schon für die Erneuerung hält, betrügt sich."
   Hartmut von Hentig schreibt einen schönen klaren Essaystil, aber keineswegs sine ira et studio. Der Zorn des Humanisten bricht durch, wenn die Wirtschaft die Kreativität instrumenta-lisiert, um die Ressource Mensch als human capital auszubeuten, und noch mehr, wenn die Bildung die Sichtweise der Wirtschaft als Auftrag akzeptiert und sich an den Realitäten des globalen Wettbewerbs orientiert (man beachte die Bildungsdiskussion der Parteien vor dem deutschen Bundestagswahlkampf!). Da wollen die Alten der Ungebundenheit der Jungen die Richtung vorgeben, das Unangepaßte ihren Zwecken anpassen, obwohl doch der Ruf nach Kreativität aus einem Zustand der Festgefahrenheit, der Ausweglosigkeit kommt. Für von Hentig ist dies geradezu die Umkehrung des mit creativity Gemeinten (dies an die Adresse aller Kreativitätsseminare). "Kreativität läßt sich nicht in den Dienst ei-ner herrschenden Ordnung ... nehmen." So würde ja die mögliche Erneuerung verschüttet, "die Chance, die der Generationenwech-sel für jede Gesellschaft in sich trägt". Wie sollte man dann noch, zur "Rettung der abstürzenden Zivilisation", den Ausweg aus dem Netz der Systemzwänge finden.

Eva Leipprand
 






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