Hermann Vinke

Akteneinsicht Christa Wolf. Zerrspiegel und Dialog.

Sach. Luchterhand Literaturverlag, Hamburg. ISBN: 3-630-86814-2

Hermann  Vinke: Akteneinsicht Christa Wolf. Zerrspiegel und Dialog.

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Zu anderen Zeiten lief die Sache anders, sprich: überhaupt nicht. Als zur sogenannten Stunde Null die Heroen und Heroinen des deutschen Geisteslebens unter großdeutschen Bedingungen sich den Staub des sogenannten Zusammenbruchs von den Schultern klopften, blieben selten einzelne Körnchen hängen, die Kunde gaben von Nutznießerschaft oder gar Teilhabe am im nachhinein als verbrecherisch Erkannten, und von der Asche der Mitverantwortung erschienen die Häupter - zum Beispiel - Agnes Miegels oder auch Gottfried Benns unbestreut. Wer in welchem Gremium intrigiert hatte, wer in den Genuß plötzlich freigewordener Pfründe und Posten gekommen war, blieb weitgehend eine Sache des innerbetrieblichen Klatsches. Wo individuelles Versagen vor dem rücksichtslosen Gebrauch staatlicher Machtmittel hätte geklärt werden müssen, war die Rede von Anfechtung. Anpassung, gar Verrat wurden als Standhalten ausgegeben. Folgerichtig fielen dann auch faschistischer Terror, Kriegshetze und ihre Folgen, Mord und Totschlag in ihrer festrednerischen Verarbeitung zumeist unter das wolkige Rubrum "Katastrophe". Heute, da wiederum ein diktatorisches Regime vom deutschen Erdboden verschwunden ist, ziehen sich die Dichter so platt-pathetisch nicht aus der Affäre; Identifikationsfigur für Tausende von Kulturkonsumenten gewesen zu sein, reicht nicht mehr aus, um Verschleierungstaktiken zu rechtfertigen, einer kritischer gewordenen Medienöffentlichkeit sei Dank.
Dieser an sich zu begrüßenden Tatsache hat die Schriftstellerin Christa Wolf zu genügen versucht, als sie Anfang dieses Jahres publik machte, was ihr, wie sie versichert, nach dreißig Jahren Verdrängung erst durch einen Verweis in ihrer eigenen umfangreichen Stasi-Opfer-Akte wieder in Erinnerung geriet, eine kurzfristige, wenn auch zunächst bereitwillige Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit zu Zeiten, als sie selbst dem Staat, in dem sie lebte und gerade erste literarische Sporen verdient hatte, und seinen Organen noch durchaus positiv gegenüberstand. Die Offenheit hat ihr nichts genützt; das Echo, welches das Eingeständnis auf den Kulturseiten vor allem überregionaler Blätter auslöste, stand in keinem Verhältnis zum vergleichsweise bescheidenen Anlaß und geriet zur aufgeregten Fortsetzung der ersten Literatur-und-die-Stasi-Debatte nach dem Erscheinen der Wolfschen Erzählung "Was bleibt".
Was in der Akte eigentlich steht, aber auch, wie es beim sogleich einsetzenden Sturm der mehr oder (vor allem wohl) weniger aufrichtigen Entrüstung zuging, hat der Journalist Hermann Vinke zusammengetragen in einer Dokumentation, mit welcher der Verlag Christa Wolfs in bewundernswerter Schnelligkeit auf die Ereignisse reagiert hat. Absurd die Sammelwut der professionellen Mitarbeiter der Firma Horch und Guck, die sich in der vollständig abgedruckten IM-Täter-Akte wie in den Auszügen aus der Wolfschen Opferakte ausdrückt, beklemmend die Verstörung der Vierundsechzigjährigen gegenüber der so lange verleugneten Episode, die plötzlich die ganze Biographie in Frage stellt, aufschlußreich die Briefe von Kollegen, die Solidarität oder Unverständnis signalisieren.
Interessant, lehrreich und zuweilen unterhaltend ist allerdings vor allem die geballte Fülle der feuilletonistischen Appelle (zu erklären, sich zu rechtfertigen, auszuharren, zu weichen), der einander kommentierenden Kommentare, von denen - bei aller gegenseitigen Relativierung - eines bleibt: der Eindruck, der Trubel um das flugs zum "Fall" Erklärte stehe eigentlich für ganz anderes. Bestenfalls wäre das die exemplarische Auseinandersetzung mit einer sich als sperrig erweisenden Vergangenheit. Die schlimmere Annahme liegt nahe, es sei da mit großem Getöse der Stab gebrochen worden über ein ganzes Schriftstellerleben (mit allem, was, siehe oben, an Identifikation, Hoffnung, auch Lesegenuß daranhing). Zum höheren Ruhme des Stabes.

Julia Schröder






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