Manuel Vicent

Gesang

Roman. C. Bertelsmann Verlag, 254 Seiten. ISBN: 3-570-00388-4

Manuel  Vicent: Gesang

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Manuel Vicent: Gesang at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.

In deutscher Übersetzung gab es bis jetzt noch nichts von ihm. Aber ich verstehe gut, warum der Roman "Der Gesang der Wellen" von Manuel Vicent in Spanien wochenlang auf den Bestsellerlisten stand. Er fängt an wie ein geheimnisvoller Krimi: An den Strand eines Badeortes werden bei glühender Hitze zwei Ertrunkene gespült – ein Mann und eine Frau in Hochzeitskleidung. Es scheint sich um den vor zehn Jahren auf See verschollenen Latein- und Griechischlehrer Odysseus und dessen ehemalige Frau Martina zu handeln. Rätselhaft ist vor allem: Martina hatte inzwischen einen angesehenen, aber etwas unheimlichen Bauunternehmer geheiratet und wurde nicht vermißt. Doch dann wird eine wunderschöne Liebesgeschichte daraus. Wunderschön, weil sie so verrückt ist und so schön geschrieben.

Keine Liebesgeschichte kommt ohne bestimmte Klischees aus. Aber dieser Autor wendet sie einfach an, entzaubert sie im nächsten Satz elegant und verzaubert sie im übernächsten ganz neu: Durch eine kleine Ironie, durch einen ungewohnten Blickwinkel auf ganz gewöhnliche Dinge oder eine Brise Geheimnis, eine überraschende Wendung. Das tut dieser Manuel Vicent, der sonst Kolumnen für die Tageszeitung El País schreibt, auch mit dem Krimi-Element der Geschichte: Ganz am Ende, als alles aufgeklärt scheint, stellen die Behörden fest, daß die Fingerabdrücke des Ertrunkenen nicht mit denen von Odysseus übereinstimmen.

Auch nach dem Paß zu urteilen, den der Tote bei sich hatte, war er ein Ausländer. Doch alle Bewohner des Fischerdorfes darin überein, daß er haargenau wie ihr Dorflehrer aussah. Aus den Erinnerungen der Freunde und Verwandten, Kollegen und Bekannten rekonstruiert der Autor bis auf den erwähnten magischen Rest, was wirklich geschah und was möglicherweise geschehen sein könnte. Beides ist gleichermaßen wichtig für den Erzähler – und für das Lesevergnügen.

So wird man Zeuge, wie der junge, bebrillte und schüchterne Odysseus seine erste Lehrerstelle antritt und als Junggeselle Stammgast eines Fischerlokals wird. Dort hat es ihm die Wirtstochter angetan, dort lernt er, die Liebe mit wohlschmeckenden Speisen in Verbindung zu bringen. Zitat:

"Martinas Unterwäsche hing an bestimmten Tagen auf der Leine im Innenhof, wo er mit dem Hund und der Katze zu Füßen beim Essen saß, das aufgeschlagene Buch neben seinem Teller... Der Kürbisgeschmack des Gerichts, Martinas Unterwäsche, der Glanz des Sonnenlichts darauf und die Lektüre der Äneis verwoben sich für den jungen Lehrer zu einem einzigen Sinneseindruck."

Na ja. Rumgekriegt hat er sie dann mit den Geschichten seines Namensvetters aus der griechischen Antike, den Abenteuern des listenreichen Seefahrers Odysseus. Doch als er dann Bräutigam ist, zeichnet sich schon ab, daß er eigentlich noch nicht so weit war. Vicent beschreibt da einen jungen Mann, der sich über sich selbst erst klar werden muß und über seine Liebe, der sich fragt, ob er nur eingefangen wurde nach Landessitte durch das Kind in Martinas Bauch. Da heißt es:

"Der Bücherwurm von einem Lehrer bewegte sich unter den Gästen wie ein von einer der Harpunen an den Wänden der Taverne getroffener Fisch, dem man viel Leine gab. In seinem Smoking aus zweiter Hand ging er von Tisch zu Tisch, stets am langen Ende eines Bandes, das straff gehalten wurde von Martinas Blick."

Den Leser wundert´s nicht, daß dieser Mann eines Tages nach einem geheimnisvollen Rendezvous auf hoher See beim Fischen spurlos verschwindet. Noch mehr aber wundert man sich, als er verändert und heimlich heimkehrt, und Martina, die längst einem anderen angehört, sich ohne Zögern wieder auf ihre alte Liebe einläßt.

Nun aber bestimmt sie die Bedingungen. Sie hat Geld und versteckt ihren Liebhaber in einem Gefängnis der Leidenschaft. Schließlich hat sie schon einmal um ihn geweint. Es gab eine feierliche Totenmesse. Und jetzt behauptet Odysseus, er sei um die ganze Welt gefahren und wisse jetzt, daß sie die Frau seines Lebens sei. Hingerissen lauscht sie seiner Geschichte von einer Straße in New Orleans namens Sehnsucht und von der Endstation einer berühmten Straßenbahn, die längst auf dem Abstellgleis eines städtischen Parks gelandet ist, der "Endstation Sehnsucht".

Als sie entdeckt zu werden drohen, beschließen sie, sich auf einer alten Yacht dem Meer anzuvertrauen, sie, die beide nicht schwimmen können. Das Boot ist leck, es sinkt. Doch Martina hat den Beweis seiner Liebe. Und das Fischerdorf hat seinen Mythos, einen modernen, oder sollte man vielleicht sagen, einen unsterblichen? Widmar Puhl, SWR 2

 






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Rezensionen in der Kategorie: Roman  



Partner-Shop: Amazon.de

Gesang Amazon.de-Shop
Manuel Vicent: Gesang

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Manuel Vicent: Gesang at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012