Adrianus Fr. Th. van der Heijden

Der Anwalt der Hähne

Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main. ISBN: 3-518-40729-5

Adrianus Fr. Th.  van der Heijden: Der Anwalt der Hähne

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Wer kennt schon seine Nachbarn? Auch die Niederlande, wer hätte das gedacht, haben ihre Abgründe. Und eine junge Generation von Schriftstellern - Margriet de Moor, Leon de Winter - greift das Dämonische in Familie und Gesellschaft als Schreibanlaß für handlungsträchtige Romane auf. Einer der radikaleren in Stoffwahl und Ausdrucksweise ist der vierundvierzigjährige Autor A. F. Th. van der Heijden. Von ihm liegt nun das dritte Buch auf deutsch vor: "Der Anwalt der Hähne", Trinkerbiographie, politische Satire, Gesellschaftsbild und Sexualpathologie in einem - oder zumindest der Versuch alles dessen.
Die Titelfigur heißt Ernst Quispel, ist Ende dreißig, darf als Berufsbezeichnung seinem Namen ein ehrendes "Meester" voranstellen und ist tatsächlich der "Anwalt der Hähne". Das Wortspiel, das im Deutschen nicht recht aufgeht, bezieht sich auf junge Punks im Umfeld der Amsterdamer Hausbesetzerszene Mitte der achtziger Jahre, wegen ihrer Frisuren wie bunte Hahnenkämme "de hanen" genannt. Fünf Jahre nach dem Erscheinen des niederländischen Originals sollte jene Zeit der "Kraker", der von Protesten begleiteten Krönung der Königin Beatrix ("geen woning, geen kroning"), dem Leser schon ein wenig entrückt vorkommen, jedenfalls historisch konkreter, als van der Heijden sie erstehen läßt. Natürlich sind die Ereignisse um den rätselhaften Tod des jungen Oberhahns "Dr. Nop" im Polizeigewahrsam dramatisch bis drastisch ausgemalt. Und dennoch wirkt die Besetzung des alten Untersuchungsgefängnisses und seine spektakuläre Räumung weniger wie die Spannung aufbauende und zur Lösung drängende, gute alte Politkolportage zum Zwecke der Aufklärung, sondern eher wie eine bloße Kulisse für das innere Drama des Helden, dessen Alkoholismus sich in periodischen Phasen heiliger Trinkerei Luft macht und der alles nur als Zuschauer von ferne mitzuerleben scheint.
 Ob das Absicht ist? Ob es auch Absicht sein kann, daß Quispels schöne, schwangere Frau angesichts einer Dealerverfolgung auf offener Straße "Zustände wie in Verfall mit Unterfutter Sarajevo" assoziiert (im April 1985)? Oder ob nicht die ganze raffiniert in einander überlagernden Rückblenden präsentierte story und ihr pittoreskes Personal - aufsässige ,No-future'-Kids, hilflose Eltern, machtversessene Politiker, gebrochene Künstler, gewaltbereite Polizisten - nichts anderes als Unterfutter sind für eine höchst individuelle Verfallsgeschichte, die ohne all das ein wenig dünn geraten wäre?
Meester Ernst Quispel verliert im Laufe der gut sechshundert Seiten füllenden Geschichte alles: seine Selbstsicherheit, seine Reputation, seine Arbeit, seine Frau, seine Glaubwürdigkeit und nicht zuletzt die lebensnotwendige Balance zwischen langer Abstinenz und exzessivem Alkoholkonsum - Grundlage seines "Glücks", wie er es nennt. Die Frage ist allerdings, ob diese Figur und was ihr zustößt überhaupt interessierte, wenn sie nicht Träger wichtiger Erinnerungen und explosiver Informationen wäre, wie sich nach und nach herausstellt. Quispel nämlich, der die Eltern des toten Jungen vertritt, wäre ein Schlüssel zum Rätsel dieses Todes, verschweigt aber einen zentralen Hinweis, weil er damit gleichzeitig seine Neigung zu wochenlangen Ausflügen in die wodkagetränkte Gosse offenbaren müßte. Was ihn außerdem hervorhebt, ist seine Virtuosität in der oralen Beglückung mehr oder weniger junger Mädchenblüte, der er sich in den Zeiten des Rauschs und denen des Katers ausführlich widmet. (In der Tat, als Guide durch Grachten, Gasthäuser und Genitalien Amsterdams ist das Buch ohne Vorbild.)
Was Ernst Quispel im Innersten antreibt, bleibt allerdings verborgen. Seine Künstlerfreunde, wiewohl mit extravaganten Vergangenheiten ausgestattet, verwirren bis zum Schluß als oberflächlich ausgeführte Skizzen. Seine Frau Zwanet bleibt ein Mirakel an desinteressierter, gleichwohl liebender Duldung seiner Ausschweifungen. So reich das Buch an Dialogen ist, so geglückt der Autor die Schilderung von Kneipenatmosphären und -interieurs hinbekommt, so wenig verbindet sich dies alles zu einem schlüssigen Roman, sei es ein Gesellschaftsbild, eine Beziehungsgeschichte, ein Psychogramm oder - siehe oben.
Einmal räsonniert van der Heijden über das Lebensprinzip seines Helden, die Todesverleugnung: "So wie Quispel jetzt war, zum Kotzen glücklich, nahm er den Tod achselzuckend zur Kenntnis. Und genau das - die Abwesenheit des Todes - machte ihn so einsam und verzweifelt in seinem Glück. Er litt an einem Glück, das entmenschlichte. Er war kein Mensch mehr." Am Schluß kehrt das Verdrängte wieder, und Ernst Quispel kann vom Kommen des Todes nicht mehr absehen: "So war es ein geduldiger Tod, ein Trödler; und das traf sich gut, denn Quispel hatte keine Eile. Er stand gerade erst am Anfang seines Selbstmords - Schluck für Schluck." Ein Mensch aber ist er unterdessen nicht geworden.

Julia Schröder






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