Ute Gerhard; Trudi Knijn; Anja Weckwert

Erwerbstätige Mütter. Ein europäischer Vergleich

Sach. C.H. Beck Verlag, beck'sche reihe, 253 Seiten. 14.90 EUR . ISBN: 3406494331

Wenig Neues in Teufels Küche
Ute  Gerhard; Trudi  Knijn; Anja  Weckwert: Erwerbstätige Mütter. Ein europäischer Vergleich

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Für die Nationalversammlung 1919 durften erstmals auch Frauen ihre Wählerstimme abgeben. Die freie Wahl zwischen Herd und Arbeit ist besonders für Mütter weitaus komplizierter - nach wie vor.

Sie sind keine Minderheit. Sie sind nicht in Pressure-Groups organsiert. Sie machen nicht mit Demonstrationen oder Menschenketten auf sich aufmerksam. Wenn sie in der Hauptstadt, zum Beispiel vor dem Reichstag aufmarschieren, dann können sie eins der sonst so seltenen Privilegien auskosten: Wer mit Kinderwagen kommt, darf an der hundert Meter langen Schlange Wartender vorbei, durch den Seiteneingang und mit Rollstuhlfahrern den erstbesten Aufzug zur Besucherplattform nehmen. Davon abgesehen wird einem hierzulande das Großziehen von Kindern eher selten leicht gemacht, Müttern schon gar nicht, speziell wenn sie dann noch berufstätig sind.

Um die eingangs eingeflochtene Annahme, dass Kinderwagen von Müttern geschoben werden, soll es hier aber gar nicht gehen, genauso wenig um Berufstätigkeit zugunsten einer Aufbesserung der Haushaltskasse oder des Wohlergehens (beider Partnersowie Kinder, wie ich betonen möchte); auch geht es nicht um Gewissensbisse oder um in ihrer Denkart so fragwürdig beladene Begriffe wie Rabenmutter, Schlüsselkinder und Karrierefrauen. Erwerbstätige Mütter - Ein europäischer Vergleich untersucht Strukturen und Institutionen, die das Verhalten von Menschen bestimmen. In jedem der acht akademischen Essays und Studien schauen die Autorinnen über den deutschen Tellerrand hinaus. Ein zwischen Windeln und Büro leicht konsumierbarer Reader ist dabei leider nicht entstanden. Die drei Herausgeberinnen und ihre neun Co-Autorinnen, größtenteils Professorinnen für Sozialpolitik oder Soziologie, legen Artikel vor, in denen man den Inhalt vor lauter Referenzen und Parenthesen nicht immer auf Anhieb entdeckt. Sie erörtern "Erwerbstätigkeit versus Betreuungsarbeit", "Politische Handlungslogik" an den Beispielen Frankreichs und Schwedens, "Kulturelle Leitbilder in der Wohlfahrtspolitik". Weitere Aufsätze befassen sich mit Alltagspraxis und -organisation, mit der Situation in Norwegen, Italien und Spanien. Thematisch also spannend und immer wieder inmitten gesellschaftspolitischer Spannungsfelder.

Der Artikel 119 des EWG-Vertrages legte schon 1957 fest, dass "gleiches Entgelt für gleiche Arbeit" zu zahlen sei, wobei es allerdings weniger um Gleichberechtigung der Geschlechter ging als um ökonomische Interessen: "Angesichts niedriger Frauenlöhne in einigen Ländern und Industriezweigen bestand die Sorge, dass Wettbewerbsverzerrungen auftreten könnten. Vor allem Frankreich befürchtete Wettbewerbsnachteile, da das französische Recht bereits erste Bestimmungen zur Lohngleichheit enthielt, und setzte schließlich die Aufnahme des Artikels 119 gegen Widerstände (vor allem der BRD) durch." Nach wie vor variieren innerhalb der EU Traditionen und Sozialsysteme enorm, ebenso jedoch auch die Situationen erwerbstätiger Frauen - was nicht zuletzt auf die entsprechenden Strukturen zurückzuführen ist. Was Fürsorgeangebote, aber auch arbeitende Frauen betrifft, gibt es in Deutschland nach wie vor Diskrepanzen zwischen den Bundesländern Ost und West, genauso in Europa zwischen den Ländern, in denen Krippen für Kleinkinder bezahlbar oder eben kaum vorhanden sind. Deutschland, so scheint es besonders in einigen konservativ verwalteten Bundesländern, hinkt anderen Nationen um etwa ein Jahrhundert hinterher.

Doch das Problem ist vielschichtiger. Wesentlich an gesetzlich verankerten Gleichstellungsbemühungen ist, dass sich der EuGH an der Logik des gemeinsamen Marktes orientiert. Die Politik setzt voraus, dass Männer wie Frauen erwerbstätig sind, ignoriert dabei aber die soziale Realität, bei der Teilzeitarbeit - und damit verbunden die Alterssicherung - nur stiefmütterlich beachtet werden. Zugleich ist es "keineswegs ausgemacht, dass alle Frauen eine Vollzeitbeschäftigung wünschen würden, wenn plötzlich eine qualitativ gute und erschwingliche Tagesbetreuung bereitstünde". So gaben in Großbritannien "90% der teilzeitbeschäftigten Mütter an, nicht ganztägig arbeiten zu wollen (Thair und Risdon 1999). Diese Aussagen stehen natürlich in einem Zusammenhang mit der gegenwärtigen Betreuungssituation, die in Großbritannien problematischer ist als in den meisten europäischen Ländern." Dort, wo Fürsorge - auch von Alten - zunehmend als Ware eingestuft wird, führt es zu neuen Konflikten, wenn Betreuungsarbeit von Besserverdienenden bezahlt, im Privaten jedoch als selbstverständlich unentgeltlich hingenommen wird.

So gesehen gleicht Erwerbstätige Mütter dem Blick in ein Kaleidoskop. Auch wenn Demonstrantinnen einen nicht darauf stoßen, befinden wir uns 84 Jahre nachdem Frauen hier erstmals wahlberechtigt waren, immer noch in Teufels Küche. Aber, wie der Brite so gerne sagt, bei der Arbeit und an den Schreibtischen, an denen um Macht und Einfluss gepokert wird: If you can't stand the heat, get out of the kitchen. Weiterhin bleibt viel zu tun, in der Politik, im Parlament und in den Köpfen. Nach wie vor ist die Wahl zwischen Beruf und Küche nicht frei. Nach wie vor von stetigem Wandel bestimmt sind die Rückwirkungen, die sich aus der Technisierung der Haushalte und zunehmender Gleichberechtigung ergeben, genährt vom ökonomischen Druck und zerfallenden Familienstrukturen und Traditionen.

© Matthias Penzel, 2004. Original erschien dieser Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 20.10.2003






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