Thomas Urban

Nabokov

Sach. Propyläen, Berlin. ISBN: 3-549-05777-6

Thomas  Urban: Nabokov

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Ein träumender Torwart in Berlin

'Ich war weniger Hüter eines Fußballtores als Hüter eines Geheimnisses. Während ich mich mit verschränkten Armen an den linken Torpfosten lehnte, genoß ich den Luxus, meine Augen zu schließen, und so lauschte ich dem Pochen meines Herzens, fühlte den blinden Nieselregen auf meinem Gesicht...' So verträumt wie frotzelnd beschreibt ein älter gewordener Nabokov seinen sportlichen Einsatz im russischen Fußballverein Berlins. 'Die Rolle des Torwart ließ ihm Zeit, gedanklich in eine andere Welt zu flüchten', interpretiert Thomas Urban dagegen diese Zeilen bierernst. Nicht nur von diesem Satz Urbans kann einem schwindelig werden. Pünktlich zum hundertsten Geburtstag Vladimir Nabokovs stellt der Slawist und Übersetzer Thomas Urban seine Sicht auf die fünfzehn Berliner Jahre des russischen Schriftstellers vor. Urban versucht alles, was mit Berlin und den schreibenden Emigranten zu tun haben könnte, in seine rund 200 Seiten dicke Biographie hineinzustopfen. Es gibt ein wenig Oktoberrevolution, ein wenig Sport, Klubgeist und Politik, ein wenig Emigrantenalltag und Berliner Topographie - und wenig zu Nabokovs Berliner Romanen. Die russischen Ereignisse von 1917 faßt Urban flott zusammen; 'Abdankung des Zaren, politisches Chaos, Machtergreifung der Bolschewiken. Die große Krise überschattet Vladimir Nabokovs geliebte Heimat, wo er die paradiesischen Jahre seiner Jugend verbrachte...' Die Familie verließ das geliebte Land und landete in Berlin, wo es sich zunächst ganz prächtig leben ließ. Die russischen Emigranten profitierten Anfang der zwanziger Jahre von Deutschlands wirtschaftlichem Desaster. 1923 existierten allein sechsundachtzig russische Verlage und Buchhandlungen sowie neununddreißig regelmäßig erscheinende Zeitungen in Berlin. Die russischen Schriftsteller aalten sich in diesem erfreulichen Zustand. Dichter, Musen und Spione tummelten sich in den Cafe's und Emigrantenvereinen rund um den Nollendorfplatz. Doch nach rund zwei Jahren Saus und Braus wars denn auch schon wieder vorbei mit der pekuniären Freiheit. 1923 brach die Emigrantenkolonie in Berlin durch die Einführung der Rentenmark und Moskaus Verzicht auf Reparationszahlungen auseinander. Und jetzt tritt unser Dichter in Erscheinung, der leider noch zu jung war, 'um in der literarischen Szene einen Namen zu haben.' Urban durchpflügt die Jahre 1922-1937, in denen Nabokov in Berlin lebte, liebte und sich fortpflanzte, pedantisch nach seinen Spuren. Allein 32 Seiten sind der Aufzählung aller Adressen Nabokovs gewidmet. Abriß, Zerstörung und Umbauten der von ihm bewohnten Häuser sind vermerkt, eine Schmetterlingshandlung ist im Nabokovstadtplan eingezeichnet und die im Roman Die Gabe beschriebene Bedürfnisanstalt ist auf einem Foto zu bewundern. Das ist zwar fleißig recherchiert, aber diese schwerverdaulichen Aufzählungen zeugen von Urbans Eifer, das Berlinthema aufzublasen. Nabokov wohnte in Berlin, weil es so schön nah an der Heimat lag, - quasi in der Warteschleife. Ansonsten interessierte er sich kaum für Berlin und die Deutschen. In seinen Romanen dient ihm die Stadt als unscharfe Kulisse, nur in König, Dame, Bube sind die Dargestellten deutsch. Urban beschwert sich bei einem der wenigen auf Berlin bezogenen Gedichte Nabokovs; es würden keine Eindrücke von der Stadt als Ensemble von Gebäuden und Straßen widergespiegelt, sondern Stimmungen des Autors - was man ja von Dichtern gemeinhin erwartet. Hinter manchen haßerfüllten Äußerungen Nabokovs über Berlin und die Deutschen erspäht Urban 'eine Art Liebeserklärung'. Den Titel seiner Biographie entnahm er einer Rückschau Nabokovs auf die Berliner Zeit; 'Blaue Abende in Berlin, der blühende Kastanienbaum an der Ecke, Verwirrungen, Armut, Liebe,... und eine geradezu schmerzende Sehnsucht nach dem noch frischen Geruch Rußlands.' Um selbst nicht in Armut leben zu müssen, boxte der Dichter, entwarf Kreuzworträtsel und unterrichtete in Englisch und Tennisspiel. Danach schrieb er bis in die Nacht Gedichte und Prosa. Es blieb keine Zeit, über Politik nachzudenken. Obwohl im Klappentext der Berliner Biographie behauptet wird, daß der Text einen Nabokov zeige, der 'weit mehr als bisher bekannt ein homme de politique gewesen' sei, beweist Urban das Gegenteil. Warum er mit seiner jüdischen Frau Deutschland nicht schon 1933 verlassen hatte, begründet Nabokov später; 'Wir waren immer träge... Wir haben uns an einen Platz gewöhnt und sind einfach geblieben.' Den Faschismus nahm Nabokov nur am Rande wahr, es waren wirtschaftliche Gründe, die letztendlich den Ausschlag zur Auswanderung gaben. Über das Sowjetsystem äußerte er sich Zeit seines Lebens 'ausschließlich hämisch', wie Urban selbst feststellt. Nabokov hatte nur Verachtung über für das 'von Lenin geschaffene bestialische Regime', das mit der menschenverachtenden Politik des Nationalsozialismus gleichsetzte. Von wegen - homme de politique -Nabokovs Verhältnis zur Politik ist von blindwütigen Verallgemeinerungen gekennzeichnet. Nabokov - Kenner wird diese Biographie langweilen. Wer es doch wagt, wird schwer daran zu knabbern haben.

Anne Hahn






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