Holde-Barbara Ulrich

Zuhause ist kein Ort

Bestseller. Ullstein, München. 8.95 EUR . ISBN: 3-54824-825-X

An die Wand gespielt
Holde-Barbara  Ulrich: Zuhause ist kein Ort

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Die kleine Chioma wächst bei den Großeltern auf. Ihre Mutter läßt sich gelegentlich sehen, kann aber mit dieser Tochter, deren braune Haut sie schon von weitem als Sproß einer kurzen Liaison mit einem Afrikaner kennzeichnet, nicht allzuviel anfangen. Kurzerhand erzählt sie, dass dieser Vater tot sei und läßt die Kleine mit den Fragen, die ihre Andersartigkeit in einer weißen Umgebung aufwerfen, allein.
Chioma sitzt auf dem Dreirad und schreit wie verrückt. Sie hat so riesige Angst vor der Spinne, die da sitzt. So viel Angst, dass sie einen Unfall baut. Und der Großvater, der zu ihr rennt, um ihr zu helfen, verunglückt gleichfalls. Allen tut alles mögliche weh. Und dann versucht die Urgroßmutter zu erklären, dass Spinnen nette, nützliche Tiere seien. Chioma glaubt es nicht. Zu Recht.
Es war der Moment, in dem sie ihre Mutter erkannte. Diese Mutter, die sich im Buch Clara nennt. Und niemand anders als die Autorin ist.
Ausgesaugt hat sie ihre Tochter. Hat eine Geschichte erzählt, die nicht die ihre ist. Sie, eine Weiße, die sich in gesicherten DDR-Verhältnissen ein ebensolches zu einem Afrikaner leistet. Die sich einen Deut um diese Tochter kümmert, bis diese anfängt, ein eigenes Liebesverhältnis aufzubauen. Denn das geht ja nun nicht, da sei sogar die Ost-Moral vor. Und die Eifersucht. Und die Angst, selbst alt geworden zu sein.
Sie hat in einem hoffentlich letzten, aber dennoch geglückten Versuch die Hoheit über das Blut ihrer Tochter an sich gerissen, indem sie die Geschichte von deren Selbstfindung, die auch in der Abgrenzung von dieser egozentrischen Mutter lag, zu ihrer Geschichte gemacht hat, im Buch stellenweise sogar zur Geschichte der Mutter umdefinieren will. Indem diese Mutter über ihren Schatten springt, sich selbst literarisch durchaus ungeschont verwertet, reißt sie noch einmal die Initiative über ihre Tochter an sich. Indem sie die Geschichte erzählt, die eigentlich Chioma (obwohl dies ein neuerlicher Mutter-Name ist, will ich ihn hier stehen lassen, um die Intimität der wirklichen Person nicht zu touchieren) erzählen sollte, träufelt sie der sich zum Leben erhebenden Tochter Wachs ins Gesicht.
Und das hat die kleine Chioma durchaus gewußt, als sie anfing, Spinnen zu hassen.
Später, in Afrika wird sie sich an den Gedanken von Spinnen gewöhnen. Zwar sind in den von ihr besuchten Gegenden Vogelspinnen nicht ein Viertel so häufig, wie es im Buch scheint, aber gefährlicher als ihre blassen mickrigen europäischen Pedantinnen sind diese Mords- (oder soll man sagen Flinten-) Weiber allemal. Diese macht- und geldsüchtigen Mammys, die die Kleinhandelswirtschaft nicht nur in Nigeria und angrenzenden Gebieten am Laufen halten.
Irgendwie erscheint die kleine Episode mit der Dreirad-Spinne die Lebensgeschichte der Frau, die hinter dem Namen Chioma verborgen ist, zu bezeichnen.
Das kann man sehen, aber es spielt eigentlich nicht so die Rolle im Buch, dass nach den tatsächlichen Erlebnissen der Tochter der Autorin geschrieben wurde.
Es gab ein Foto im „Focus“: Die Mutter sich präsentierend. Die Tochter, trotz deren imposanter Ausmaße, in der Schwangerschaft noch unterstrichen, an die Wand sich drückend. Neben der Spinnengeschichte ist dieses Foto ein zweiter Schlüssel zum Buch. Das ist das eigentliche Thema, das durch das folgende nur übertüncht wird.

Dabei muss man der Autorin lassen, dass sie das Thema „Finden der fehlenden Wurzeln einer farbigen Deutschen“ so gut aufgreift und verarbeitet, dass man beinahe gar nicht merkt, dass es nicht das wirkliche Thema ist.
An und für sich hat dieser Stoff ja auch genug zu bieten, so dass denn doch darauf eingegangen werden muss. Will sagen, dass eine Rezension dieses Buches, obwohl hier eigentlich angebracht, nicht das in ihm ausdrücklich Geschriebene vernachlässigen darf. Dazu ist Frau Ulrich denn doch zu gut.
Die meisten jungen Farbigen nicht nur hierzulande haben abwesende Väter. Und sie leiden oft darunter. Nicht nur wegen des Vaters, der nicht da war. Sondern wegen des farbigen abwesenden Vaters, der ihnen schuldig blieb, ihnen die Hälfte ihrer Identität, die Hälfte ihrer „roots“ (so das in dieser Beziehung wegweisendes Buch des Amerikaners Alex Haley zum Thema) zu vermitteln. Das besondere im Osten Deutschlands war dazu, dass eine Kontaktaufnahme fast ausschließlich von Seiten dieser ausländischen Väter möglich war. Die Mauer war nur halbdurchlässig.

In den letzten Tagen der ddr war es Chioma, einer jungen Afrodeutschen, gelungen, ein Praktikum in Ghana abzufassen. Von dort bricht sie, natürlich ohne gültige Papiere nach Nigeria auf, um dort ihren Vater zu suchen. Sie findet ihn schließlich, kurz bevor sie in die Verhältnisse der deutschen Geschichte zurückfliegt. Und kurz vor seinem Tod.

Wie Frau Ulrich Nigeria beschreibt, insbesondere diese unnachahmliche Art der Igbos (sprich: Ibos), um alles Mögliche drum herum zu reden, aber nie über das, was wirklich interessiert; wie sie als nigerianische Universalgottheit, den Naira (die dortige Währung) benennt – das alles hat schon was.
Kleinigkeiten stören: So die die gelegentliche Erwähnung von Handys als Statussymbol. Sie waren Ende der Achtziger nicht nur in Nigeria unbekannt. Oder auch die falsche Klassifizierung der Automarken (natürlich rangieren BMW und Volvo in Westafrika weit vor einem Mercedes).
Unwahrscheinlich auch, dass die Soldaten, die allüberall ihre Straßensperren aufrichten, um Passanten eine Art Wegzoll abzuverlangen, Chioma nach ihrer Identifizierung als eine Verwandte des „Königs“ einfach durchlassen. Erstens gibt es im Igbo-Land durchaus mehrere „Könige“ – ich nehme an, es ist der „Eze“ gemeint – und zweitens sind die hier stationierten Soldaten aus Gründen der Armeeraison zum großen Teil Haussa oder zumindest von den mittleren Stämmen, die den örtlichen Eze nicht unbedingt schätzen. Jedenfalls nicht so wie den Naira.
Unglaubwürdig klingt meinen Ohren auch, dass der Igbo-Clan die noch zu prüfende Tochter ausgerechnet ins zentrale Heiligtum der konkurrierenden Yoruba, nach Oshogbo, schickt. Aber da die Igbos sich im Unterschied zu den Yorubas in ihren eigenen religiösen Dingen kaum zurechtfinden, kann das schon vorkommen. Fehler macht schließlich jeder mal.
Aber mit solcherlei Mäkligkeiten streifen wir eigentlich nur die Randgebiete des Themas. Auch wenn den Kerndeutschen mit weißer Haut, blauen Augen und brauner Gesinnung kaum interessieren dürfte: Es gibt andere Kulturen, andere Werte und innere Menschlichkeit. Und Leute, die die Gene zweier Welten in sich tragen, sind Zaunreiter, in deren Händen und Denken die Zukunft der Globalisierung liegen könnte. Chioma ist eine von ihnen, die sich den Herausforderungen ihrer Identität stellt. Sie kommt als Suchende nach Owerri, der Stadt ihres Vaters. Und geht als Heilerin. Auch wenn es sie wenig befriedigt: Die Antwort auf unsere Frage ist manchmal tatsächlich: dass wir Antwort auf Fragen geben.
Chioma heilt mit ihrer Geschichte nicht nur die Finanzen ihrer Mutter. Sondern auch die Zerrissenheit ihres Vaters, der sie stets verleugnete.
Und damit kommen wir zu der im Buch kaum beantworteten Frage: Warum verleugnete er sie?
Weil er zu europäisch verbildet war, um stolz auf seine Erstgeborene, seine Ada, zu sein? Weil er – wie so viele Väter aus der Dritten Welt – zu arm war, um sich einer europäischen Tochter als Vater erkennen geben zu können? Oder einfach nur, weil er – schicksalergeben – wartet, bis das, was zusammengehört auch zusammenwächst, bis die Tochter kommt, indes sich ein fern gewordenes Deutschland in einer Soße wälzen kann, die die braune Farbe auf die Gesinnung beschränkt?
Wünschen wir dieser mutigen Zaunreiterin und ihren Verbündeten alles Gute. Mut nicht nur zum Leben und sogar zum Überleben.
Und dass sie irgendwann frei stehen und reden und schreiben kann, damit das Mutterherz breche. Nur aus dem Tod kann neues Leben wachsen. Der einzige, der das nicht nur wusste, sondern über die Grenzen hinaus auch für sie lebte, bzw. eben in der Überschreitung dieser Grenze nicht mehr lebte, war Chiomas Vater. Es hat sich gelohnt, seinen alten schwarzen Arsch zu finden.

Reinhard W. Moosdorf






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