Anne Tyler

Engel gesucht

Roman. S. Fischer Verlag, S. Fischer. ISBN: 3-100-80020-6

Anne  Tyler: Engel gesucht

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Barnaby Gaitlin wird bald dreißig. In den Augen seiner Familie ist er ein Loser - er, der alle Möglichkeiten gehabt hätte, dessen Eltern wohlhabend sind - er also arbeitet für einen Hungerlohn für eine Firma, die sich "Bizeps-Vermietungs-AG" nennt. Diese vermietet an ältere, gebrechliche Menschen die Muskeln junger Leute, die einkaufen, Möbel schleppen, Keller ausräumen und vieles andere.

Daß ausgerechnet Barnaby die Schlüssel für fremde Wohnungen anvertraut werden, erfüllt ihn hin und wieder immer noch mit leisem Unbehagen. Er hat in seiner Jugend, gemeinsam mit Freunden, in die Häuser der Nachbarschaft eingebrochen. Während seine Freunde sich jedoch über die Spirituosen hergemacht haben, hatten es ihm hauptsächlich die privatesten Besitztümer angetan - Fotoalben, Briefe - das war seine Leidenschaft.

Doch seit diesen Jugendsünden ist eine Menge Zeit vergangen - Barnaby wird schließlich nun auch schon dreißig, ist bereits geschieden und hat eine Tochter. Deshalb beschäftigt es ihn doch sehr, als er vor einer seiner Fahrten nach Philadelphia beobachtet, wie ein Mann am Bahnsteig verzweifelt einen Menschen nach dem anderen anspricht, um einen Gefallen bittet - nur ihn nicht. Ein Päckchen soll am Bahnhof übergeben werden - angeblich enthält es den Reisepass der Tochter, die heute noch nach Europa abfliegen soll.

Eine blonde Frau stimmt dem schließlich zu - und Barnaby beobachtet fasziniert, daß sie nicht ein einziges Mal, ein winziges bißchen versucht nachzugucken, was denn nun tatsächlich in diesem Päckchen versteckt ist.

Endlich bei seiner Tochter eingetroffen, er ist natürlich um einiges zu spät, eröffnet ihm seine Exfrau, es wäre wohl besser, er würde gar nicht mehr kommen.

Ein schlechter Tag also für ihn. Vielleicht, so überlegt er, war jene Frau im Zug sein privater Engel - schließlich hat seit Generationen jeder der Gaitlins seinen persönlichen Engel vorzuweisen, der ihm den entscheidenden Lebensleitfaden geliefert hat.

Am Samstag danach sieht er sie wieder und schafft es diesmal, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Um einen triftigen Grund für seine Fahrt zu haben, erzählt er ihr von seiner Familiensituation, daß es ihm nahegelegt worden sei, seine Tochter nicht mehr zu sehen. Sie begleitet ihn auch fast bis zum Haus - wo ihnen plötzlich seine Tochter in die Arme läuft, die überglücklich ist, von ihrem Vater nun doch nicht verlassen worden zu sein.

Es scheint, als wäre Sophia Maynard tatsächlich sein guter Engel wäre, sie vermittelt ihm Arbeit bei ihrer Tante.

Noch ehe Barnaby sich versieht, verliebt er sich in seinen grundsoliden Bankangestellten-Engel.

Auch das Verhältnis zu seiner Tochter wird immer inniger - sie besucht ihn in den Sommerferien, und scheint richtig glücklich mit ihm zu sein.

Doch mitten in dieser Phase behauptet Sophias Tante plötzlich, er, Barnaby, hätte sie bestohlen.

Gaitlin stürzt in ein tiefes Loch, ist total verzweifelt, doch Sophia behauptet, ihm zu glauben.

Daß ihm seine anderen Kunden vertrauen, merkt er am nächsten Tag - alle wollen sie plötzlich im Sommer Streusalz kaufen, oder ähnliche überflüssige Kleinigekeiten erledigt haben.

Lange Zeit hört er nichts mehr von der Tante - da kommt plötzlich ihr Telefonanruf. Sie möchte beide, ihn und Sophia sprechen....

Ich kann es nur schwer beschreiben, warum mir dieses Buch so gut gefallen hat. Eigentlich ist es ja nicht besonders aufregend, oder sprachlich so außerordentlich interessant.

Aber es beschreibt Alltag auf eine sehr kraftvolle Weise. Es erzählt vom Reifeprozess eines Mannes, wie er lernt, irgendwann wirklich auf sich selbst zu vertrauen.

Besonders beeindruckt hat mich die für einen Roman doch meist untypische Erzählhaltung: daß es nicht ein langsames Voranschreiten, eventuell mit ein, zwei Rückschlägen gibt, sondern ein ständiges Auf und Ab, sei es in der eigenen Entwicklung, oder im Verhalten der Umwelt.

Außerdem ist die Geschichte einfach zeitlos. Man könnte nicht genau einordnen, ob sie nun in den neunziger oder sechziger Jahren spielt, dieser Hintergrund ist nicht ausschlaggebend.

Ich habe beim Lesen häufig herzhaft gelacht, war oft nachdenklich, ein wenig traurig, resigniert - und das macht für mich ein gutes Buch aus, daß ich mitten ins Geschehen eintauchen kann. Das ist Anne Tyler wirklich hervorragend gelungen!

Daniela Ecker






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