Alexandar Tisma

Kapo

Roman. xxxx,

Alexandar  Tisma: Kapo

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Alexandar Tisma: Kapo at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.

 

Am Anfang war das Verbrechen. Die tägliche Vergewaltigung wehrlos gewordener Frauen. Der kleine Faschismus im Großen. Jahre später beginnt der Roman.

Vilko Lamian ist ein Niemand. Einer, der zwar teilnimmt, den man aber auch nicht vermissen würde. Als Katasterbeamter in Banja Luka führt er ein kleines, graues Leben. Man kannte ihn als "schweigsamen und zurückgezogenen" Menschen, als "einsamen Passanten und Wanderer". Aber Schein und Sein klaffen auseinander – oder zumindest Schein und Seinsvergangenheit. In Wirklichkeit ist Lamian "eine Bestie, ein Monstrum, ein Folterknecht, ein Hitler-Kapo, ein Erzfeind". Das weiß und denkt er selber. Ich ist ein Anderer, wenn auch ein Vergangener, und der gehört zu ihm. Lamian – ein lupus inter homines.

Vilko Lamian ist Jude. Und wollte keiner sein. In seinen Jugendjahren an der Universität in Novi Sad verleugnete er sich und tendierte sogar zu kroatischen Extremnationalisten, bis er niemanden mehr hatte und sich selbst auch nicht genügte.

Die Feindschaft zu seiner Herkunft und daraus resultierende Distanz zu sich selbst ermöglichten es ihm, radikal vom Opfer zu einem Täter zu werden, der seine eigenen Ängste und Zweifel in Gewalt gegen andere umsetzt. Dem Konzentrationslager Jasenovac entronnen, nutzt er – unter falscher Identität – als Werkstatt-Kapo in Auschwitz den Hunger von dem Tod geweihten weiblichen Häftlingen aus, die er für einen Bissen Brotes auf seine Bettstatt zwingt: auf die ganz private menschenverachtende Schlachtbank. Es handelt sich aber keineswegs um ein Tarnkappendasein im Pfuhl der Menschenvernichter: das do as the romans do ist nicht lebenserhaltende Pflichtaufgabe, sondern vielmehr satanisches Spiel mit Bestechung, Zynismus und Erpressung, an deren Ende ein luxuriöser Selbstzweck steht.

Das Bewusstsein um die Schuld, die nach dem Krieg ungesühnt geblieben ist, macht ihn zu einem lebendigen Phantom, gefangen zwischen Verdrängung und Paranoia. Als einzige Rettung erscheint ihm eine fatale Situation: er erhofft sich die Begnung mit der Jüdin Helena Lifka, die er lange Zeit missbrauchte, von der er aber auch hofft, dass sie durch ihn überlebt hat.

An dieser Stelle lässt Tišma den Roman beginnen: Man tritt dort in das Geschehen ein, wo es (beinahe) enden wird. Rahmenhandlung (fast). Vilko Lamian, dem Leser noch unbekannt, hat sein Opfer gefunden und schwankt vor der Konsequenz der Gegenüberstellung, die zwischen Mitleid und Rachegelüsten liegen könnte. Treffend die erzählerische Methode Tišmas: Lamian hadert stehend mit sich und beginnt nur langsam, sich zu bewegen. Aber nicht auf sein jüngstes Gericht zu, sondern immer tiefer in die Erinnerung hinein – um irgendwann an einem Zeitpunkt von etwas wie Unschuld anzukommen und dann schmerzvoll wieder zur Realität der Gegenwart aufsteigen zu müssen.

In Zyklen des Abtauchens in die Vergangenheit bewegt er sich auf diese zu, stoisch-zwanghaft: Der Anlass, jetzt hier zu sein, die Lagerzeit, die Jugend und der Rest Lebens. In Schüben auf das Zusammentreffen mit seinem gesichtsvollsten Opfer taumelnd, zu der ihm bekannt-unbekannten Helena Lifka und gleichsam der Begegnung mit sich selbst hin. Eine Strecke von Jahrzehnten.

Lamian begibt sich gedanklich in immer neue Martyrien der Vorstellung möglicher Aufeinandertreffen des ehemaligen Vergewaltigers und der jeglichen Willens entraubten Lagerinsassin. Der (masochistische) Weg ist ihm das Ziel, deshalb sind Unentschlossenheit und Nicht-Ankommen nicht nur feige Momente, sondern zugleich notwendige Vorbereitung auf das Ende einer lebenslangen Flucht und die Frage, ob er Paulus bleibt oder von der diesbezüglich reinen Seele des Opfers selig gesprochen wird. Vilko Lamian befindet sich mithin auf dem Weg von Miroslav Blam – dem Protagonisten von Tišmas Roman "Das Buch Blam" und den Holocaust als Opfer überlebt habend –, welcher sich auch letztlich konsequent auf einen "Akt tiefster Wahrheit" zubewegt: Diktaturexistenz(en) zu decouvrieren.

Sein postverbrecherisches Leben ist gemessen an Auschwitz. Jedes Bild geriert sich als Erinnerung an eine Lagersituation, jedes Gesicht als Opfergesicht oder Häscher- und Mördervisage. Durch einen makabren Zufall dem Tod als Häftling entronnen, existiert er nurmehr pathologisch – einmal in die ‘Notexistenz’ des utilitaristischen Kapos gepresst, welcher als Zwischenmedium Formen von Macht weitergibt und für sich modifiziert, hat er das Lager eigentlich nie wieder verlassen. Und er hat es für sich allein. Die paar Jahre an einem Ort, der einen negativen Extrempol menschlichen Wesens darstellt, wiegen schwerer als das halbe Centennium danach. Deshalb wünscht er sich das Ende dieses Daseins: Anklage, Verurteilung und Hinrichtung. Es spielt keine Rolle mehr Denn den Tod kennt er nicht nur als das Schicksal anderer – er selbst hat ihn albdruckhaft schon in grausamerer Färbung erlebt.

Aber Lamian bleibt das "Gespenst" (Sigrid Löffler), als das er vegetieren musste; die Absolution kann ihm Helena Lifka nicht erteilen. Sie starb bereits, während Lamian weiter am Leben tragen muss.

Tišma, selbst Jude, beschreibt eine Gefühlswelt, in der Leere eine Grundkonstante des Seins bildet; in der das innere Vive! allein die Folge biologischen Lebenserhaltungswillens ist. Sein Roman verweist genau wie beispielsweise Michel Tournier in "Erlkönig" auf die noch in jeder scheinbaren Biederseele angelegte Monströsität, die nur auf einen Katalysator zu warten scheint. Die Botschaft, dass der Unhold, ob er nun Vilko Lamian oder Abel Tiffauges heißt, in jedem stecken kann, macht das Buch bedeutend. Die psychologische Dimension und große erzählerische Kunst, frei von jeglicher Didaktik, machen es unverzichtbar.

Ron Winkler

 

Aleksandar Tišma: Kapo. 344 S. Hanser 1997. DM 45.

--- ---






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Rezensionen in der Kategorie: Roman  



Partner-Shop: Amazon.de

Kapo Amazon.de-Shop
Alexandar Tisma: Kapo

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Alexandar Tisma: Kapo at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012