Sandor Tar

Ein Bier für mein Pferd

Roman. Volk und Welt,

Sandor  Tar: Ein Bier für mein Pferd

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Dem Schnaps zuliebe

Die Straße ist ein unbefestigter Weg, knapp einen Kilometer lang. Die Straße, das sind dreißig, vierzig Häuser am Rande des Dorfes, vorn Kneipe und Busstation. Unsere Straße zweigt ab von der Chaussee, die ins Dorf führt und auch einmal unbefestigt war, sie wurde dann gepflastert, asphaltiert, unsere nicht. Die Hälfte der Bewohner leben von Rente oder dem Arbeitslosengeld, recht und schlecht. Die Straße dient Sándor Tar`s reportageähnlichem Roman als Gerüst. Sie wird immer wieder beschritten und betrachtet, die Straße, deren Anwohner einfache Menschen mit den unterschiedlichsten Biographien sind. Tar stellt sie nacheinander vor. Die Geschichten verflechten sich ineinander, ein Kreis wird geschlossen. Die Technik ist geschickt, wie in einem Dokumentarfilm gewinnt der Einzelne durch die sich stets verschiebende Sichtweise authentische Dimensionen. Und alles beginnt mit der Straße, die alle vereint; 'unsere Straße ist Straße geworden, weil jemand die Schenke suchte, aber die gab es nicht mehr, also zog er im Dunkeln weiter, immer dem Pferd oder Ochsen hinterher, weg von der Landstraße. Die anderen ihm nach, wie Verrückte, sie bahnten sich einen Weg, und das wars. Denn dieser Menschenschlag hier, erzählte der Pfarrer verzagt, würde dem Schnaps zuliebe sogar von der Erde abheben.' Die einen trinken den Schnaps, die anderen schenken ihn aus. Bei Piroska gibt es auch den Wein, den mancher zunächst braucht, um auf die Beine zu kommen. Piroska ist einsichtig, sie weiß, wie man morgens Wein eingießen muß. Sie steht früh auf, auch das ist gut an ihr, schon um fünf Uhr läßt sie die Hühner heraus auf den hinteren Hof, vor der Tür zur Straße steht da bereits Béres und friert. Berés kann kaum noch gehen, 'er ist abgelaufen wie eine Uhr, dieser große, kräftige Mann schrumpelt hier vor aller Augen zusammen, und wenn genug von ihm übrigbleibt, was in einen Sarg paßt, kann den ein einzelner auf den Friedhof tragen...' Béres ist eine der traurigen Figuren, deren Leben vom Alkohol bestimmt wird. Nachts sinkt er stockbetrunken auf seine Schlafstelle und denkt an seine kranke Frau; 'Ich hab sie trotzdem lieb, ächzt er ins Stroh, den Wein und auch die Magdika, und das geht sogar den Herrgott einen Dreck an!' Tar erzählt einfühlsam, warum Béres und die anderen Bewohner der Straße zur Flasche griffen. Sein Buch ist ein bewegendes Dokument der neunziger Jahre, das mit viel Humor und Selbstironie von den Menschen am Rande kündet, die der sterbende Sozialismus überleben ließ. 'Unsere Straße ist einmal die rumänische Grenze gewesen, wann genau, das weiß der Herr Pfarrer'. Der Herr Pfarrer ist der Chronist der Straße dieses ungarischen Dorfes, das nicht weit von Debrecen liegt. Dort lebt der Autor selbst. Die kümmerliche dörfliche Tristesse muß leibhaftig geschaut und gehört worden sein. Man ahnt, daß hier vor einigen Jahren nicht nur weniger getrunken wurde, sondern auch das Zusammenleben solidarischer verlief. Selbst die Straße liegt mehr und mehr im abseits. Von den fünf Straßenlampen leuchtet nachts nur eine, auf den anderen nisten seit Jahren nur Tauben. 'Wer männlichen Geschlechts ist, beginnt mit vierzehn, fünfzehn zu rauchen und ein paar Jahre später zu trinken, er bringt irgendwie die Schule hinter sich und lernt einige Fabriken und Betriebe in der Stadt kennen, aber nur wenige haben die Kraft, endgültig wegzugehen.' Und es wird geheiratet und gestorben, Kinder kommen, viele bringen ihr Leben lang nicht über die Lippen, ich liebe dich, und sie bekommen es auch nicht zu hören. 'Die sexuelle Kultur ist seicht, anspruchslos, die Grabrede kurz, die Erziehung der Kinder praktisch null, sie bekommen Essen und Kleidung, fertig. Das größte Abenteuer im Leben der Jungen ist der Militärdienst...' Diese ernüchternden Bestandsaufnahmen zum Leben seines Dorfes schiebt Tar zwischen die bitteren Beschreibungen der einzelnen Helden. Die Kritik an den Menschen wird zur ironisch verhüllten Anklage an die menschliche Gesellschaft, doch das Schmunzeln bleibt dem Leser mehr als einmal im Halse stecken. Bleiben wir nur bei der Geschichte von Béres; '...Berés kochte und putzte, so gut er es verstand, drehte Magdika im Bett um, half ihr pinkeln, schob ihr die Bettschüssel unter, gab ihr zu essen. Dann begann er zu trinken. Einmal war er völlig betrunken, der Nachbar brachte ihn nach Hause, weil er nicht mehr gehen konnte. Am Tag darauf bat er die Kleine um Entschuldigung, am Abend wurde er wieder auf der Straße aufgelesen, und so ging es fortan Tag für Tag. Einmal sagte er zur Tochter, ich kann jetzt nicht mehr. Nur, wenn ich trinke. ...Du solltest heiraten, sagte er, irgendeinen. Damit du hier rauskommst. Wenn du keinen findest, laß dir ein Kind machen, der nimmt dich dann schon. Er weinte und sagte, so hab ich das Leben nicht gewollt, aber was soll ich nun noch machen. Das war die letzte Gelegenheit, daß man normal mit ihm reden konnte.' Wie es den anderen Dorfbewohnern ergeht, wieso Dorogi sein Pferd mit zum Trinken nimmt und was der Baum Bela für Geschichten erzählen könnte, sollte man unbedingt bei Sándor Tar nachlesen!

Anne Hahn






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