Silvia Szymanski

Agnes Sobierajski

Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg. 29.90 DM . ISBN: 3-455-06280-6

Silvia  Szymanski: Agnes Sobierajski

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Agnes Sobierajski, die Titelheldin des neuen Romans von Silvia Szymanski, ist im Schwimmbad. Und schon kreuzt das Verhängnis auf: ‚‚Ein Junge da, ich meine, ein junger Mann, seine Beine waren dicht und weich behaart, und seine Oberlippe sah auch schattig aus. Erschwamm nicht gut. Er planschte herum und dachte lange nach, dann machte er einen krummen Köpper vom Einer“. Nicht mehr lange, und er wird sie unter einem Vorwand ansprechen, und sie werden in einer fremden Wohnung miteinander schlafen. Er nennt sich Mustafa. Agnes wird sich trotz allem hoffnungslos in ihn verlieben.
Mustafa ist nicht zu Hause in dieser abständigen Ecke von Deutschland, bei der es sich um die Gegend jenseits von Aachen handeln dürfte, wo Silvia Szymanski lebt. Aber Agnes fühlt sich auch nicht sonderlich zu Hause in dieser Welt, die erfüllt ist von Kindergeplapper, denn Agnes verdient ihr Geld mit gewerblichem Babysitten. Und so kommen ihr die kleinen Fluchten mit Mustafas Körper in Mustafas Bett gerade recht. Dieser dunkle Junge scheint bedroht von einem dunklen Geheimnis. Er schützt eine andere Freundin vor, um sich Agnes vom Leib zu halten, er will Schluss machen, solange es noch schön ist, er verschwindet gelegentlich einfach. Sie bleibt ihm auf der Pelle, obwohl sie Angst hat, vor ihm und um ihn und überhaupt. Sie will ihn ganz. Dafür lässt sie sich auf praktisch alles ein.
Schließlich verkauft Agnes ihren Familienschmuck, weil Mustafa angeblich viel Geld braucht, um sich zu retten. Er verschwindet, wie einst die Katzen der Familie verschwunden sind. „Er ist nun weggeschluckt in diesem Bauch des Dunklen“, heißt es am Ende, „und ich stehe in meinem Innern wie bei Kater Peters Verschwinden vor dem dunklen Berg und rufe Mustafa, Mustafa. Wir haben unsere Katzen oft so rufen müssen. Manche blieben weg für immer. Aber manche kamen auch zurück.“
Angst vor dem Trivialschema jedenfalls hat Silvia Szymanski nicht. Muss sie auch nicht haben, denn als vor zwei Jahren ihr Romandebüt „Chemische Reinigung“ erschien, wurde die damals auch schon Vierzigjährige flugs in die schmucke Riege der neuen deutschen Jungautoren eingeordnet, der „Enkel“ von Grass und Co., und in diesen Kreisen zählte nicht die kunstvolle Gestaltung, sondern die wahre Empfindung, die authentische Wiedergabe eines Lebensgefühls. Da profitierte Szymanski ganz ordentlich von ihrer etwas aus dem Rahmen fallenden Biografie, als Sängerin und Songschreiberin einer Postpunkband, was in der niederrheinischen Tiefebene nicht ganz so ungefragt hingenommen wird wie etwa in Berlin. Aus dem Widerspruch zwischen dem Wunsch nach künstlerischer Selbstverwirklichung und dem Zwang, sich finanziell mit irgendwelchen Jobs über Wasser zu halten, entsprang denn auch manch schöne Pointe.
Silvia, wie die Autorin selbst, hieß die Hauptfigur im ersten Roman. Jetzt signalisiert der Name Agnes Sobierajski eine etwas größere Distanz zum biografisch Vorgegebenen. Das neue Buch will erkennbar eine romantaugliche Geschichte erzählen. Das ist zwar ehrenwert - schließlich hätte Szymanski ja einfach die Masche der unverstandenen Muse von Merksteinweiterstricken können -, wirkt sich aber auf den Roman nicht unbedingt positiv aus. So lose die Verbindung zwischen Agnes und Mustafa ist, so löchrig ist die Motivation der Handlung; immer wieder dienen Mustafas unaufgeklärtes Geheimnis und Agnes' wenig begründete Angst dazu, Wendungen herbeizuführen.
Trotzdem entwickelt diese Liebesgeschichte mit Abschweifungen einen Sog, dem man sich gar nicht entziehen möchte. Das hat mit dem halb naiven, halb abgeklärten Tonfall zu tun, für den Szymanski mittlerweile bekannt ist, mit ihrer Begabung fürs Harte wie fürs Zarte, die sie schon in ihrem Erzählband mit dem programmatischen Titel ‚‚Kein Sex mit Mike" bewiesen hat. Es gibt wenige Autoren deutscher Sprache, die so eindeutig die Dinge beim Namen nennen können und dabei so deutlich werden lassen, dass immer etwas dahintersteckt, wenn scheinbar nur die Körper kommunizieren.
Und es hat zu tun mit dem Kontrast zwischen dem dämmrigen, nach Liebe riechenden Niemandsland in Mustafas Zimmer und den Gegenden, durch die Agnes vagabundiert, Supermärkte, Spielplätze, Schwimmbäder und andere Orte der Trostlosigkeit - eine Reise, deren Plan die Babysittervermittlung diktiert. Wohnungen, angefüllt mit kaputtem Spielzeug und defekten Träumen, Wohnungen voller Klagelaute, Wohnungen voller kleiner Mädchen und Jungs mit ihren großen Ansprüchen. Es gibt auch nur wenige Autoren, die über Kinder und ihre Abgründe so unverstellt schreiben können.
Silvia Szymanski lässt ihre Lesern die bewohnte Welt mit sehr eigenen Augen sehen, und sie findet dafür oft eine sehr eigene Sprache. Es ist ihr zu wünschen, dass sie sich aus der literarischen Raucherecke, in der die fröhlich draufloserzählenden Enkel, die ach so bösen Fräuleins, die altklugen Milchbubis und andere Zurückgebliebene in fruchtloser Selbstzufriedenheit herumlümmeln, wirklich heraustraut. Dann kann es mit ihr richtig interessant werden.

Julia Schröder






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