Marlene Streeruwitz

Lisa’s Liebe

Bestseller. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main. ISBN: 3-518-40903-4

Marlene  Streeruwitz: Lisa’s Liebe

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Lisa´s Liebe präsentiert sich als Groschenroman: drei Heftchen, vorne drauf ein frisches Mädel vorm Gebirge, dazu ein Edelweiß. Auch innen gibt es Fotos, Blümchen rahmen die Seitenzahlen ein. Jeder Abschnitt beginnt mit einem geschwungenen L für Lisa. Was aussieht wie eine witzige Marketing-Idee, ist ein höchst raffiniertes Spiel mit Leseerwartungen und literarischer Fiktion.

Die Wienerin Marlene Streeruwitz hat eine steile Karriere als Theaterautorin hinter sich. Ihr ebenso provozierenden wie verstörenden Stücke werden überall auf deutschen Bühnen gespielt. Letztes Jahr hat sie ihren begeistert aufgenommenen ersten Roman vorgelegt, Verführungen, der durch seinen verwirrenden Untertitel - 3. Folge - Frauenjahre - bereits auf Kioskliteratur anspielte. Und nun also Lisa´s Liebe.

Zunächst erscheint Lisa erwartungsgemäß als naive Volksschullehrerin; der Arzt, in den sie sich verliebt, tritt schon auf der ersten Seite auf. In seiner Banalität wirkt das Ganze wie eine Parodie. Lisa teilt Dr. Adrian in einem Brief mit, daß sie sich in ihn verliebt hat, dazu ihre Urlaubsadresse. Dort sitzt sie dann zwei Heftchen lang, in Glosau im Gebirge, und wartet auf Antwort. Während sie wartet, erfahren wir Näheres über ihr Leben, die Familie, in der die Männer ganz selbstverständlich mehr gelten als die Frauen, über Lisas Männergeschichten.

In Lisa ist der defensive Frauentyp der Helene aus den Verführungen noch konsequenter ausgeformt. Die Sprache ist noch einfacher, noch ausdrucksloser geworden. Männern gegenüber ist Lisa vollkommen passiv, erfüllt ihre Wünsche, läßt sich ausnützen, ohne sich selber zu fragen, was sie will. Sie macht nichts aus ihrem Leben. Auf schwierige Situationen reagiert sie nur mit dem Körper, mit Hautausschlag oder Zahnfleischbluten. Abwechselnd hungert sie oder stopft sich mit Essen voll.

  Im Lauf der Lektüre wird die Form des Groschenromans zum Bild für die Lähmung in der Durchschnittlichkeit, die Gefangenschaft im Klischee. Die Einfachheit der Sprache ist nicht mehr Ausdrucksmittel, sondern Fessel. In der Leere zwischen den Sätzen, im sprachlosen Bereich, entsteht eine Spannung, die nach Ausdruck sucht.

Ganz nebenbei wird mitgeteilt, daß Lisa an einem Fernlehrkurs für Schreiben teilnimmt. Die Texte, die sie dort einschickt, offenbaren eine ganz andere Frau, selbstbewußt, mit einer eigenen Sprache ihr Inneres auslotend. Die Sprache hat sich befreit vom Vorgegebenen, einer durch andere, durch Männer geprägten Wirklichkeit. Die Frau muß ein unverdrängtes stolzes Bild von sich entwerfen, so Marlene Streeruwitz durchaus feministisch in ihren Tübinger Poetikvorlesungen.

Mit diesen Texten ist bereits der Rahmen des Groschenromans gesprengt. Im letzten Heft unternimmt Lisa eine Reise nach New York, wo sie, fern von der gewohnten Umgebung, ihre Lebensweichen neu stellt. Am Ende fährt sie nicht nach Hause, sondern steigt in den Zug zu den Niagara-Fällen. Der Leser legt die Heftchen weg wie eine Hülle, aus der Lisa sich befreit hat. 

Auch die Fotos in den Heftchen erscheinen zunächst wie eine Parodie auf die klassischen Urlaubsfotos. Sie zeigen undeutliche Schwarz-Weiß-Auschnitte immer der gleichen Glosauer Wiese, die Urlaubstage durchdatiert, dazu Anmerkungen, ob der Briefträger an diesem Tag gekommen oder nicht gekommen ist. Es entsteht der Eindruck des Stillstands, des lähmenden Wartens, der Unschärfe der Welt gegenüber. Das Wesentliche ist nicht sichtbar, kann sich nicht ausdrücken. Auch die Bilder in New York sind alle ähnlich, in den Himmel ragende Straßenschilder mit Pfeilen One Way die in der zwanghaften Aufzählung Aufforderungscharakter annehmen: hinauf, hinaus. Das letzte Bild führt dann den Text weiter und zeigt Palmen in Santa Monica. Da muß Lisa dann wohl auch hingefahren sein.

Ähnlich wie die Sprache erzeugen die Bilder durch die Reduktion auf das Banale ein Spannung, die nach Auflösung drängt. Mit ihrem intelligenten, durchaus witzigen Spiel mit den Leseerwartungen hat Marlene Streeruwitz ihre erklärte Absicht, das Banale literaturfähig zu machen, eine eigene Poesie des Durchschnitts zu entwickeln, erfolgreich umgesetzt.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Stuttgarter Zeitung)






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