Gisela Steineckert

Aus der Reihe tanzen – Ach Mama Ach Tochter

Undefined. Neues Leben, Berlin. ISBN: 3-355-01329-3

Gisela  Steineckert: Aus der Reihe tanzen – Ach Mama Ach Tochter

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Gisela Steineckert, 1931 geboren, ist eine der wichtigsten DDR-Schriftstellerinnen. Vielen – zumindest den „gelernten DDR-BürgerInnen“ - bekannt durch ihre zahlreichen Gedichtbände und Liedtexte (u.a. für den „Oktoberklub“), hat sie außerdem Briefe und Prosatexte veröffentlicht, die sich durch ihre schonungslosen Analysen und durch große Wahrhaftigkeit auszeichnen. Dabei geht sie auch mit sich selbst nicht zaghaft um. Kämpferisch und gründlich, sarkastisch und manchmal ganz zart, ist sie im Wesen sich selbst und ihren Idealen treu geblieben, ohne verknöchert zu sein. Davon kann man sich übrigens auch in ihren Lesungen ein Bild machen: ein Bild davon, wieviel Schwung und Elan, wieviel Mut, wieviel Humor man mit beinahe siebzig Jahren aufbringen kann, wenn man von einer Thematik wahrhaft bewegt ist. Ihre Thematik, das sind die Menschen, besonders Frauen, ihr Umfeld, ihr Leben, ihre Beziehungen, Entwicklungen und Gefühle.

In diesem Buch nun geht es vorrangig, aber nicht ausschließlich, um Mutter-Tochter-Beziehungen, auch um ihre eigenen, es geht um Veränderungen zwischen Partnern, um Trennung, um Einsamkeit in der Beziehung, um Mißverständnisse und um Annäherung. Es geht auch um den Abschied vom gewohnten Leben – das Buch ist erstmals 1992 erschienen und spiegelt die „wende“-bedingten Einschnitte und Umbrüche, glasklar in der Analyse, nüchtern und dennoch bewegend im Ausdruck. Mein Tip für Leser aus den alten Bundesländern, die etwas vom Lebensgefühl der Vor- und der Nachwendezeit erspüren wollen, ist „Wir haben alles verloren“.

„Eine schwierige Zeit, und wir sind nicht auf sie vorbereitet gewesen. Oder besser: wir haben sie uns ganz anders vorgestellt. ...
Es ist auch wahr, daß wir uns langweilten mit unserem absehbaren Leben mit seinen kalkulierten Risiken und seinen engen Grenzen für Abenteuer, Einfälle, Eigenart. Wir wollen nicht zurück, niemals. Aber nach vorn, was ist das? Und was bleibt von uns? ...
Wir haben zeitweise das Wort ICH verloren. Wir sagten WIR, auch wenn uns Denkwelten von einem Vorgang trennten. Wir haben wieder die Kartoffeln nicht rechtzeitig in die Erde gebracht, wir hätten Ceausescu nicht den Karl-Marx-Orden geben sollen ...
Es war aber unser Leben. Und wir wollten hierbleiben. Es ist nicht wahr, daß uns nur der Schneid für den Aufbruch fehlte...
Ach, wer begabt ist, glücklich zu sein, der wird es auch wieder. Wie uns das Leben geraten war, mußten wir wohl alles verlieren, um einen Anfang zu finden, in dem ein wirkliches, erwachsenes Ich zu gewinnen ist.“

Gisela Steineckert erzählt von ihrer Großmutter, von ihrer Mutter, ihrer Tochter, ihrer Enkelin. Sie beschreibt, wie sich gelungene Beziehungen, wie sich gestörte Beziehungen im Leben auswirk(t)en. Sie erzählt davon, wie frau nach dem Auszug ihrer Kinder versucht, wieder ihr Leben zu leben, ihre Gefühle wiederzufinden, ganz neu und über Jahre hinweg verlernt. Sie erzählt, wie schwer selbst eine gute Partnerschaft/Liebe manchmal zu leben ist – und nie ohne gegenseitige Verletzungen. „Es kam die erste Niederlage. Da standen wir am Abgrund, mal berührten sich unsere Finger, mal sah es aus, als wolle einer von uns springen – oder den anderen stoßen? Die Liebe tat weh und war ratlos, suchte nach Worten, wollte abhauen in fraglose Idylle, wollte sich nicht stellen. Nicht auch das noch. Zu allem auch noch das. Ein Konflikt, in dem Ja so falsch war wie nein.“  Sie erzählt die Geschichte einer Trennung aus der Sicht des Mannes, aus der Sicht der Frau.

Sie erzählt all das in einer Sprache, die anrührt, ohne je sentimental zu werden, aus der Sicht einer emanzipierten, starken Frau, die es nicht nötig hat, alles Männliche zu verteufeln und auf Männer herabzusehen, sondern für die gelingendes Leben eben auch ein Leben mit einem Mann ist. „Als ich jünger war, dachte ich, die Sehnsucht altert mit uns, und eines Tages ist sie alt und schwach. Das war ein Irrtum. Die Empfindungen haben sich freigebrannt, sie sind möglich. In einer langen Liebe muß man nicht dauernd schreckhaft auf der Lauer liegen, ob man nicht sträflich einen Lockruf verpaßt....“

Gisela Steineckert ist Mutter, ist Tochter, und sie spürt beidem nach. „Es reicht nicht, der Mutter das eigene Leben vorzuhalten. Da sieh, was du daraus gemacht hast, da sieh, wie wenig ich machen konnte, weil du so warst, wie du warst, weil ich durch dich nun so geworden bin. Ich nehme das von mir selber nicht mehr hin. Wir müssen mit der Mutter und mit der Tochter ins Reine kommen... Es ist mein Leben. Auf mich kommt es an...“

Und vielleicht kann man die letzten Sätze als Motto des gesamten Buches auffassen: „Auch Haß ist möglich zwischen Mutter und Tochter... Aber uns soll wachsen die atemlos machende Fähigkeit, zu verstehen. Unersetzbar sind wir nur, wenn wir uns nicht dafür halten.“

(Almut Nitzsche)






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