Burkhard Spinnen

Langer Samstag

Bestseller. Schöffling, Frankfurt/Main. ISBN: 3-895-61031-3

Burkhard  Spinnen: Langer Samstag

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Burkhard Spinnens Roman Langer Samstag ist ganz unzweifelhaft aus dem Boden der 90er Jahre gewachsen. Wesentliche Begegnungen und Entscheidungen spielen sich im Supermarkt ab, der Flirt vor dem Regal mit den Fertiggerichten, die Annonce an der Pin-Wand zwischen Brottheke und Kasse. Lebensraum ist die Stadt, mit Bürohochhäusern, TÜV-Gelände, Wagenwaschanlage. Die Akteure sind Abteilungsleiter, Kassiererin, Sachbearbeiterin. Ab und zu gibt es ein Fußballspiel, die Sportschau im Fernsehen, danach Beischlaf mit Kondom aus dem Badezimmerschränkchen. Im Betrieb geht es um Rationalisierung und den Aufbau von Zweigen in den neuen Bundesländern. Karrierefrauen holen sich von den Männern, was ihnen paßt, und finanzieren ihren Lebensstil mit Warentermingeschäften. Neuwörter, das Teil oder Kosakenrostbrot, durchsetzen die klar durchgearbeitete und mit edlen Konjunktiven geschmückte Sprache und machen sie heutig.

Burkhard Spinnen hat sich mit zwei Bänden bestechend prägnant erzählter Geschichten bekannt gemacht, Dicker Mann im Meer (Aspekte-Literaturpreis) und Kalte Ente. Hier hat er den Schritt zur großen Form gewagt; dabei ist ihm ein intelligentes, auch komisches, durch und durch stimmiges Buch gelungen. In kurzen Abschnitten, in denen außer Alltag kaum etwas passiert, versteht er es, das Lebensgefühl unserer Jahre einzufangen, und nicht nur das. Zwischen den Zeilen steht nichts weniger als die Frage, was ein Menschenleben ausmacht, worum es eigentlich geht. Spinnen nähert sich dieser Frage weder im philosophischen Höhenflug noch mit psychologischer Tiefbohrung. Er beschreibt fast ausschließlich Oberflächen, aber diese so genau, daß unversehens und ohne die Verankerung in der real erzählten Welt zu verlieren, der Supermarkt mit Kasse und Regalen zum aussagekräftigen Gleichnis wird. In der Schwierigkeit, Preisschildchen von gekauften Dingen abzulösen, offenbart sich das ganze Elend unserer Warengesellschaft.

Ulrich Lofart, aus dessen Perspektive erzählt wird, ist Abteilungsleiter in der Rechtsabteilung eines Energiekonzerns. Er möchte unbedingt in allen Lebenslagen gelassen und Herr der Lage sein. Probleme mit einer widerspenstigen Sachbearbeiterin hakt er nach der Checkliste des letzten Managerkurses ab. Im Supermarkt lernt er Dorothee kennen. Die Beziehung zu ihr will er präzise abwickeln wie ein Verfahren, dessen Ablauf er in jeder Einzelheit beherrscht. Auf keinen Fall darf er sich einen Fehler erlauben. Bindung heißt Abhängigkeit; unwiderrufliche Entscheidungen zu fällen, würde alt machen; das Allerschlimmste wäre wehrlose Ohnmacht. Intimität scheint ihm unerträglich, Sex ist ein Programmpunkt, der sich anbietet wie eine Ware in den Gängen des Supermarkts. Immer wieder heißt es lakonisch: Dann schliefen sie miteinander.

Es gibt da aber auch noch eine andere Seite, äußerlich angedeutet durch den Umbau des Supermarkts, der Fragen nach Zusammenhängen und Ordnungsprinzipien der Warenwelt aufwirft; und durch Lofarts Entlassung, das Ergebnis seiner eigenen Rationalisierungsmaßnahme: Ich hab mich abgeschafft. Die Exkurse, die den Erzählvorgang unterbrechen, Assoziationen, Erinnerungen, Überlegungen, zeigen steigende Unzufriedenheit und Unruhe. Etwas fehlt in diesem kühlen dürren Leben. Was macht ein Ding oder einen Menschen unverwechselbar? Wie kann er sich selbst erkennen? Ohne daß Lofart seine Gefühle benennen könnte, zieht er Bilanz. Er beginnt, Zeichen zu setzen. Im Supermarkt wirft er ein Glas mit eingelegten Fischen vom Regal. Er macht sich bemerkbar. Auch wenn die Botschaft nicht verstanden wird -er hat sich immerhin kenntlich gemacht. Ganz allmählich bekommt auch sein Gefühl wieder eine Chance in einer von den Dingen bestimmten Welt. Die Sachbearbeiterin, die auf seine Checkliste mit einem Selbstmordversuch reagiert und rebelliert hat, wird nun interessanter als die coole Dorothee. Neue Möglichkeiten erscheinen am Horizont; daß der sich nicht zu rosig einfärbt, dafür sorgt ein in seiner Trockenheit glänzendes Schlußkapitel.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in:Stuttgarter Zeitung)






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