Tilman Spengler

Die Stirn, die Augen, der Mund

Bestseller. Rowohlt, Reinbek. ISBN: 3-498-06274-3

Tilman  Spengler: Die Stirn, die Augen, der Mund

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Die Stirn, die Augen, der Mund. Den Titel des neuen Romans von Tilman Spengler kann man nicht wörtlich genug nehmen. Fügt man noch Ohren. Kinn, Nase, Kopfhaar, Haut, Hals und vor allem Augenbrauen dazu, so ergibt sich ein Gesicht, das Antlitz des großen Vorsitzenden Mao. Damit dessen Porträt überall in China in immer gleicher Frische und vor allem unverändert Präsent ist, malen im Palastmuseum der Verbotenen Stadt die staatlichen Porträtmaler jede Woche dasselbe Bild, und zwar jeder Maler sein Teil: der eine die Stirn, der andere die Augen, der dritte den Mund, seit mehr als dreißig Jahren.

Daß Malen ein Politikum sein kann, vor allem in China, hat Tilman Spengler schon in seinem Roman Der Maler von Peking gezeigt. Da sollte ein junger Jesuit durch die Einführung der Zentralperspektive in die traditionelle chinesische Malerei dem Christengott den Weg bahnen. Das war im 18 Jahrhundert. Die Stirn, die Augen, der Mund spielt in der Zeit nach Maos Tod, aber die Philosophie der Malerei ist die gleiche geblieben. Der Maler hält das unvergängliche Wesen der Dinge fest, nichts ändert sich, weder die Gegenstände noch die Malerei selbst - ein Gleichnis für die ideologische Erstarrung der kommunistischen Partei. Es ist die Aufgabe der Maler, im immergleichen Porträt des großen Vorsitzenden das zu erhalten, was die Partei einmal als das Wesen erkannt hat.

Da ist es natürlich eine Katastrophe, wenn auf einmal der Augenbrauenmaler Bao durchdreht. Bao kann sie einfach nicht mehr ertragen, die immergleichen Augenbrauen, die Verdopplungen, Vervielfachungen, Vermillionisierungen, die immergleichen Häuserblöcke, Pappeln, Parolen. Er will kein Detailaffe, kein erbärmlicher, dressierter Kleingeist mehr sein. Aus der psychiatrischen Staatsklinik entlassen, tut er sich mit anderen zusammen zu einer Verschwörung der Kunst gegen die Idiotie der Gleichförmigkeit.

Schräge Vögel sind sie alle miteinander, diese subversiven Elemente. Viola zum Beispiel, eine junge Deutsche, die für Marx und Engels schwärmt und deshalb FrühlingsroIle heiratet, einen chinesischen Mechaniker, der ihr wie der fleischgewordene Sozialismus vorkommt. Seine Prügel und sonstigen Schweinereien sorgen für rasche Desillusionierung. Oder Lu, der alte Kunsthändler und geniale Fälscher; der vortrefflich über Sein und Schein philosophieren kann und Regeln nur studiert, um sie sich gefügig machen zu können. Dann ist da noch der Blitzesammler Lei, für den Kunst etwas Absolutes sein muß, wie ein Blitz ein Zeichen, das sich einbrennt; und der schöne schwule Amerikaner Linus mit seinen Sätzen aus dem I-ching, dem Buch der Wandlungen: Wenn ein Bein kurz ist, ist das andere lang.

Die Verschwörer hebeln das System mit seinen eigenen Mitteln aus. Sie wollen die Regeln so verletzen, daß sie ihre eigene Grausamkeit und Dummheit bloßstellen. Sie streuen Gerüchte und Sand ins Getriebe der Bürokratie. Unmerklich aber unaufhaltsam bekommt die Gleichförmigkeit Risse. Die Verschwörer verändern die unveränderlichen Symbole der Ideologie. Die Fahnenfabrik Roter Herbst produziert plötzlich Fähnchen mit der falschen Sternenzahl. Das Mao-Porträt am Eingang zur Verbotenen Stadt in Peking ist nur noch eine leere flache mit zwei schwarzen Augenbrauen, bevor es endgültig verbrennt

Ob das Chaos, das die Verschwörer schaffen, ein dauerhaft kreatives ist, bleibt zu bezweifeln Der Volkszorn formiert sich in riesigen Demonstrationszügen und ruft nach der gewohnten Ordnung, das alte Mao-Bild soll wieder Spiegel der Seele sein. Zehntausend Ziegenböcke sollen den ficken, der sich das ausgedacht hat! Die Verschwörer setzen sich ab aus dem Spiel, jeder auf seine Weise. Dem Augenbrauenmaler ist ein besonders ironischer Schluß vorbehalten, der hier nicht verraten werden soll, weil es sich bei dem Roman um einen Thriller handelt, gewissermaßen.

Er beginnt jedenfalls wie eine Action Story - ein Gefangener im vergitterten Wagen, ein Jutesack, der ihm über den Kopf gezogen wird, Folter und Mord sind zu erwarten. Es gibt auch tatsächlich zwei Tote im Roman. Der fossile Parteifunktionär Wei erliegt einem Anfall unklarer Ursache; Linus entpuppt sich als amerikanischer Agent und fällt dem tödlich scharfen Bambusstäbchen einer hübschen Chinesin zum Opfer. Im Kern aber ist das Buch eine Satire, in schöner Kronik vor allem im Hin und Her direkter Rede entfaltet, eine Satire auf die Engstirnigkeit der Ideologien, der Bürokraten, aber auch der reichen Besserwisser aus dem Westen. Die Eingeborenen, denen der großspurig auftretende Dr. Peikert sein Super-Stahlwerk andreht, legen den Deutschen herein mit einem gefälschten Buddhakopf

Die Erzählweise sorgt gezielt für vielschichtige Verwirrung. Die wechselnden Perspektiven geben dem Leser nur hier und da Teilaussichten aufs Geschehen frei. Einen Überblick hat er so wenig wie die Figuren selbst. Vieles wird weitschweifig abschweifend und indirekt erzählt,jüngste Ereignisse werden angedeutet, die sich nur aus ihren Folgen rekonstruieren lassen. Bis zum Schluß bleibt unklar, wer für wen spioniert, aber das ist im Grunde auch egal. Was zählt ist der künstlerische Witz, der die Schablonen aufbricht, und die handfeste Bauernschläue der Bevölkerung, die sich im Chaos so gut wie im erstarrten System lebensfroh einzurichten versteht. Um mit den I-ching zu sprechen: Der gemeine Lurch überwindet alle Sehwierigkeiten.

   Seit seinem ersten Roman Lenins Hirn bettet Tilman Spengler seine Geschichten in die Geschichte ein, ohne dabei Historiengemälde als Selbstzweck zu entwerfen. Mit Verfremdungen ist zu rechnen. So auch hier. Tilman Spengler ist Fachmann der Sinologie, aber er liefert uns für seine gelungene Satire keinen schrankfertigen Background, der mit touristischer Naivität einzuordnen wäre. Die Szenen auf den Straßen Shanghais, auf den Plätzen Pekings haben eine Neigung zum Surrealen, Phantastischen. Der Buddhakopf ist golden, aber nicht echt, und die hübschen I-Ching-Sprüche, die so authentisch wirken - Steter Aufwind bringt Gelingen - habenden Umweg über Amerika gemacht, wo sie zur Zeit Konjunktur haben. Die Chinesen regen sich darüber auf: Beim Aschloch seiner Mutter. So redet kein Chinese. In einer derb bis deftigen und sehr vergnüglich zu lesenden Sprache entsteht ein ironisches Bild für die in keine Ordnung und Regel zu fassende Wandelbarkeit des Lebens.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Hamburger Abendblatt)






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