Anja Snellman

Geografie der Angst

Krimi. Goldmann, 511 Seiten. 10.00 EUR . ISBN: 3-442-72471-6

Anja  Snellman: Geografie der Angst

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Anja Snellman: Geografie der Angst
Die Finnin Anja Snellman hat einen unbequemen, verstörenden Roman über feministischen Frauen geschrieben, und es wäre schade, wenn dem Werk ein Schattendasein als feministischer Frauenroman beschieden wäre. "Geografie der Angst", so der Titel des Werks, ist keine bequeme Lektüre: Man muss sich quälen, das Buch auch mal ein, zwei Tage zur Seite legen, wird dann aber mit einem Text belohnt, der noch lange im Gedächtnis nachhallt.

Worum es geht, lässt sich kaum zusammenfassen, ohne fahrlässig ungezählte Dimensionen zu unterschlagen: Es gibt dreizehn Leichen und eine aufgewühlte Öffentlichkeit, ein kleines Institut für Frauenforschung, das sich dem praktischen Feminismus verschrieben hat und für Frauen die Orte zurückerobern will, die sie aus Angst vor Männergewalt meiden. Und es gibt den nüchternen Bericht einer Frau, die als einzige das Drama auf einer kleinen Insel vor Helsinki überlebte.

Dieser Frau, deren Namen wir an keiner Stelle erfahren, folgen wir durch ihre Kindheit, die sie meistens als "Fensterbrettprinzessin" gefangen zwischen Innen- und Außenwelt verbringt; durch ihre Jugend, geprägt von der Leidenschaft fürs Laufen, bis ihr der Rhythmus und die Zeit vorgegeben werden. Wir haben teil an ihren ungezählten Erinnerungen an das Elternhaus, an ihren Vater, den liberalen Schulrektor, und ihre Mutter, die Handarbeitslehrerin mit labiler Autorität und dem Hang zum Alkohol. Wir folgen der Frau weiter durch ihr Studium der Zahnmedizin, wir erfahren von ihrer Hochzeit mit einem indischstämmigen Briten und der Geburt ihrer beiden Söhne. Und wir folgen ihr bis zu ihren ersten Kontakten mit dem Institut für Frauenforschung, dessen Motto in der Forderung kulminiert, Frauen müssen "vor allem zu neuen Taten" bereit sein. Je weiter wir in ihre eigene Gegenwart gelangen, desto bruchstückhafter werden die Informationen und desto verschwommener wird die Erzählung. Die Narration wird zunehmend von der Reflexion verdrängt.

Snellman beschreibt die Sozialisation einer Frau, die äußerlich wie "eine sorgfältige und gewissenhafte Frau in einer langen Kette anderer sorgfältiger und gewissenhafter Frauen" erscheint. Innerlich aber entwickelt sich die unruhige Eigenbrötlerin zu eine sanften Radikalen. An der Verheißung der bürgerlichen Gesellschaft, das Individuum solle sich wie eine Pflanze entfalten können, partizipieren die Frauen auch in "progressiven" Gesellschaften nicht: Bereits auf dem Blumenlyzeum (sic!), dessen Direktor - ihr Vater - sich von den Ideen des antiautoritären Pädagogen A.S. Neill inspirieren ließ, begreifen die Lehrer "die Schüchternheit und Gehemmtheit der Mädchen immer nur als einen natürlichen Teil des Mädchentums". Ängstliche Jungens hingegen kommen in Nachhilfe- und Fördergruppen.

"Der Schrittmacher wird dem Mädchen schon zu Hause mit den rosa Pastellstrampelhosen und spätestens im Kindergarten beim Spielen mit dem Puppenhaus eingepflanzt, fährt Maaru fort.

In der Schule tickt er schon matt, aber gewissenhaft präzise, wie es sich gehört. Manch einer könnte das Ticken irrtümlich für eine Zeitbombe halten, aber das schadet nichts (...)"

Angst, Wut und Rache benennt Anja Snellman als wichtige Stadien der Entwicklung ihrer Hauptfigur, die in der Katastrophe endet. Dass sie als einzige das Drama überlebt, verdankt sie letztlich dem Umstand, dass sie sich seit ihrer frühesten Kindheit permanent erbricht:


"Torso sagt mir das, was ich selbst noch nie verbalisieren konnte: Wirklich allein ist sie nur dann, wenn sie erbricht, dann ist sie "kunga", ihre eigene Königin.
Auch mit den Kerlen muss man sich immer irgendwie anstrengen, sich den Mund fusselig reden, Orgsmen zu Stande bringen, auch bei der Selbstbefriedigung gleiten die Gedanken heimtückisch immer irgendwohin ab, aber beim Erbrechen ist man solide und ehrlich, allein mit seiner Weiblichkeit, seinem Magen und dem Zucken seiner Eingeweide."


Man muss den Begriff Thriller schon arg strapazieren, um Snellmans Roman in diese verkaufsfördernde Schublade zu stopfen, wie es der Verlag btb macht. Sei's drum: keine leichte Lektüre, aber eine lohnenswerte allemal. Und damit sei auch eine artige Verbeugung an die Übersetzerin Angela Plöger verbunden. "Sanitäteringenieur" ist nicht so glücklich.

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