Karin Slaughter

Faithless

Krimi. Century, London. 390 Seiten. ISBN: 1-8441-3374-5

Lebendig begraben: gefährliche Ermittlungen unter Superchristen
Karin  Slaughter: Faithless

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Bei einem Spaziergang im Staatswald stolpert Sara Lintons Ex-Ehemann, Sheriff Jeffrey Tolliver, über etwas, das aus dem Boden ragt. Als sie beide nachschauen, stoßen sie auf eine Grube im Boden. Darin liegt die Leiche einer jungen Frau. Sie wurde darin gefangen gehalten. Die erste Autopsie enthüllt jedoch etwas Entsetzliches: Sie wurde mit Zyankali vergiftet.

Polizeiinspektorin Lena Adams, das Opfer eines religiösen Fanatikers (in „Belladonna“), ermittelt mit dem Sheriff bei der religiösen Kommune, aus der die junge Frau stammte. Stammte von hier das Zyankali?

Die Autorin
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Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga.

Ihre Bücher sind über 15 Ländern erschienen, und wenn man sich die Geschichten ihrer neuesten Romane anschaut, so stellt man schnell fest, dass es sich die Autorin keineswegs leicht macht, sondern im Gegenteil schwerwiegende und komplex angelegte Themen aufgreift. Sie scheut nicht vor der Behandlung von Tabus wie Homosexualität, Inzest, Sex mit Behinderten, Rassismus, religiösem Wahn, Drogenmissbrauch und Selbstjustiz zurück. Ein kleiner Teil davon ist in „Faithless“ zu finden.

Ihre Romane:

Blindsighted (2001): Belladonna
Kisscut (2002)
A faint cold fear (2003): Dreh dich nicht um
Indelible (2004): Vergiss mein nicht
Faithless (2005)
Triptych (in Arbeit, 2006)

Mehr Info: www.karinslaughter.com

Handlung
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Bei einem Spaziergang im Staatswald stolpert Sara Lintons Ex-Ehemann, Sheriff Jeffrey Tolliver, über etwas, das aus dem Boden ragt. Als sie beide nachschauen, stoßen sie auf eine Grube im Boden. Darin liegt die Leiche einer jungen Frau, die in ein blaues Kleid gehüllt ist. Sie wurde darin gefangen gehalten und erhielt nur durch ein Plastikrohr Atemluft. Starb sie durch Ersticken?

Die erste Autopsie enthüllt jedoch zwei entsetzliche Tatsachen, die Sara Linton taumeln lassen und die Polizeibeamtin Lena Adams, die gerade einen Fötus verloren hat, zum Erbrechen bringt: Die junge Frau wurde nicht nur mit Zyankali vergiftet. Sie war auch schwanger. Der Fötus war lebensfähig. Lena Adams hat schwere Schuldgefühle, weil sie ihr Baby, das sie von Ethan Green (siehe „Dreh dich nicht um“) hatte, abgetrieben hat.

Doch woher stammt die Frau? Es dauert fast eine Woche, bis eine Vermisstenmeldung aus dem benachbarten Landkreis eingeht, der auf die richtige Spur führt. Genau auf der Grenzlinie zwischen Tollivers Zuständigkeitsbereich und dem des anderen Sheriffs liegt das Anwesen der Familie Ward. Sie leitet eine Soja-Farm nach christlich-fundamentalistischen Prinzipien, allerdings mit Arbeitern, die aus den Gefängnissen von Atlanta entlassen wurden. Daher wird die Farm von den Nachbarn mit Misstrauen beäugt.

Als Tolliver und Lena Adams das Haupthaus endlich finden, ist Lena über die Altersunterschiede und Verwandtschaftsverhältnisse ein wenig verwirrt. Doch die christliche Familie wird von dem Patriarchen Lev Ward und seinen Brüdern straff geführt, so dass die Frauen die meiste Zeit schweigen. Tolliver teilt ihnen mit, dass ihre Tochter Abigail Bennett tot aufgefunden wurde. Er verschweigt, wie sie zu Tode kam und vor allem, dass sie ein Kind erwartet.

Lena gelingt es, in der Küche mit Abigails Mutter Esther Bennett zu sprechen, indem sie ihren Widerwillen gegen jeden religiösen Fanatismus unterdrückt. Esther würde wirklich zu gerne wissen, wie Abby starb und wer das getan hat. Sie will Gerechtigkeit. Da sind die Männer ganz anders. Einer davon, der aus der Art geschlagen ist, arbeitet als Anwalt in Atlanta und weist den Sheriff zurecht, seine Kompetenzen nicht zu überschreiten.

Bevor sie gehen müssen, gelingt es Tolliver und Lena beim Durchsuchen von Abbys spartanisch eingerichtetem Zimmer, deren Schwester Rebecca abzufangen. Wie sich herausstellt, ging die gute Abby des öfteren für mehr als eine Stunde nach Heartsdale, wo Tolliver sein Büro hat. Wen hat sie dort getroffen - den Vater ihres Kindes? Hatte sie eine Affäre? Und was mag es wohl bedeuten, dass sich gut versteckt unter ihren Sachen ein Streichholzbriefchen aus einem Striptease-Lokal an der Autobahn befindet?

Es gibt nur eine Methode, die Antwort auf diese Fragen herauszufinden. Sie müssen die „titty bar“ namens „The Pink Kitty“ selbst aufsuchen. Sie stoßen auf Zeugen, die ihnen eine andere Seite der „Superchristen“ zeigen…

Mein Eindruck
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Die Handlung ist breit angelegt und wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Im Gegensatz zu den ersten Romane über Grant County, in denen Sara Linton im Mittelpunkt steht, dominiert nun vor allem ihr Ex-Mann und künftiger Wieder-Ehemann Sheriff Jeffrey Tolliver. Er hat es nicht leicht und wird einige Male verletzt, hat aber stets das Herz auf dem rechten Fleck – und er ist ziemlich gewieft bei seiner Arbeit.

Sara Linton

Die Gerichtsmedizinerin und Kinderärztin Sara Linton hilft ihm nicht nur, die vielfältigen Aspekte dieses verzwickten Falles durchzudenken, sondern liefert auch Hinweise von entscheidender Bedeutung. Weil sie keine Kinder bekommen kann (vgl. „Belladonna“) und ihren Mann, Tolliver, verlassen hat, wird sie von ihren Eltern als keine vollwertige Frau angesehen, was in ihr natürlich erhebliche Minderwertigkeitsgefühle verursacht. Aber sie erkennt Aspekte an Menschen, die anderen Leuten entgehen.

Lena Adams

An Chief Tollivers Seite arbeitet Lena Adams. Sie ist drei Jahre vor den hier erzählten Ereignissen gefoltert worden, hatte einen rabiaten Freund, erlitt die Abtreibung seines Kindes und lebt nun bei der lesbischen Freundin ihrer ermordeten Zwillingsschwester. Man kann sich also leicht vorstellen, dass Lenas Gefühlsleben ein mittleres Chaos ist. Tolliver muss immer gewärtigen, dass Lena aufgrund ihrer Unsicherheit Mist baut. Und leider tut sie das auch diesmal wieder. Mit schlimmen Folgen. Das Geschehen aus ihrer Perspektive zu erleben, ist äußerst beklemmend.

Denn Lena stößt auf eines der zentralen Themen dieses neuen Thrillers aus Heartsdale: Gewalt gegen Frauen. Sie bemerkt zu ihrem Entsetzen an Terri Stanley, der jungen Frau eines Autorestaurateurs, blaue Flecken und Blessuren, doch Terri will ihren Haustyrannen nicht verlassen und auch nicht gegen ihn aussagen – um ihrer kleinen Kinder willen. Lena wird selbst geprügelt: von Ethan Green, ihrem Nazi-verehrenden Freund. Sie verabscheut ihn, kann aber nicht von ihm loskommen, wie es scheint.Und wie Lena hat auch Terri abgetrieben.

Das Rätsel der Begrabenen

Alle drei Hauptfiguren müssen sich, ob sie wollen oder nicht, mit dem Rätsel der begrabenen jungen Frau beschäftigen. Warum wurde Abby überhaupt begraben, fragen sie sich. Sollte es eine Strafe sein und war die Vergiftung nur eine Art Betriebsunfall? Chief Tolliver ist der Vorarbeiter Cole auf der Christen-Farm suspekt. Der ist wirklich ein Superchrist, der Feuer und Bimsstein predigt – und notfalls auch die Strafe für Vergehen in die eigene Hand nimmt, vor allem gegen Frauen. Aber als Sara Linton per Zufall herausfindet, dass auf dieser Farm innerhalb von zwei Jahren neun Menschen gestorben sind, meint der Sheriff, dass da wohl noch mehr dahinter stecken muss. Recht hat er: viel mehr.

Zwei Höhepunkte

Die Entwicklung des Geschehens erreicht zwei gleichermaßen grauenhafte Höhepunkte. Es ist wahrlich nicht schön, wenn ein Mensch an einer Vergiftung durch Zyankali stirbt – es geht langsam, aber unter grausigen Verrenkungen, denn das Salz der Blausäure entzieht dem Blut des Opfers sämtlichen Sauerstoff. Das Opfer erstickt also innerlich. Auch die Luft, an die das Zyankali gelangt, wird sofort verseucht. Als Tolliver ein solch entsetzliches Sterben mit ansieht, ahnt er nicht, dass er sich selbst in Gefahr befindet…

Der zweite Höhepunkt ist noch weitaus gewalttätiger und blutiger. Zarte Gemüter seien eindringlich davor gewarnt. Es gibt nicht viele Thriller-Autorinnen, die eine solche komplexe Szene derart sauber und glaubwürdig schildern und dennoch dem Leser einen heftigen Schlag in die mentale Magengrube versetzen können. Dennoch: Wer viele Hollywoodthriller gesehen hat, wird denken, dass es sich um einen ziemlich konventionellen Showdown handelt. Dumm nur, dass ein kleines Kind mit Asthma darin verwickelt ist…

Schwächen

Wie immer muss sich der Krimiautor mit Informationen behelfen, die er seinen Hauptfiguren irgendwie zukommen lässt, damit die Handlung voranschreitet. Manchen guten Autoren gelingt dies glaubwürdig, denn sie können sie die Quellen als plausibel erscheinen lassen, vermeiden dabei jedoch die Vorhersehbarkeit. Vielen anderen Autoren gelingt dies weniger gut.

Dass zum Beispiel der Sprecher der christlichen Farm, Lev Ward, nichts von den kriminellen Machenschaften seines Bruders gewusst haben will, kommt mir reichlich unwahrscheinlich vor. Allerdings hat dieser Paul immer Mittelsmänner gehabt, und Lev Ward hat sich selten um die Büroarbeiten gekümmert. Tja, so kann’s gehen, wenn man sich nicht eingehend mit dem eigenen Geschäft befasst, sondern mehr mit dem Seelenheil der Arbeiter und Mitmenschen. Ward ist vor allem Prediger, und als solcher wird er von Sara Lintons Schwester Tessa bewundert – wie von vielen anderen Frauen.

Stärke

Das Thema fundamentalchristliche Religiosität im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen zu schildern, ist sowohl innovativ als auch wagemutig und aktuell. Wie jeder weiß, sitzt zur zeit ein Fundamentalchrist im Weißen Haus, der am liebsten Abtreibungen verbieten und Homosexualität unter Strafe stellen würde, von Homo-Ehen ganz zu schweigen. Diese Einstellung als Nährboden für Verbrechen und Missbrauch darzustellen, ist das Verdienst dieses Romans.

Der Titel

„Faithless“ bedeutet nicht nur „untreu“ oder „ungläubig“, sondern nimmt im geschilderten fiktionalen Kontext die Bedeutung „vom Glauben abgefallen“ (faith = Glaube) an. Im Laufe der Handlung jedoch wird – und das ist von der Autorin geschickt herbeigeführt - zunehmend in Frage gestellt, ob die Fundamentalchristen den richtigen Glauben ausüben. Denn das Sprechen und das Tun sind zwei völlig verschiedene Dinge. Und das, was auf ihrer Farm getan wird, spricht sämtlichen neuchristlichen Grundsätzen Hohn.

Bis zum Schluss werden Bibelverse zitiert, als handle es sich um Waffen des Geistes. „Leviticus“ selbst ist ja ein Bibelabschnitt (daher die Redensart „jemandem die Leviten lesen“). Doch die Verse lassen sich für alles mögliche missbrauchen, so auch für das Töten von Frauen („du sollst die Hure nicht am Leben lassen“ und dergleichen Mist mehr). Was wieder einmal zeigt: Auch die so genannte Heilige Schrift ist ein Werkzeug, das sich zum Nutzen, aber auch zum Schaden von Menschen einsetzen lässt, je nachdem in welchen Händen es sich befindet.

Unterm Strich
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Der fünfte Roman Karin Slaughters hat mich ziemlich beeindruckt. Vor allem im letzten Drittel konnte ich den Thriller nicht mehr aus der Hand legen, denn sie schafft es, einen dramatischen Höhepunkt nach dem anderen aufzubauen. Der Epilog bildet nach wieder ein heiter-ironsiches Gegenstück dazu und lässt den Leser entspannt zurück.

Hoffentlich dieser ausgezeichnete Thriller bald auch auf Deutsch heraus – kürzlich wurde erst die Übersetzung von „Indelible“ (s.o.) veröffentlicht. Das Niveau des englischen Textes ist nicht allzu anspruchsvoll, aber man sollte sich mit amerikanischer Umgangssprache auskennen, um die vielen sexuellen Anspielungen richtig deuten zu können.

Michael Matzer © 2005ff

Info: Faithless, 2005; Century, London; 390 Seiten, Preis: UK 11,99; ISBN 1-8441-3374-5

Pro: spannend, komplex, mitfühlend, anrührend, geschickt aufgebaut

Kontra: gibt’s noch nicht auf deutsch






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