W.G. Sebald

Logis in einem Landhaus

Essay. Carl Hanser Verlag, ISBN: 3-446-19503-3

W.G.  Sebald: Logis in einem Landhaus

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Kritzeleien von geheimem Zusammenhang

W.G.Sebald nimmt mit neuen Essays „Logis in einem Landhaus“

„Ich will Sie mit meinen Kritzeleien nicht lange belästigen und bitte darum, mit den Füßen zu scharren, wenn ich Sie langweile.“ Kritzeleien? Frei von jeder anschmiegsamen Koketterie, mit ruhiger Selbstverständlichkeit in seiner Stimme, die in ihrem behaglichen Akzent die Allgäuer Herkunft noch erkennen ließ, eröffnete der anmutig altmodische Erzähler-Germanist W.G.Sebald kürzlich in Hamburg eine Lesung aus seiner neuen Aufsatzsammlung.

Mal gedanklich, mal auch tatsächlich hat er sich für seinen nunmehr dritten Essayband aufge- macht aus der Beschaulichkeit seines viktorianischen Pfarrhauses in der ostenglischen County- stadt Norwich, alte Freunde zu besuchen. Behutsam, in liebevollem Ton dreißigjähriger Ver- trautheit, aber doch voller Ehrerbietung nähert er sich den prominent Unbekannten, Abseits- stehenden, Weggedrängten unserer Literaturgeschichte: Hebel, Rousseau, Mörike, Keller und Robert Walser. Sebald winkt uns heran, ihm in die Wörter- und Lebenswelten von Grenz- gängern zu folgen, die, oftmals am Rande einer Katastrophe, ihrem ruhelosen Schreiben, „jener sonderbaren Verhaltensstörung, die jedes Gefühl in Buchstaben verwandeln muß und mit er- staunlicher Präzision vorbeizielt am Leben“, zu entkommen suchten.

Wie auch in seinen Prosabüchern ist hier einer am Werk, der bewußt Gattungsgrenzen unter- läuft, der merkwürdige Mischformen schafft aus literarischem Essay, journalistischer Reporta- ge und dokumentierter Zeitgeschichte. So nimmt Sebald weniger die Texte der Dichter unter das theoriegeschärfte Vergrößerungsglas des Germanisten, als er den geschichtlichen und privaten Bedingungen ihres Schreibens nachspürt.

Vom Ausgesetztsein, von der Unbehaustheit eines Rousseau erfahren wir, den man auf dem Gipfel seines Ruhms in Frankreich nicht mehr dulden mochte. Dem man nächtens im Schweizer Exil noch die Fenster einschmiß, und der doch nichts lieber wollte als um ein wenig Stille auf den See hinauszurudern, endlich Ruhe zu finden vor den endlos in seinem Kopf sich windenden Buchstabenereihen.

Mit seismographischer Aufmerksamkeit lauschten sie alle auf die Beben ihrer Zeit. Ein hypo- chondrischer Mörike im Biedermeierarrangement seiner schwäbischen Pfarre, der sich vielleicht jene Zauberschuhe seines Stuttgarter Hutzelmännleins wünschte, mit denen er der allzu beschwerlichen Dichterrolle hätte entfliehen können. Ein an „chronischer Erfahrungsarmut“ leidender Walser, der sich aus dem Frondienst seines Schreibhandwerks in sein geheimnisvolles Bleistiftsystem wegduckte im Versuch, das eigene Ich auszulöschen. Ein Keller schließlich, der als „barocker Poet der Vergänglichkeit“, die Gewalt einer kapitalvernarrten neuen Zeit im Blick, lieber in der kuriosen Schachtel- und Schubladenwelt verdämmernden Plunders herumnestelte.

Sebald gelingen einfühlsame Portraits des Dichters als Randfigur, denen nicht zuletzt Züge seiner eigenen Schriftstellerexistenz aufgeprägt scheinen. Wenn er immer wieder die besondere Liebe seiner Dichterfreunde für die kleinen, abgelebten Dinge des Alltags, für den Trödel hervorhebt, bringt er das eigene antiquarische Interesse ans Licht, das so gern in den Kram- ruinen und Hinterlassenschaften der Menschen umherklettert.

Einmal steht Sebald am Türpfosten jenes Inselzimmers, in dem Rousseau kurze Wochen Atem holte, fährt mit dem Finger den ins Holz gekerbten Initialen nach und sinnt ihren Geschichten hinterher. Abend mit Goldrand, aber vielmehr noch Bedeutsames für das poetische Selbstver- ständnis eines feingliedrigen Erzählers, der die Braille narbiger Unregelmäßigkeiten in Ge-schichten übersetzt.

Wie nah er sich dabei seinen Dichtern weiß, läßt der zweimalige Auftritt seines Großvaters ahnen. Mit Hebel teilte der die Sprache und das Kalenderbüchlein, mit Walser schon das Aussehen, zu guter Letzt das Todesjahr. Geheime Zusammenhänge offenbaren sich Sebald, „Ähnlichkeiten, Überschneidungen, Korrespondenzen“ über Zeit und Raum hinweg. Wie bei näherem Hinsehen die vollgekritzelte Schreibunterlage Kellers verschlungene Muster und Namenszüge freigibt, erweisen sich auch die „Marginalien“ Sebalds, seine „Kritzeleien“, kei- neswegs als gedankenloses Gestrichel am Seitenrand. Liebevoll ausgestattet mit Bildern und Klapptafeln, sind vielmehr meisterhafte Miniaturen zu bewundern.

Und es hat übrigens niemand mit den Füßen gescharrt, neulich, in Hamburg.

Oliver Jahn







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