Uwe Schultz

Der Fürst der Humanisten - Ein biographisches Lesebuch von Uwe Schultz

Sach. Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN: 3-423-12608-6

Uwe  Schultz: Der Fürst der Humanisten - Ein biographisches Lesebuch von Uwe Schultz

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Erasmus von Rotterdam galt als die Inkarnation des Wissens seiner Zeit und ein europäisches Bildungsprogramm zeugt noch heute von seinem ungebrochenen Ruf als bedeutendstem Humanisten. Erasmus, auch "Licht der Welt" genannt, bewegte sich in dem gefährlichen Minenfeld zwischen Papst und Reformation. Er reklamierte für sich Neutralität, verschob in bester Intellektuellenmanier den Konflikt auf schriftliche Auseinandersetzungen. Als Verfechter einer rein wissenschaftlichen Theologie sah er die "bonae literae" gefährdet, wenn er offen für Luther Partei ergriffe. Aber das durch die Reformation geschüttelte Europa befand sich längst in blutigen Konflikten und Erasmus´ Verhältnis zu Luther verschlechterte sich schließlich von Neutralität und Achtung zu offener Kritik. Die Zeit forderte auch von dem Fürsten der Humanisten den Tribut, der jenseits des Weltfriedens der Bücher eingefordert wurde. Er konnte zwar eine Zeitlang dem Drängen der Kontrahenten widerstehen, aber schließlich beließ man ihm nicht die Transzendenz gegenüber den wechselvollen Weltläuften. Erasmus wurde in die Irrungen und Wirrungen seines Zeitalters mit Macht hineingezogen und hielt an Papst und Kurie fest - trotz einer Reihe von Selbsterfahrungen mit der mächtigsten Institution seiner Zeit, der er schwierige Lebensumstände verdankte. Lange währte er sich gegen eine Klosterexistenz, gegen die mönchische Abschottung von den Erkenntnisfrüchten seiner Zeit. Erasmus von Rotterdam war einer unehelichen Beziehung eines Priesters und einer Arzttochter entsprungen und dieses Stigma beschäftigte ihn so stark, daß er seinem Namen 1496 den hoffnungsfrohen Zusatz Desiderius beifügte und sogar seine Geburt von - vermutlich - 1465/1466 auf 1469 umdatierte, um dem Makel zu entkommen, ein Priesterbankert zu sein. Nach dem frühen Tod der Eltern entkam er trotz des Drucks seines Vormunds schließlich dem Zugriff des Klosters und avancierte aus diesem dunklen Ursprüngen zur überragenden Lichtgestalt, zum großen Bescheidwisser seiner Zeit. Seine theologischen Studien sind weitgehend Geschichte. Seine Beiträge zur Lebenskunst, herausragend sein lachendes "Lob der Torheit" künden von einem abwägenden und selbstkritischen Geist, der die Feder einzusetzen wußte und das auch selbstbewußt tat. Der Anspruch des Humanisten lag im Glauben an die Macht des Wortes und der Schrift. Erasmus hielt es für die erste Intellektuellenpflicht, sein Zeitalter durch Wissen auf die Bahnen einer besseren Welt zu setzen. Wissen galt ihm als Macht und er attestierte sich die Leichtfüßigkeit etwa seine frühe Schrift "Adagia" in wenigen Tagen vollendet zu haben. Ulrich von Hutten rät er ab, sich auf gewalttätige Auseinandersetzungen einzulassen, weil er in ihm wie in Philipp Melanchthon, aber auch Martin Luther einen Gefolgsmann des Geistes sah. Das Kriegsgeschäft sei nicht Sache der Humanisten. Sein ungebrochenes Vertrauen in "Diatribe" (wissenschaftliches Gespräch) und "collatio" (Unterredung) wurde von der Geschichte nicht belohnt. Die Geschichte entschied sich für kriegerische Diskurse und Erasmus lernte, daß das Wort kein Reservat einer besseren Welt war. Luthers Schriften waren maßgeblich für die Bauernkriege mitverantwortlich und dessen wütende Abkehr von den Aufständischen zeugte nach Erasmus´ Einschätzung nicht von Plausibilität. Sein Verhältnis zu Luther verschlechterte sich nach wechselseitigen Streitschriften hin zu offenem Zorn, zu verschieden war die Mentalitäten: Luther, ein unbotmäßiger Geist, der die Welt nach Freund und Feind ordnete, Erasmus, der glaubte, differenziertere Weltverhältnisse eingehen zu können. Luther beschied der erasmischen Art von sanfter Theologie, die zu Unrecht Gottes Vorhersehung im freien Willen des Menschen relativiere, Blindheit und Gottesverachtung. Schließlich ermattete der Konflikt und blieb ein Zeugnis für die fatalen Kontroversen der besten Köpfe der Zeit, die keine konsensfähige Theologie möglich werden ließen. Erasmus von Rotterdams eigene Reflexivitätsformen trugen ihm in der europäischen Geistesgeschichte den Ruf ein, ein Vorläufer der Lebenskunst im Stil Montaignes zu sein. Auch Erasmus philosophierte im Angesicht des nahenden Endes in "De praeparatione ad mortem" über den Tod.

Erasmus bleibt ein Paradigma der gefährlichen Dialektik von Wissen und Welt, ein Beispiel für die Schwierigkeit, den blutigen Weltgeist friedvoll anzuleiten. Das vorliegende Lesebuch verknüpft kenntnisreich Originaltexte des Humanisten mit erhellenden Zeitkommentaren. Entstanden ist ein kurzweiliger Einblick in die Welt der Humanisten und der spannungsreichen Biographie des Erasmus. Spätmoderne Zeitgenossen können nun besser verstehen, warum er formulieren konnte: "Dort ist meine Heimat, wo ich meine Bibliothek habe".

(Dr. Goedart Palm)






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