Helga Schütz

Vom Glanz der Elbe

Bestseller. Aufbau Verlag, Berlin. ISBN: 3-351-02328-6

Helga  Schütz: Vom Glanz der Elbe

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Vom Glanz der Elbe ist ein Wiedervereinigungsroman; der schöne Titel läßt die Verwurzelung im östlichen Teil Deutschlands mitschwingen, die Liebe zu Dresden, dem Florenz an der Elbe. Das Buch spielt wenige Jahre nach der Wende. Adam Brühl, Naturwissenschaftler, stammt aus Dresden, lebt aber seit dreißig Jahren in den USA. Er kehrt nach Deutschland zurück, um seine Zwillingsschwester Anna zu suchen. Nur allmählich, Schritt für Schritt, gelingt es ihm, die Tiefe der Veränderung zu begreifen. Er fährt nun über die Grenze, die er als junger Mann unter Lebensgefahr überschritten hat, hin und her, der Todesstreifen ist jetzt für Radfahrer. In seinem Kopf sind noch die alten DDR-Erinnerungen, während sich die Städte, Berlin, Dresden, vor seinen Augen verwandeln. Es ist die Zeit des großen Mauereinreißens und Toreaufsperrens, ganze Straßenzüge geraten aus dem Verfall in den privaten Aufschwung. Die Dresdener Augustusbrücke erhält ihren alten Klang zurück, nach langen Jahren unter dem fremden Namen Dimitroff. Helga Schütz hat diese spannungsgeladene Periode unserer jüngsten Geschichte dokumentarisch festgehalten. Das Abschiedsfest für die Amerikaner, die übriggebliebenen Russen. Die Probleme mit dem Eigentum, Schiebereien. Die Privatunterkunft in Dresden, mit Frühstück im Wohnzimmer und dem gesellig wartenden Wirt in Turnhosen. Die Umweltzerstörung, verschärft durch die Goldgräberstimmung nach dem Fall der Mauer. Den Streit, der unter den so plötzlich zusammengewürfelten deutsch-deutschen Geschwistern ausgebrochen ist: die Umorganisation der Vergangenheit ist im vollen Gange, Aufrechnung und Abrechnung, die Wahrheit verzieht sich.

Im Zwillingsmotiv verschränken und erhellen sich private und politische Geschichte. Auch zwischen den Geschwistern Adam und Anna haben sich Anziehung und Abstoßung zeitlebens abgewechselt. Die beiden wurden als Säuglinge nach dem Bombenangriff auf Dresden in einem Gewölbe unter den Brühlschen Terrassen gefunden und in verschiedene Hände zur Obhut gegeben. Ihre Herkunft kennen sie nicht. Schon als Bub hat Adam Anna gesucht und auch gefunden, sich dann aber mit seiner Schwester geschämt, weil sie ein Heimkind und schlecht angezogen war. Die Trennung durch die Mauer brachte immerhin Ruhe, man konnte die Zeit vergessen, wo man zusammengehört hatte; nun auf einmal kommt alles wieder schmerzhaft in Bewegung. Adam sucht auch jetzt mit Vorbehalt, er weiß nicht, ob er die Schwester überhaupt finden will, er hat Angst vor Gewißheiten. Die Suche nach Anna ist in einen Erinnerungsprozeß eingebettet. Adam ist ein Mensch ohne Wurzeln, es fällt ihm schwer, andere festzuhalten, er ist, haltlos, hinter seinem kühlen Verstand verschanzt und würde sich doch gerne irgendwo mit seinem Gefühl verankern. Er hat Heimweh und weiß nicht, wohin, Findelkindheimweh

Helga Schütz, in der früheren DDR geachtete und gern gelesene Autorin, hat mit Adams Schwester ihre Heldin aus dem Roman In Annas Namen (1986) nach dem Mauerfall wieder aufleben lassen. Sie spinnt Annas Lebensfaden fort und leuchtet ihre Heldin aus neuer Perspektive aus, mit den Projektionen des Bruders, ohne sie selbst auftreten zu lassen. Helga Schütz begleitet ihre Figuren gern durch mehrere Bücher, auf der Suche nach Herkunft und Identität. So fragt auch Adam: wo komme ich her? und folgt der Frage in konzentrisch kreisender Erinnerung, oft gegen inneren Widerstand. Motor und Auslöser sind Wahrnehmungen, Bilder, Gerüche, Träume, Assoziationen. Zusammenhänge ergeben sich zufällig, oft unterschwellig, zu vermuten eher als zu erkennen. In dieser Erzählstrategie liegt für mich das Problem des Buches: es hat eine gezielte Unbestimmtheit und Rätselhaftigkeit, die mich als Leser oft ziemlich allein läßt. Soll ich begreifen, oder soll ich nicht, oder soll ich begreifen, daß ich nicht begreife? Die Romanfiguren scheinen oft besser informiert; nur mir wird nichts klar, nicht einmal, ob Adam und Anna wirklich Geschwister sind. Das Thema Inzest klingt aber an. Und was haben die vielen Personen, die nacheinander eingeführt werden, miteinander und mit der Geschichte zu tun - Amely, Andrew, Cosimo, Kati, Emma - es ist nicht der Zufall, der regiert, das merke ich, aber was dann? Die Figuren füllen das Tableau der Wendezeit mit Details, aber sie selbst gewinnen dabei wenig Farbe; vielleicht liegt das daran, daß sich die innere Logik ihres Erlebens in nichts von der Adams unterscheidet, für dessen Erinnerungsvorgang das andeutende, aussparende Erzählen ja durchaus angemessen wäre. Meine Bereitschaft, mich auf den Text einzulassen, wird zudem auf die Probe gestellt durch eine wuchernde Fülle von Seitentrieben, vom Hammerklavier Friedrichs II. über die Kleine-Muck-Dekoration in Babelsberg bis zur Gompa von Tshurphu. So schön viele der Einzelbeobachtungen in Sprache gegossen sind - am Schluß hat sich keine Szene, keine Figur wirklich gerundet, und meine Leseneugier bleibt unbefriedigt.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Stuttgarter Zeitung)






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