Fridolin Schley

Verloren, mein Vater

Roman. C.H. Beck Verlag, München. 34.00 DM . ISBN: 3-406-47129-3

Fridolin  Schley: Verloren, mein Vater

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"Wir müssen, müssen glücklich werden" - diese ebenso banale wie bedeutsame Botschaft steht am Ende von Fridolin Schleys Debütroman "Verloren, mein Vater". Das Schlusswort bildet zugleich ein Fazit des Vorhergegangenen, denn in seinem "Bericht von einer Familie" stellt der 1976 geborene Autor auch eine versteckte Frage nach den Grundregeln des Glücklichseins. Dafür lässt er sein Alter Ego einen Rundumblick auf sein Leben als Sohn, Bruder und Enkel werfen: eine Selbstbeobachtung im Spiegel des Generationengefüges.

Am Anfang steht ein Ende: das Begräbnis der Großmutter. Peter, der Ich-Erzähler, berichtet von der Fahrt zur Beerdigung, von der Trauerfeier und von seinen Familienverbündeten: die ältere Schwester Laura, der Vater, ein freier Fotograf, und die Mutter, eine Lehrerin aus Leidenschaft. Die nüchtern-lakonische Berichterstattung lässt Raum für Situationskomik, etwa wenn der Vater seine Gemahlin drängt, die Nacht im Bett seiner toten Mutter zu verbringen. Doch ebenso lauert das Mysterium des Eingebettetseins in die Ahnenreihe - durchaus verständlich also, dass Peter auf dem Oma-Klo Angst bekommt bei der Vorstellung, "wer schon alles auf dieser Schüssel saß".

In assoziativ geknüpften Erinnerungsketten und einer Vielzahl ineinander verschachtelter Rückblenden breitet Schley auf knappstem Raum eine beachtliche Handlungsfülle aus. Zugleich stellt sich dabei auch die Frage, welcher Fixpunkt, welches Geheimnis diese Ansammlung von Anekdoten im Innersten zusammenhalten könnte. Und tatsächlich geschieht etwas Unfassbares: Der Vater kehrt von einer Reise, bei der sein Flugzeug beinahe abgestürzt wäre, nicht nach Hause zurück. Ohne ein Wort der Erklärung. Ein Rätsel, das zunächst für eine latente Spannung sorgt .

Erst nachdem Peter zum Medizinstudium nach Freiburg gezogen ist, erhält er ein Lebenszeichen von seinem Erzeuger - doch statt nach dem Vater zu fahnden, begibt er sich lieber auf eine manische Suche nach seiner angebeteten Cousine Emma, die ihm in einer Art Vision geigend vor dem Freiburger Münster erschien. Leider jedoch wirkt Peters Verzweiflung, die sich auch in einer chronisch juckenden Kopfhaut offenbaren soll, allzu aufgesetzt, um die anvisierte Krise glaubhaft zu machen.
Zudem kommt der vermeintliche rote Faden der Vaterflucht in dem Sammelsurium von Nacherzählungen und Rückblicken nach und nach abhanden - und bildet eher eine weitere Faser im verworrenen Erzählknäuel. Dieses löst sich am Ende in Wohlgefallen auf, inklusive Rückkehr des verlorenen Vaters - doch was die finale Familienvereinigung, ebenso wie ihre vorherige Zersplitterung, eigentlich motiviert, und welche Rückschlüsse sich daraus ergeben, das bleibt Geheimwissen des Autors.

So bildet "Verloren, mein Vater" einen eigenartigen Zwitter aus Familienchronik und Bildungsroman: Innerhalb seines Familienverbandes versucht der Ich-Erzähler, die eigene Position zu orten - ein Doppelbezug, dem formal ein Wechselspiel aus unangestrengt-nüchterner, teilweise komischer Berichterstattung und verstreuten poetischen Passagen entspricht. Letztere sorgen zwar für atmosphärische Dichte, drohen mitunter aber auch ins Altkluge abzugleiten. Die eigentliche Stärke des Buches scheint dagegen darin zu liegen, dass ein Großteil des Geschehens im Möglichkeitsmodus abläuft - eine Art mitlaufendes "Vielleicht", das eine unterschwellige Unruhe garantiert.

Das erzählerische Potenzial ist also durchaus vorhanden, es bedürfte lediglich einer etwas gezielteren Formung. Denn noch fügen sich die einzelnen Fragmente nicht zu etwas Neuem. Und das macht nicht wirklich, wirklich glücklich.


Die ersten Sätze:
"Meine Schwester hat die seltsame Angewohnheit zu lachen, sobald etwas derartig spannend, traurig oder unfassbar ist, dass es einer (körperlichen) Reaktion bedarf. Bedenkt man die Tatsache, dass diese Augenblicke oft alles andere als komisch sind, dann kann man sich die verblüfften Gesichter und Reaktionen derjenigen leicht vorstellen, die in solchen Situationen anwesend sind. So kommt ihr Freund einmal zu ihr, in der Absicht, die Beziehung zu beenden, und gesteht ihr unter Tränen die Liebe zu einer anderen Frau. Für meine Schwester bricht eine Welt zusammen, doch sie weiß der blinden Panik nicht anders beizukommen, als in schallendes Gelächter auszubrechen."


 

 






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