Klaus Schlesinger

Trug

Bestseller. Aufbau Verlag, Berlin. ISBN: 3-351-02385-5

Klaus  Schlesinger: Trug

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Kann das denn mit rechten Dingen zugehen, wenn sich das eigene Spiegelbild, das man gerade im Glasfenster eines Ostberliner Caféhauses betrachtet, spöttisch lächelnd abwendet ins Innere? Und wenn dann drinnen ein Unbekannter sich an den Tisch setzt und vergessene Verse zitiert aus den Jugendjahren, wo man noch an die Sehnsucht und die Kraft der Liebe glaubte? Und wenn man plötzlich diesen Eishauch spürt, eine Empfindung, die sich auf die Haut legt "wie Schimmel auf altes Brot"... Trug - in der Tat ein passender Titel für Schlesingers neues Buch, ein wunderbar trügerisches Spiegelkabinett, eine Vexiergeschichte zwischen Schlemihlspuk und Agentendoppelbödigkeit.
   "Die sonderbaren Geschehnisse, durch die Strehlows Leben eine ebenso jähe wie ironische Wendung nahm, begannen an einem Aprilmittwoch Mitte der Achtziger vor dem Schaufenster eines Cafés Friedrichstraße Ecke Unter den Linden." Kleistisch-klassisch knapp legt Schlesinger mit dem ersten Satz Zeit, Ort und Hauptfigur fest und bereitet den Leser auf "sonderbare Ge-schehnisse" vor - eine Fürsorge, die angesichts des folgenden, drei Tage umfassenden Verwirrspiels nur eine weitere ironische Schlinge legt. Der Leser, an der eigenen Wahrnehmung irrewerdend, verfällt dem Trug nicht weniger hilflos als Strehlow selbst. Seine Deutungsversuche laufen ins Leere. Verunsicherung aber ist eine Gemütslage, die einen neuen Blick auf die Dinge ermöglicht.
   Strehlow, Mitte vierzig, ist aus Düsseldorf nach Berlin gekommen, um die Chance seines Lebens zu ergreifen - ein Immobiliengeschäft etwas zweifelhafter Natur, dafür mit umso größerer Rendite. 50 000 DM Schmiergeld stecken in der Brusttasche seines Jacketts. Aber irgendwie läuft alles quer in dieser "vermauerten" Stadt. Der Termin für die Geldübergabe platzt, und Strehlow gerät durch Zufall - aber was heißt hier schon Zufall - in das verwunschene Café und ins Gespräch mit seinem Ostberliner Spiegelbild. Ob es nun die merkwürdigen Übereinstimmungen mit dem "Anderen" sind, oder auch die "Konjäckchen",  immer wieder vor ihn hingezaubert von Traudel, der unheimlich eingeweihten Kellnerin, jedenfalls versinkt Strehlow hier in diesem Café in einen Zustand der Auflösung zwischen Traum und Wachen, wo auch die Mauer nicht mehr zu halten ist, die er gegen die Schlüsselszene seines Lebens aufgebaut hat - Ostern 62, als er Ostberlin und die nichtsahnende Freundin verließ, um im Westen mit seinem Freund Strack erst in Spielcasinos und dann in einer Maklerfirma das umzusetzen, was er für den Traum von Freiheit hielt. Die Wendung, die die Geschehnisse am Ende nehmen, ist in der Tat so jäh und ironisch, daß man sofort im Buch zurück und spurensuchend hin und her blättern muß, kopfschüttelnd über die eigene Täuschbarkeit und voller Begeisterung für die Erzählkunst des Romans.
   Wie Wolfgang Hilbig für sein "Provisorium", so hat Schlesinger für seinen "Trug" die Zeit kurz vor dem Ende der DDR und für seinen Helden einen Zustand der Grenzüberschreitung gewählt, des ständigen Pendelns zwischen Ost und West. Der Systemvergleich, der sich daraus ergibt, hält sich nicht mehr mit der Frage auf, "ob man die Freiheit der Gleichheit vorziehe oder die Gleichheit der Freiheit". Nein, Strehlow und sein Ge-genbild zeigen und erfahren in ihrem dreitägigen Dialog, "welche Eigenschaften dieses oder jenes Gesellschaftssystem in einem Menschen befördert." Beide haben im Lauf der Jahre etwas verloren - vielleicht den Schatten, wie Schlemihl? die andere Hälfte?
   Klaus Schlesinger ist 1980 in den Westen gegangen und wohnt heute wieder im Osten Berlins. In seinem Essayband "Von der Schwierigkeit, Westler zu werden" spricht er von seinem "doppelten Ich", das sich nicht zwischen West und Ost entscheiden mag. In "Trug" spürt man aber doch eine mit Wehmut abgetönte innere Parteinahme, nicht für Erich H., den "Schrankwandtyp", und sein System, aber für eine Daseinsform, wo man noch ganz altmodisch von "Herzensangelegenheiten" spricht und wo bei allen Häusern die Türen offen stehen, auch nachts, und sei´s auch nur im Traum. Während der Westler Strack im Bistro am Kudamm Sätze zum besten gibt wie "Mit ihr schlafen ja, aber nur keine Intimität!", findet Strehlow die "Fähigkeit zu kraftvoller Liebe" dann doch im Osten ... Der Gegensatz der Systeme befreit aber keineswegs von der Zuständigkeit für den eigenen Lebensentwurf. So wenig wie seinem Erzähler Thomale in dem Roman "Die Sache mit Randow" (1996) erspart Schlesinger seinem Helden Strehlow die Erkenntnis, daß wir immer "alle beteiligt sind, auch wenn es uns gar nicht bewußt ist". Als Strehlow damals die Freundin sitzen ließ - kam seine Panik wirklich vom "Mauerschock", oder nicht vielmehr aus der Angst vor der Verantwortung, weil sie schwanger war? Und stellt sich nicht jedem - "systemunabhängig" - die Frage, "was man erreicht hat und was noch zu erreichen wäre"? Nach seinem dreitägigen Erkenntnistrip ist Strehlow nun tatsächlich, wenn auch anders als geplant, in der Lage, die Chance seines Lebens zu ergreifen.
  Dies alles ist mit leichter Hand in eine bewunderswerte Form gebracht und mit klaren Motiven verstrebt - dem Spiegelspiel, der Jacke, die man an- und ausziehen und auch vertauschen kann, und natürlich der Mauer. Indem Schlesinger die Frau, um die sich alles dreht, fast ganz dem direkten Blick des Lesers entzieht - einmal darf er sie durchs Opernglas sehen, viel mehr wird nicht geboten -, schafft er reizvolle Freiräume für die Phantasie. Ebenso bleibt von der ganzen raffiniert eingefädel-ten Geschichte am Ende ein ungelöster Rest, etwas von der Unwirklichkeit der geteilten Stadt Berlin. So ganz mit rechten Dingen kann das alles doch nicht zugegangen sein.

Eva Leipprand
 






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