Eginald Schlattner

Der geköpfte Hahn

Bestseller. Zsolnay Verlag, Wien. ISBN: 3-552-04908-8

Eginald  Schlattner: Der geköpfte Hahn

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Leuchtend und seidig schimmerte der Himmel über der Stadt und anders als über Berlin. Denn dies war Siebenbürgen, das `Land des Segens´ im Südosten des Abendlandes. Wenn man in Fogarasch seinen Sonntagsspaziergang machte, auf der Burgpromenade um die Wasserburg, dann grüßte man in vier Sprachen, und auch der Schuster wußte, daß er für Rumänen, Ungarn, Zigeuner, Juden und Siebenbürger Sachsen verschiedene Schuhe zu machen hatte. In dem Völkergemisch hatten alle ihren Platz, stramm Deutschnationale und lässige Pfarrherrn, Käuze und skurrile Propheten, elegante Rumäninnen und nomadisierende Zigeuner.

In seinem autobiographischen Romanerstling schildert der fünfundsechzigjährige Eginald Schlattner die Stadt Fogarasch in den Jahren 1942 - 44, am Vorabend ihres Untergangs. Das Naziunwesen hat auch in Siebenbürgen Einzug gehalten mit Fahnen und Aufmärschen voller Pathos. Im Rassenkuddelmuddel dort enthüllt sich die ganze Perversion des völkischen Gedankens. Dem Erzähler stehen an der Schwelle zum Erwachsenwerden zwei Initiationsriten zur Wahl - die Vereidigung auf den Führer oder die Konfirmation. Zunächst lockt die Hitlerjugend mehr, mit ihren Ritualen von Befehlen und Gehorchen, ausgetobt in wilden Kriegsspielen, dem Hochgefühl der Männergemeinschaft, wofür Schlattner Sätze von bestürzender Direktheit findet. Der alles überschwemmende, homoerotische gefärbte Rausch der Verwandlung ist wie ein Orgasmus, Schmerz und Lust und Tod alles eins: Welch ausschweifendes Glück, mit dem geliebten Feind zu verschmelzen! Auf den Höhepunkt folgt aber rasch die Demütigung durch die stumpfe Horde; die Parolen, zeigt sich, sind so hohl wie die Helden. Jetzt wendet sich der Erzähler Alfa Sigrid zu, der Märchenprinzessin im roten Samtkleid, und ihren drängenden Fragen nach dem ewigen Leben. Er läßt sich konfirmieren und lädt zu seinem Schulabschluß-Tanztee auch die verfemte Jüdin Judith Glückselich ein.

Dieses Abschlußfest, in Fogarasch Exitus genannt, bildet den erzählerischen Rahmen des Romans. Es ist der 23. August 1944, der Tag, an dem Rumänien sich auf die Seite der Alliierten schlägt. Ein zwielichtiger schwüler Tag, gewittrig liegt das Unheil in der Luft. Der Tag wird ein Schlußpunkt für alle, für die Klasse, für die Naziherrschaft in Siebenbürgen und für das sächsische Völkchen selbst. Wir gehen unter, sagt der Großvater. Ein Wunder der Weltgeschichte, daß wir uns achthundert Jahre über Wasser gehalten haben. Exitus letalis. Man trifft zwar gewisse Vorbereitungen, baut einen Splittergraben im Garten und tauft den Hund Litwinow um in Ingeborg, um die Russen, wenn sie kommen, nicht zu verärgern. Trotzdem: wenn sie kommen, ist alles aus. Aber dies ist kein Grund, um nicht lustig zu sein. Beim Fest sind alle noch einmal zusammen, die Freunde, die ganze Verwandtschaft. Aber schon darf die Jüdin Glückselich anfangen aufzuatmen, die Rumänen gehen auf Distanz zu den Deutschen, der hitlertreue Hordenführer Hans Adolf wird entthront und hat ausgespielt. Märchenhaft verklärt erlebt der Erzähler die Berührung mit Alfa Sigrid und die unmittelbare Nähe des Todes.

Aus den Ereignissen dieses Tages sich verzweigend, in Rück- und Rundblicken, quellen fünfhundert Seiten Leben. Wir hier in Siebenbürgen reden nicht, wir erzählen, wir machen aus allem eine Geschichte. Erzählt wird aber nicht in modisch hingeölter Opulenz, sondern aus dem tastenden und dürstenden Bemühen des Adoleszenten, die Welt zu erfassen und zu verstehen. Der Scheintote, der mit dem Ruf nach einem Schnitzel wieder zum Leben erwacht, der Erichonkel mit seinen schlüpfrigen Weiberweisheiten, Alfa Sigrids Angst vor der ihr zugedachten Nische in der Familiengruft, der liberal denkende Vater, der einen jüdischen Flüchtling versteckt und den Wunsch des Sohnes nach Germanisierung der Firma mit zwei kräftigen Ohrfeigen quittiert - dies alles fügt sich zusammen zu einer so intensiven wie ideologiefreien Welterfahrung, genau beobachtet und mit einem kräftigen Schuß Humor erzählt.

Schlattner hält seinen ausufernden Text zusammen mit wiederkehrenden Bildern aus Märchen und Aberglauben. Der geköpfte Hahn ist so doppeldeutig wie das Leben. Er ist Vorbote des Unheils; der Kopf allein aber, an die Tür genagelt, bannt die bösen Geister. Die schöne siebenbürgische Landschaft mit dem Fluß Aluta bildet die innere Entwicklung des Erzählers ab, das Forschen ins Ungewisse, das Untertauchen und Zerfließen im sexuellen Erwachen. Die Sprache selbst ist für den Heranwachsenden ein wichtiges Mittel des Erkundens und Erkennens; der Brockhaus der Mutter erschließt neue dunkle Wörter wie Orgasmus und Libido. Aber auch die Sprache ist zweideutig, sie schafft Nähe zwischen Menschen und liefert sie einander aus, sie erfaßt die Dinge und verändert, verfälscht doch gleichzeitig das in Worte Gefaßte. So hält der Roman die Dinge in einer reizvollen Schwebe, an der Schwelle, im fließenden Zwielicht zwischen Leben und Tod.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Süddeutsche Zeitung)






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