Helmut Salzinger

Vogelschau

Undefined. Verlag Peter Engstler, Göttingen. ISBN: 3-923-58834-8

Helmut  Salzinger: Vogelschau

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Moor / Ein Versuch, nichts zu erzählen 

Odisheim, Head Farm,1996, ISBN 3-922445-08-x 

Stille Wasser 

Odisheim, Head Farm, 1997, ISBN 3-922445-04-7

Vogelschau 

Ostheim/Rhön, Verlag Peter Engstle, 1995, ISBN: 3-929375-08-7

Klaus Modick, MO Salzinger und Michael Kellner (Hrsg.)

Humus /  Hommage à Helmut Salzinger

Hamburg, Kellner Verlag, 1996, ISBN 3-89630-101-2

1935 wurde Helmut Salzinger in Essen, mitten im Ruhrgebiet, geboren. Ein typischer Stadtjunge, Landaufenthalte langweilten ihn, Gartenarbeit verabscheute er. Nach der Absolvierung des Helmholtz-Gymnasiums studierte er in Köln Literaturwissenschaft, promovierte 1967 über Eugen Gottlob Winklers künstlerische Entwicklung. Eine akademische Laufbahn schien sich abzuzeichnen. Doch Salzinger, reflektierender Hippie, dezidierter Vertreter der hedonistischen Linken, sprang ab und begann u.a. für das Feuilleton der ZEIT zu schreiben. Getreu Walter Benjamin nutzte er die Literatur- und Musikrezension zur Kritik an den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen; als er zu vermehrten Schwarzpressungen unveröffentlichen Musikmaterials aufrief, war das Mass voll, und die ZEIT-Redaktion legte ihm nahe, sich entweder anzupassen oder den Hut zu nehmen. Liebend gern tat Salzinger das zweite und schlug damit eine verheissungsvolle kulturjournalistische Karriere in den Wind. Unter dem Pseudonym Jonas Überohr schrieb Salzinger darauf jahrelang für Sounds. Auch als Lyriker war er in der Zwischenzeit hervorgetreten. 1970 hatte er Das lange Gedicht veröffentlicht, ein mitreissendes Zeitdokument der deutschen Beat-Szene, der auch Rolf Dieter Brinkmann, Jörg Fauser oder Jürgen Ploog zuzurechnen sind. Einschlug 1973 die gewiefte Text-Collage Swinging Benjamin, Salzingers Versuch, das Brisante an Benjamins Denken vor dem akademischen Kühlschrank zu bewahren und einer breiten Leserschaft neu zugänglich zu machen. Damals jedoch schickte er sich bereits dazu an, seine kritische Laufbahn aufzugeben und - ausgerechnet er - aufs Land zu ziehen: in ein Bauernhaus in Odisheim im norddeutschen Flachland hinter der Elbe- und Wesermündung. Dort gründete er zusammen mit seiner Frau MO das alternative Kulturzentrum der Head Farm, auf der er für die nächsten 20 Jahre bleiben sollte: einer, der ausgestiegen war, um den es ruhig geworden war, still, der in Tat und Wahrheit aber vielmehr eingestiegen war in eine neue schriftstellerische Existenz, deren Basis eine ökologisch orientierte Lebensweise bildete. So löste er den neuen "wahren Luxus" ein, von dem Hans Magnus Enzensberger jüngst gesprochen hat: auf der Head Farm verschaffte er sich Zeit, eine intakte Umwelt, Ruhe, leeren Raum und erhöhte die Wachsamkeit im Sinne selbstbestimmter Interessen. - Im Dezember 1993 erlag der Autor seinem langen Leiden an der Zuckerkrankheit. Zurückliess er, verstreut veröffentlicht, zahlreiche Gedichte, Essays und autobiographische Prosa.

1995 gab MO Salzinger eine Handvoll Gedichte aus dem Nachlass des Dichters unter dem Titel Vogelschau heraus. Naturgedichte, wie er sie seit dem Text/Foto-Band Gehen, Schritte (1979) zu schreiben begonnen hatte. Ihre lyrische Sprache ist weder hermetisch noch experimentell. Sie nähert sich dem mündlichen Ausdruck an, gemäss Salzingers Theorie, dass es das gesprochene Wort ist, das weiterlebt, weil es sich der menschlich allzu menschlichen Tendenz, ewige Werte festzuschreiben, widersetzt, sich vielmehr der Verwandlung offenhält und damit einer Bewusstseinsänderung vorarbeitet, in welcher der Primat nicht mehr dem Menschen, sondern der Natur gehört. So umkreisen die Gedichte oft schlicht, in leisen Worten, "die sanfte / Gewalt der Phänomene." Dabei verheimlichen sie nicht, dass die "wahren Einsichten" dieses Schriftstellers dem Namenlosen entsprangen, dem gleichsam Para-Menschlichen, Vorsprachlichen, dem Aufgehen des Ichs in der Landschaft und dem sich schenkenden Du.

Salzingers Mein letzter Sommer, eine Sammlung von 100 Haikus aus dem Jahr 1983, liegt seit kurzem in einer überarbeiteten Fassung vor. Die Gedichte ("echte" Haikus, Dreizeiler mit der Silbenzahl 5-7-5) spiegeln das japanische Dichterbild im deutschen Sprachraum: das Sichöffnen des Dichters für die Natur, sein Schöpfen aus dem Augenblick. Die stärksten Stücke zeichnet ein hoher Grad an Unmittelbarkeit aus, die Intensität verdichteter Momentaufnahmen. So dieses Kleinod: "kleine Amsel, vom / Schatten am Fenster verscheucht / Angst im Gefieder".

Dieselben Qualitäten eignen auch der Gedichtsammlung Stille Wasser, die Salzinger 1987 in einer Anzahl von 60 Exemplaren auf der Head Farm Odisheim gedruckt und an interessierte Freunde und Bekannte verteilt hat. Ein typisches Verfahren dieses Outsiders, der sich keinen Deut um die Regeln des Literaturbetriebs scherte. Nun legt die Head Farm Stille Wasser als schlicht gestalteten Lyrikband neu auf. Er umfasst die Zyklen DAHEIM IM UNIVERSUM, DIESER PLATZ, DIE WELT IM KOPF und TAGESZEITEN JAHRESZEICHEN. Der Band erhellt Odisheim, den Ort dieser Gedichte, die Landschaft, das riesige norddeutsche Flachland, in dem der Mensch auftaucht, verloren, wirkt und sich verwirkt... Stille Wasser dokumentieren Salzingers ökologischen Blick und vermitteln, aufgrund der ironischen Gelassenheit ihres Autors, eine Ruhe jenseits aller Beruhigung...

Dass Salzinger in seinem ökologischen Ansatz keineswegs der Utopie umweltschützerischer Machbarkeit aufsass, belegt auch das nachgelassene Fragment Moor / Ein Versuch, nichts zu erzählen, der dritte Teil der Trilogie, die mit Ohne Menschen 1988 begann und mit Der Gärtner im Dschungel 1992 fortgeführt wurde. Erzählt wird auf den Blättern von Moor in der Tat nichts, keinerlei spektakuläre Erlebnisse werden geschildert. Vielmehr wird zugelassen, was sich dem Auge zeigt auf tagelangen Wanderungen in den norddeutschen Moorgebieten. Das Subjekt nimmt sich dabei zurück, als wolle es in der Landschaft verschwinden. Es ist dies die unprätentiöseste autobiographische Prosa, die ich kenne. Gegen das Ende des Buches, an dem Salzinger bis zu seinem Tod gearbeitet hat, häufen sich die Hinweise auf die Krankheit, welche die späte Wanderleidenschaft erbarmungslos zurückbindet. Von daher erschliesst sich auch, weshalb das Moor zu Salzingers letzter "Seelenlandschaft" werden konnte: ein menschenfernes Land der Schatten, ein Morast, allverschlingender Schindanger.

In Humus, einer Hommage à Helmut Salzinger, finden sich Beiträge von 19 Autorinnen und Autoren. Sie vermitteln ein lebendiges, differenziertes Bild des unbequemen Querdenkers, Einblicke in die verschiedenen Schaffens- und Lebensphasen eines schreibenden Aussenseiters, den es für viele noch zu entdecken gilt.

 Florian Vetsch






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