Ruediger Safranski

Ein Meister aus Deutschland - Martin Heidegger und seine Zeit

Sach. Carl Hanser Verlag, ISBN: 3-596-12990-7

Ruediger  Safranski: Ein Meister aus Deutschland - Martin Heidegger und seine Zeit

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München/Wien 1994 Carl Hanser Verlag - Taschenbuchausgabe Frankfurt/M 1997 Fischer Verlag ISBN 3-596-12990-7

Ob es gefällt oder nicht: Heidegger ist einer der letzten emphatischen Denker in einer philosophischen Traditionslinie, die über Nietzsche bis zu Platon und den Vorsokratikern zurückführt. Heidegger wollte nach der Demontage klassischer Metaphysik, des Verlustes an Selbstgewißheit aufklärerischen Denkens, des quälenden Nihilismus noch einmal den ganz großen Wurf wagen: Das Sein selbst andenken, alle Verstecke der Wahrheit aufspüren, die Bedingungen des Daseins offenlegen - auch wenn der widerständige Weg zurück in die Anfangsgründe des unverborgenen Seins über unwegsame Holz-, Feldwege und Wiesengründe ginge.

Heidegger hat nicht zum wenigsten durch seine Selbstinszenierungen, nicht weit entfernt vom ideologieträchtigen Bild des urdeutschen Waldbauern, einen persönlichen Mythos begründet, der seine eigene Zeit-Genossenschaft in Frage stellt. Er erschien wie ein ebenbürtiger Dialogpartner Platons und forderte vom Leser jahrelange Lektüre Platons, um sein Denken in "Sein und Zeit" nachvollziehbar zu machen. Indes war er vielleicht mehr Zeitgenosse als andere Philosophen, die sich den Mächten der Zeit gegenüber weniger geschmeidig zeigten. Heideggers Liasion mit den Nazis ist von Victor Farias ausführlich dokumentiert worden. Zu beschönigen gibt´s beim Stand der biographischen Recherche ohnehin nichts mehr. Die berüchtigte Rektoratsrede, völkische Aktivitäten bis hin zum Lagerleben eines philosophischen Anführers, schnöde Abwendungen von jüdischen Kollegen lösen kaum Sympathie aus. Aber der Blick auf Heideggers Einschreibung in das dunkelste Kapitel deutscher Allmacht läßt gleichwohl nicht länger von dem Philosophen ablenken, der schließlich doch eine andere Allmacht als den braunen Terror suchte. Selbst Heideggers innige Berührung mit dem Nationalsozialismus hat seiner Nachkriegsrezeption bis hin zu Dekonstruktivisten und Postmodernisten keinen Abbruch getan. Safranski läßt trotz der maliziösen Titelwahl, die an einen anderen Meister aus Deutschland erinnert, Heidegger Gerechtigkeit widerfahren. Er reduziert die Auseinandersetzung mit dem Denker nicht auf die Frage, ob Heidegger sich nun entgegen seiner Philosophie auf den Faschismus einließ oder letztlich das Antidemokratische, Heldische, Menschenverachtende eben die soziale Form dieses Denkens ist.

Trotz Jaspers oder Sartre findet der Existenzialismus in Heidegger seinen "eigentlichen" Meister. Heideggers Terminologie gefällt sich dabei in erdigen Neologismen und dunklen Dialektiken, die nicht zum wenigsten seinen Mythos begründeten, nicht nur als (Fach)Philosoph, sondern als Denker zum Ursprung des Seinsdenken zurückzukehren. Kein Wunder, daß sich dieses eigensinnige Sprachspiel den Vorwurf zuzog, einen ideologischen Jargon des Eigentlichen zu pflegen, der teutonisch wabert, ohne die Dinge beim Namen zu nennen. Schärfste Kritik erntete Heidegger von Adorno, der Heidegger, den tiefgründigsten Denker des Seienden, letztlich selbst der Seinsvergessenheit zieh: Seinsvergessen gegenüber gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen, seinsvergessen gegenüber den heteronomen Vereinnahmungen des Subjekts. Vielleicht läßt sich vermittelnd sagen, daß beide Wahrheitssuchen sich nicht ausschließen und Heideggers Denken trotz seiner transgressiven Absichten auch nur ein Segment der Philosophie repräsentiert: Die Ontologie. Dieser Seinslehre ist zwar jeder Rekurs auf ein göttliches Wesen abgeschnitten, aber hierin bleibt sie nicht dem Nihilismus verhaftet, sondern besinnt sich auf den Urgrund des Seienden zurück. Wer sich diesem Sein nicht auf Heideggers Begriffsleitern nähern will, mag eine interessante Randbemerkung des Meisters aufnehmen: Gegenüber dem Zen-Philosophen Suzuki vermerkte er, daß dieser fernöstliche Weg der Weisheit just sein Denken wiedergebe - ohne aber den Begriffen noch irgendeine Bedeutung zuzuerkennen.

Safranski hat bereits zuvor als kenntnisreicher Biograph Schopenhauers seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, Lebens-, Zeit-, und Ideengeschichte zu einem Gedankenpanorama zu verflechten, das sich nicht auf die übliche Heldenverehrung reduziert. Safranskis Lichtung des dunklen Denkers Heideggers antwortet auf Leser unterschiedlichster Niveaus und verdient mindestens die Aufmerksamkeit, die etwa Gaarders "Sofies Welt" zuteil wurde.

Dr. Goedart Palm






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