Matt Ruff

G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke

SF. Carl Hanser Verlag, 624 Seiten. ISBN: 3-446-19290-5

Matt  Ruff: G.A.S. – Die Trilogie der Stadtwerke

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Der Roman G.A.S. - die Trilogie der Stadtwerke beschreibt ein apokalyptisches Disneyland im New York des Jahres 2023. Eine merkwürdige Welt ist entstanden, in der ein mutierter weißer Hai aus der Kanalisation ausbricht, in der ein gigantischer Wolkenkratzer namens Babel den Technikwahn der Menschen dokumentiert und wo Ökopiraten mit spektakulären Ganovenkunststückchen Kapitalisten und Ökosündern ein Schnäppchen schlagen. Gut und Böse bekriegen sich wie eh und je. Nur eines hat sich geändert: Die schwarze Bevölkerung wurde durch eine rätselhafte Seuche namens "Pandemie" ausgerottet. Und natürlich gibt es die Elektro-Neger, willige Androiden, sie sind der Traum eines jeden Vorgesetzten, erledigen sie doch auch die schlimmste Drecksarbeit mit einem charmanten Lächeln auf ihren Plastiklippen. Doch als der Industrielle Amberson Teaneck von einem Androiden erschlagen wird, kommen Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit auf. Die Journalistin Joan Fine stößt schon auf ein gigantisches Komplott. G.A.S. will die gesamte Menschheit ausradieren. G.A.S. steht für "gasphasiger analoger Supercomputer" und ist eine Mischung aus FBI-Paranoia und Disney-Technikwahn. Geschaffen haben ihn FBI-Agent John Edgar Hoover und Walt Disney. G.A.S. hat perfekt funktioniert, bis er eines Tages beim Abhören eines verwanzten Restaurants die harmlose Bestellung eines Gastes auf einer zweiten Sprachebene als Befehl zur Ausrottung der Menschheit verstand. Eine schwindelerregende Ironie und um den Kampf gegen die von ihnen selbst geschaffene Technik aufzunehmen, müssen sich Joan Fine und ihre Verbündeten schon einiges einfallen lassen.

Ruff beschreibt den Wahnsinn der Computer als hämische Parodie auf die Technik, die sich verselbständigt hat. In seinem futuristischen Szenario läßt er ein gewaltiges Szenario von skurrilen Personen und verrückten Ideen aufmarschieren. Da gibt es eine 180jährige Veteranin aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, eine junge Frau, die mit zwei mechanischen Tieren in den Geheimgängen der Stadtbibliothek lebt und eine violette Synthetikforelle als Waffe hat, es gibt eine feministischen Nonne. Der Ökopirat Philo Dufresne bespritzt die Schiffe, gegen die er gewaltfreien Widerstand leistet, mit Schlagsahne oder zapft mal eben die weltweiten Fernsehkanäle an, um die Lächerlichmachung der Rechtsbrecher zu übertragen. Der Roman ist aber auch eine Satire auf die heiligsten Werte des Kapitalismus - unbegrenzte Freiheit des Marktes und totale Individualität. Das Buch "Atlas wirft die Welt", für die US-Amerikaner etwa so wichtig wie für Marxisten "Das Kapital", steht dabei im Mittelpunkt der philosophischen Abrechnung Ruffs. Der Supercomputer G.A.S. setzt dabei die von Rand proklamierten Werte wie Individualität und Freiheit in letzter Konsequenz um, denn wirklich frei man nach dieser Vorstellung nur, wenn keine anderen Menschen mehr da sind.

So weit so verrückt. Mich haben diese futuristischen Hirngespinste allerdings nicht vom Stuhl gerissen. Das Buch gleicht in weiten Teilen einem schrägen Vergnügungsdampfer - überall stößt man auf Ironie und Parodie, die bis zur Absurdität aufgebauscht wurden, man darf sie fröhlich konsumieren und trudelt leicht irritiert zum nächsten Wahnsinn. Inmitten teilweise recht langatmiger Kapitel bleiben auch die obskursen Ideen Comic-Fetzen. Die 600 Seiten des Buches gleichen einem postmodernen Spinnennetz. Zusammengehalten wird diese riesige Erzählmasse weder von einer spannend erzählten Kriminalhandlung (immerhin geht es um eine Verschwörungstheorie), auch einen roten Faden scheint es nicht zu geben. Bezeichnenderweise erfährt man erst nach über 300 Seiten davon, daß es Pläne gibt, die Menschheit auszurotten. Das ist erzähltechnisch unverzeihlich, denn, um die Leser über so viele Seiten bei der Stange zu halten, müßte der Autor schon ein ganzes Feuerwerk von phantastischen Einfällen aufbieten, was leider nicht der Fall ist. Der Roman erinnert mich an viele Fantasy-Geschichten, die dem Leser Phantasie und Unterhaltung versprechen, in denen letztendlich aber nur punktuell einmal ein paar Geistesblitze aufleuchten, die ansonsten aber auf ein paar genretypische Klischees vertrauen. Mit G.A.S. - Die Trilogie der Stadtwerke erging es mir ähnlich: Das bizarre Satire-Abenteuer eines Autors, der mittlerweile sogar schon mit inflationären Begriff "Kult" belegt wird, entpuppt sich bei näheren Hinsehen als zersplittertes Comic-Fetztchen mit philosophischen Schattenspielen. Das ist mir eindeutig zu wenig.

Christoph Steven






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