Günther Rüther

Schreiben im Nationalsozialismus und im DDR-Sozialismus

Sach. xxxx, 508 Seiten. 29.80 DM . ISBN: 3-506-77365-8

Günther  Rüther: Schreiben im Nationalsozialismus und im DDR-Sozialismus

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Als Elias Canetti das Manuskript seines Hauptwerks "Masse und Macht" abgegeben hatte, schrieb er in sein Tagebuch, ihm sei es gelungen, dieses Jahrhundert "an der Gurgel zu packen". Ein Satz von erschreckender Arroganz, der nur einem der letzten "Privatgelehrten" möglich war - und zugleich ein beinahe prophetischer Satz. Dieses Jahrhundert mag vieles sein, das Jahrhundert der grauenhaftesten Kriege, des Triumphs und der Niederlage der Industrien, der Vollendung und Beendigung der Moderne und das der Wissenschaft: Es ist auch das Jahrhundert, welches das Individuum zugleich auf das Glanzvollste befreit und auf das Beklagenswerteste verraten hat.

Canetti hat beschrieben, was ihn zur Untersuchung des Verhältnisses von "Masse und Macht" gebracht hatte: das Erlebnis, wie er bei einem Massenaufmarsch am Straßenrand stand und gleichzeitig abgestoßen und hingerissen war. Diese Ambivalenz gegenüber dem "Größeren Ganzen", das das Individuum zu überhöhen verspricht und dabei auffrißt, ist eines der Kennzeichen für das Dilemma der Intellektuellen in den Totalitarismen dieses Jahrhunderts. Das Rätsel, wie sich einigermaßen intelligente Menschen überhaupt freiwillig in die Maschinerien von Staatsideologien integrieren lassen, ist hier ebenso begründet wie der mehr oder weniger verzweifelte Abwehrkampf anderer - und mitunter derselben - Individuen gegen diese Vereinnahmung.

Daß die Nachwelt mit diesen, den perfidesten Wirkungen totalitärer Regimes am wenigsten zurechtkommt, zeigt die Ratlosigkeit, mit der wir immer noch denjenigen Schriftstellern begegnen, die sich mehr oder weniger an den Nationalsozialismus oder das SED-Regime "angepaßt" hatten - oder sich lediglich nicht heldisch verweigert haben. Mit dieser unserer Unsicherheit, die sich bei Ernst Jünger ebenso einstellt wie bei Bert Brecht, enden freilich schon die Gemeinsamkeiten, wie Eberhard Lämmert in seinem Beitrag über das "Elend des Schreibens unter Diktaturen" zutreffend sagt: Die Produktionsbedingungen und -restriktionen deutscher Autoren im NS- und im SED-Regime waren außerordentlich unterschiedlich: Weder gab es für DDR-Autoren eine unmittelbare Todesbedrohung wie die Konzentrationslager, noch hatten Autoren des "Dritten Reiches" die Alternative eines anderen deutschen Staates in der "Hinterhand": Undenkbar, so Lämmert, daß Volker Brauns "Hinze-Kunze-Roman" in der DDR relativ unverändert publiziert hätte werden können, wenn er nicht zuvor schon in der BRD erschienen wäre.
Ganz entsprechend Lämmerts Diagnose zerfällt der Band über "Literatur in der Diktatur" im wesentlichen in Einzelstudien über Benn, Thomas Mann, Ernst Jünger einerseits und Johannes R. Becher, Brecht, de Bruyn, Christa Wolf und andere andererseits. Und so, wie sich kein einheitliches Bild vom "Schreiben in der Diktatur" einstellen will, so vielgestaltig, individuell unterschiedlich erscheinen auch die Wege, die die Autoren jeweils genommen haben. Eine eindeutige und durchgehende Verurteilung der Diktatur wie beim "Geistesfürsten" Thomas Mann findet sich nur selten, das "Zwischen" herrscht vor: Ernst Jünger "zwischen Kritik und Affirmation"; die Literatur der DDR "zwischen Vereinnahmung und Selbstbehauptung".

In dem einzigen "authentischen" Text des Bandes, einem ebenso glanzvollen wie knappen Essay, bringt Herta Müller die Situation auf den Punkt: "Auch mir selber war ich immer weniger gewachsen. Nicht so werden wie die anderen, nicht so bleiben können, wie ich war - dieser Zwiespalt war nicht zu lösen". Herta Müller hat die Konsequenz gezogen: Sie kündigte; anderen waren solche Schritte nicht möglich.

Wenn der Herausgeber Günther Rüther einleitend summarisch schreibt: "In einer Diktatur nimmt die Literatur Schaden", hat er nur recht, bleibt aber hinter der durchaus verwirrenden Vielfalt der Diagnosen des Bandes zurück. Der totalitäre Druck hat natürlich mögliche literarische Karrieren verhindert; andererseits hat er auch fallweise kreative Gegenkräfte provoziert, ein Leben im "Zwischen" ermöglicht. Das eigentümliche "Doppelleben" Gottfried Benns zwischen poetischer und politischer Welt paßt ebensowenig zu Rüthers Generaldiagnose wie Christa Wolfs Auswege in die "Phantasiearbeit", die Frauke Meyer-Gosau schildert. Sie kommt zu der beherzigenswerten Schlußfolgerung: "Kritische Intellektuelle des Westens" sollten sich die komplizierten Produktions- und Überlebensbedingungen von Autoren in den Totalitarismen in Erinnerung rufen, "bevor sie selbstzufrieden und a posteriori auf der Einhaltung einer 'korrekten Linie' unter allen Umständen bestehen".

(Dr. Hartmut Kuhlmann, Stuttgart)

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