Joseph Roth

Radetzkymarsch

Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, ISBN: 3-462-01981-3

Joseph  Roth: Radetzkymarsch

Dieses Buch Freunden weiterempfehlen.

Dieses Buch kaufen bei Amazon.de

Buy Joseph Roth: Radetzkymarsch at Amazon.com (USA)

Weitere Buchbesprechungen bei Amazon.de.

Man kann Bücher von vorne lesen, beginnend mit dem ersten Satz - man kann sie auch von hinten lesen, beginnend mit dem letzten. Manche Autoren und Verleger wissen das - andere nicht. Die meisten Bücher verlieren bei diesem Verfahren - eines gewinnt: Joseph Roths erstmals 1932 erschienener Roman 'Radetzkymarsch'.
Beginnen wir also ganz am Ende, mit dem hinteren Buchdeckel: Der junge Mann, der da so wehmütig aus der Schwärze des Buchrückens auftaucht, hat offenbar Probleme mit der Schilddrüse, dem Alkohol und dem Leben schlechthin. Er blickt uns nicht gerade in die Augen, sondern haarscharf an uns vorbei - ist hinter uns irgend etwas interessanter, als wir es sind, sieht er uns überhaupt, oder ist es ihm schlichtweg unangenehm, Menschen in die Augen zu sehen? Ein bißchen sieht er aus, als säße er vor einem Spiegel - ist es sein eigenes Spiegelbild, dem sein Blick auszuweichen sucht? Woher kommt er gerade, wo geht er hin? Eine Fliege scheint er umgebunden und bereits etwas getrunken zu haben. Steht er an der Bar eines Vorstadtspielkasinos, um sich eine Folterpause und ein Glas Hochprozentiges zu gönnen, bevor ihm in der nächsten Prügelrunde sein letztes Geld aus der Tasche gezogen wird und er beim Barkeeper um Kredit betteln muß? Immerhin, er lächelt noch; zumindest versucht er es, aber es will nicht recht glücken. Er ist passionierter Schwarzseher, er weiß, was das Leben bisher brachte, und was es noch bringen wird - seines, unseres, das Leben schlechthin. Man möchte ihn in die Arme schließen und ihm zurufen: 'Mensch, immerhin bist Du einer der größten Schriftsteller dieses Jahrhunderts'. Würde ihn das über irgend etwas hinwegtrösten, würde er es überhaupt glauben? Wohl kaum.
Was ist nun von so einem zu erwarten? Ein Untergang wird beschrieben, steht über der Photographie; wen wundert's! Blättern wir ein paar Seiten vor beziehungsweise zurück: Der letzte österreichische Kaiser stirbt, der Held des Roman ebenfalls, er stirbt im ersten Weltkrieg.
Nun zum Romananfang: Die Donaumonarchie Österreich-Ungarn ist auf dem Höhepunkt ihrer Blüte, der Kaiser ein starker junger Mann, und der Großvater unseres gerade so jämmerlich niedergestreckten Helden rettet dem starken jungen Kaiser das Leben - ein Held im besten Sinn des Wortes. Von hier aus kann es natürlich nur noch bergab gehen; der 'Radetzkymarsch' ist nicht die Geschichte eines Untergangs, sondern vieler Untergänge. Und hieran besteht von vornherein nicht der geringste Zweifel - die Präfigurationen treten sich nur so auf den Füßen herum. Wenn unser Held einmal Geld haben sollte, wird er es im nächsten Spielkasino zu vermehren suchen - und natürlich verlieren; sollte ihm eine Traumfrau über den Weg laufen, die ihn genau so aufrichtig liebt, wie er sie, so wird er das junge Glück an der nächsten Straßenecke mit der nächsten Straßendirne wieder zerstören. Nicht aus Mut- oder gar Böswilligkeit - er ist ein harmloser junger Dummkopf, der das Unglück ganz einfach anzieht. Oder vielmehr: Das Unglück zieht ihn an - er selbst gehört nicht zu den Leuten, die irgend etwas anziehen. Der ganze kaiserlich u. königliche Glanz der Jahrhundertmitte wird nicht nur verblühen, er wird restlos untergehen, und mit ihm das zugehörige Land, die zugehörige Denk- und Lebensart, die Kaiser und die Helden, einschließlich des Helden unseres Romans - ein riesiges Chaos wird alles verschlingen. Wußte Joseph Roth bereits 1932, daß dies noch längst nicht alles war, daß es noch schlimmer werden würde, und daß unser Held mit seiner zerbrechlichen Konstitution fast von Glück reden kann, daß er den Weitergang der Geschichte nicht mehr miterleben muß? Erneuter Blick auf den melancholischen Weitblick auf dem Buchrücken: Meinetwegen wußte er auch das.
Aber warum müssen wir das Buch lesen? Es tut weh, den 'Radetzkymarsch' zu lesen, es schüttelt einen, man möchte schreien und ist ständig versucht, das Buch wegzulegen. Nichts wird gut, alles wird schlecht, man weiß es ja - aber muß man es in dieser Detailschärfe wissen? Gibt es denn gar nichts Positives auf der Welt?
Gibt es: Es liegt in der Meisterschaft, in der Joseph Roth eine tieftraurige Geschichte, deren Ende von vornherein glasklar feststeht, so fesselnd zu erzählen versteht, daß man sie dennoch begierig verschlingt, die Pausen zwischen einem Schicksalsschlag und dem nächsten dankbar auskostet und doch masochistisch den übernächsten bereits sehnsüchtig herbeisehnt. Roth zeichnet keine Charaktere, er zieht sie gnadenlos aus bis aufs Hemd. Auch das tut weh. 'Halt' möchte man rufen, 'es reicht', aber unerbittlich entblößt er seine Romanfiguren weiter, bis sie nackt und frierend und kläglich im Regen stehen. Und dennoch weidet man sich an ihrem Anblick, an der Virtuosität, mit der Joseph Roth sämtliche stilistischen Register schriftstellerischen Schaffens zieht, Personen, Situationen, sich, uns und den Menschen schlechthin beschreibt, und den dennoch einfachen Worten, mit denen er so viel mehr zu sagen versteht, als das, was man tatsächlich liest.

Dieter Lohr






Bücher neu und gebraucht
bei amazon.de

Suchbegriff:


eBay


Bücher gebraucht oder neu bei booklooker.de
Autor:
Titel:
neu
gebraucht

Ihr Kauf bei unseren Shop-Partnern sichert das Bestehen dieses Angebotes.

Danke.


Weitere Titel von und Rezensionen zu Joseph Roth
Weitere Rezensionen in der Kategorie: Roman  



Partner-Shop: Amazon.de

Radetzkymarsch Amazon.de-Shop
Joseph Roth: Radetzkymarsch

Partner-Shop: Amazon.com (USA)

Buy Joseph Roth: Radetzkymarsch at Amazon.com (USA)

carpe librum ist ein Projekt von carpe.com  und © by Sabine und Oliver Gassner, 1998ff.

Das © der Texte liegt bei den Rezensenten.   -   Wir vermitteln Texte in ihrem Auftrag.   -   librum @ carpe.com

Impressum  --  Internet-Programmierung: Martin Hönninger, Karlsruhe  --  19.06.2012