Michael Roes

DER COUP DER BERDACHE

Roman. Berlin Verlag, Berlin. 492 Seiten. ISBN: 3-827-00313-

Michael  Roes: DER COUP DER BERDACHE

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Der Roman beginnt wie ein Action-Thriller: eine Frau (oder ist es ein Mann) steht auf dem Bahnsteig in New York und beobachtet einen Mord durchs Fenster des gegenüberliegenden Wohnblocks. Im Sex-Club THE MEAT im alten Fleischereidistrikt der Stadt wird ein FBI-Agent bei lebendigem Leib skalpiert, von einem Täter unklaren Geschlechts. Polizeipsychologe und _Revierbulle_ Voelcker, Afro-Amerikaner, ist mit der Aufklärung des Falles betraut. Indem er sich als Ethnologe Ellison ausgibt, bittet er, bevor er selbst zwischen alle Fronten gerät und verschwindet, zwei Personen unklaren Geschlechts, ihre Erfahrungen aufzuschreiben: Joan oder John Bayou, die indianische Anthropologin, eine Berdache, was bedeutet: nicht Mann, nicht Frau. Und die Drag Queen Elektra, eigentlich Elbert Late, im bürgerlichen Leben glücklich verheiratet und Vater zweier Kinder, abends aber geschminkter stöckelnder Star im MAD COW. Joan Bayou schreibt in Hefte, besonders ausführlich über Riten, Welterfahrung und kulturelle Wurzeln ihres Volkes, der Sequoyah. Elektra spricht ihre Vorstellungen über die fließenden Grenzen zwischen den Geschlechtern in ein Tonbandgerät. Voelcker selbst erzählt seine Sicht der Dinge aus dem Untergrund, der U-Bahn; die Haltestellen gliedern den Text.

Der Leser muß sich nun aus diesen drei Informationsquellen selbst das Geschehen zusammenreimen, das sich ihm spannend wie ein Krimi, aber in raffinierter Lückenhaftigkeit darbietet. Man tastet sich durch den Dschungel New Yorks wie ein Stadtindianer, von spärlichen Indizien und Andeutungen eher verwirrt als geleitet. Zwar schält sich am Ende der Kern des Falles heraus: Eine alte Rechnung ist zu begleichen zwischen den Indianern und dem FBI. Die Berdache will in einem gewagten Coup die Gerechtigkeit wiederherstellen, bringt dabei aber Ereignisse ins Rollen, die zu einem gewaltigen Blutbad zu eskalieren drohen. Nicht alle Rätsel gehen aber auf am Ende, abrupt bricht der Roman ab, die Handlungsfäden hängen lose vor dem gründlich verstörten Leser, der nur eines sicher weiß: daß seine Verstörung beabsichtigt ist.

Daß die Erscheinung der Dinge nur selten mit ihrem Wesen übereinstimmt, wissen Sie bereits. Daß die Erscheinung der Dinge aber Teil ihres Wesens ist, beschreibt womöglich am einfachsten die Essenz der kommenden Lektionen. Was der Polizeipsychologe Voelcker im Roman seinen Schülern ans Herz legt, kann sich der Leser gleich selber hinter die Ohren schreiben. Er erhält eine sehr eindrückliche Lektion in der Erschütterung seiner Vorurteile und Gewißheiten. Nicht umsonst sind die drei Erzähler, denen der Autor die Darstellung seiner Geschichte anvertraut, allesamt Lehrer oder Dozenten. Alle drei haben selbst eine doppelte Identität und widmen sich, jeder auf seine Weise, ihrer noch ganz in ihren Anfängen stehenden Erziehungsaufgabe: den Blick zu öffnen für die Vielgestaltigkeit der Welt; zu zeigen, wie flüchtig und fehlbar unsere Denkkategorien sind, die konventionellen Unterscheidungen nach Rasse, Geschlecht und Kultur. Das Denken in Gegensätzen schärft das Verständnis für die Widersprüchlichkeit dessen, was wir Identität nennen. Der Mensch ist nicht festgelegt. Er hat Nachtseiten, die er auslebt, real oder in der Phantasie, so wie auch Gewalt und Grausamkeit in ganz verschiedenen Formen und Funktionen auftreten können: entwürdigend als Tritt eines Polizisten, naturgewaltig-erhebend im Zubiß des Wolfes in der Wildnis, kulturprägend beim Brauch des Skalpierens. Marterrituale, bei den Indianern sinnstiftende Tradition, verflachen bei den Freizeitmasochisten der New Yorker Sex-Clubs zur finalen Epiphanie des amerikanischen Traums. Auf dem Weg in die androgyne Gesellschaft verwischt sich auch die Grenze zwischen den Geschlechtern. In der Spannung zwischen dem männlichen und dem weiblichen Pol gibt es mehr Möglichkeiten, als man sich gemeinhin träumen läßt.

Michael Roes, Doktor der Philosophie, bewegt sich bewußt zwischen Theorie und Fiktion. Sein letzter Roman, Rub´al-Khali, Leeres Viertel (1996, mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet), war zugleich seine Habilitationsschrift. Was dort die Theorie des Spieles war, ist hier nun eine auf ethnologische Recherchen gegründete, breit angelegte Reflexion über die menschliche Identität in der Gesellschaft. Allerdings paßt sich das wissenschaftliche Material in dem neuen Roman organischer in den Gang der Handlung ein. Die erzählerische Potenz des Autors fügt die Teile zu einem beeindruckenden Ganzen zusammen. Mit fundiertem Insiderwissen, zugleich aber auch mit dem forschenden Auge des Außenseiters skizziert der Deutsche Michael Roes den Schauplatz New York (im Roman New Leyden genannt). Roes kennt die Brutalitäten des Polizeisystems, er weiß Bescheid über die Niederungen, die Untergründe, und hat sich eingefühlt in die schwierige Psychologie des Rassengemischs.

Die Wahrnehmung selektiert subjektiv, erklärt der Polizeipsychologe seinen Schülern. Dem entspricht die konsequente Perspektivtechnik des Romans mit ihren drei subjektiv selektierenden Blickwinkeln. Dabei entstehen Szenen schön und scharf konturiert wie Filmsequenzen, etwa die Ankunft Elektras im Sequoyah-Reservat, der Auftritt der Drag Queen im engen gelben Chiffonkleid eine Art High Noon im Indianerstädtchen, von Joan/John Bayou beobachtet wie mit dem fokussierenden Auge einer Kamera. Das Tonband, auf das Elektra spricht, enthält ganz naturalistisch auch Nebengeräusche wie Lautsprecherdurchsagen der U-Bahn oder den Mitschnitt des Polizeifunks. Wird aber kurz vor einem erhellenden Geständnis der Aus-Knopf gedrückt, bleibt auch der Leser ausgeschlossen. Einen über dem Ganzen stehenden Berichterstatter gibt es nicht; auch die drei ohnehin schon mittelbaren Erzähler verschwinden gelegentlich völlig, wenn sich die Berichte in Dialoge auflösen. Die Klarheit der sorgfältig gebauten Sätze steht in umgekehrtem Verhältnis zur Undurchsichtigkeit des Gesagten. Die Wirkung ist so faszinierend wie irritierend. Rückblicke, Erinnerungen sind in verblüffendem Präsens erzählt, vielleicht um dem Zeitempfinden der Sequoyah zu entsprechen. So entsteht ein Erzählgeflecht, wo Realität und Vision nicht grundsätzlich getrennt sind und auch die Zeit keineswegs linear verläuft - ganz nach der atavistischen Logik der Indianer.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Stuttgarter Zeitung)






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