Francoise Rey

Die Papierfrau

Roman. Portobello, München. 188 Seiten. ISBN: 3-442-55179-X

Vorsicht, Erotik!
Francoise  Rey: Die Papierfrau

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Mit der "Geschichte der O." und "Emmanuelle" vergleicht der Verlag diesen 1989 veröffentlichten Roman. Das soll dieses Buch wohl in die Nähe des moralischen und gesellschaftlichen Skandals rücken. Und wirklich gemahnt die Erzählung zuweilen an de Sades "Justine", denn das Bauprinzip ist ähnlich: möglichst viele "anstößige" Szenen aneinanderzureihen, um den Leser anzutörnen. Dabei stammt das Buch nicht von einem männlichen Autor, sondern von einer Frau, einer französischen Mittvierzigerin.

Handlung

Eine Frau im mittleren Alter erzählt in Phantasien, die sie in Briefen oder Schilderungen mitteilt, die Geschichte und die Geschichten einer Beziehung, die sie sich in der Realität nicht vorstellen kann, da sie offenbar zu gewagt dafür ist. (Die "fiktionale Realität" dazu findet man dann bei Réage und de Sade.) Interessanterweise stehen die "harten" Episoden am Anfang des Buches und die romantischen am Ende. Daher erscheint es konsequent, dass auch die Widmung am Schluss kommt statt am Anfang.

Im imaginierten Dialog mit ihrem Liebhaber entstehen mehr oder weniger phantastische und prickelnde Berichte über die erotischen Begegnungen des Paares – mit sich selbst oder mit anderen Gefährten der Nacht oder des Tages. Das führt zu sinnlichen Konstellationen wie etwa einem flotten Dreier, sei es mit zwei Frauen oder zwei Männern. Dazu gehört auch, dass die Erzählerin sich vorstellt, sie betätige sich als Prostituierte für einen Zuhälter, dessen Rolle ihr Liebhaber spielt. Leider ist sie davon recht enttäuscht – es kommt eben immer auch auf den Kunden an.

Weitaus witziger und schöner sind die Szenen, in denen ein romantisches Ambiente eine Rolle spielt, etwa in einem Haus auf dem Lande. Auch ein kleines Kätzchen kann eine große Rolle spielen, wenn es die Pussi seiner Gastgeberin lecken darf.

Fazit

Wie "Justine" und "Die Nächte der Gamiani" ist "Die Papierfrau" ein Bündel aus Phantasien von sexuellen Obsessionen, in Briefform mitgeteilt, um den Schreiber/Erzähler möglichst intensiv und subjektiv zu Wort kommen zu lassen. Daher wirkt das Erzählte entsprechend unmittelbar und unverfälscht, um ihn zu schockieren oder anzutörnen.

Das aber ist eine Pose. Der Leser merkt dies daran, dass die Erzählerin immer wieder betont, wie scham- und hemmungslos und verwerflich doch ihr (vorgestelltes) Verhalten sei. Offenbar macht nicht nur für sie, sondern auch für den Leser dieser Aspekt einen wichtigen Reiz aus.

Doch dieser Reiz geht natürlich verloren durch zwei Umstände: Erstens sobald diese Pose durchschaut worden ist – das Schema wiederholt sich und wird allmählich aufdringlich. Zweitens hat sich durch die Reizüberflutung, die das Internet in allen Bereichen, denen sich die Phantasien widmen, bietet, inzwischen abgenutzt. Dieses Einflusses war sich die Autorin 1989 natürlich noch nicht bewusst.

Der wirkliche Wert dieses Buchs liegt also nicht im Dargestellten, sondern in der Darstellungsweise. Und die ist durchaus von literarischem Wert, allerdings eben auf dem Niveau der damit verglichenen Werke der erotischen Literatur. Auf eine Ebene wie der von Anais Nin möchte ich dieses Buch keineswegs heben. Aber an das "Opus Pistorum" von Henry Miller reicht es allemal hin.

Michael Matzer © 2001ff

Info: La femme de papier, 1989; Goldmann-Portobello 2001, München; 188 Seiten, aus dem Französischen übertragen von Angelika Weidmann






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