Sven Regener

Herr Lehmann

Roman. Eichborn Verlag, 298 Seiten. 36.00 DM . ISBN: 3-8218-0705-9

Sven  Regener: Herr Lehmann

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"Der Arsch ist offen" und Kreuzberger Nächte sind lang: Wird Sven Regeners Romandebüt "Herr Lehmann" vielleicht etwas überschätzt?


Nach Fräuleinwunder-Hype und Popliteraten-Kontroverse herrscht im deutschen Literaturbetrieb recht tote Hose. Oder doch nicht? Ein neuer, wenngleich nicht unbekannter Name verheißt, die Phase der Flaute zu beenden: Sven Regener, Jahrgang 1961, viel gelobter Texter, Sänger und Trompeter der Berliner Band "Element of Crime". Kaum ist sein Debütroman "Herr Lehmann" erschienen, jubeln die Rezensenten, und im "Literarischen Quartett" erteilte selbst der Literaturpapst seinen Segen. Was aber ist wirklich dran an dem Roman?

Regeners Held heißt Frank Lehmann. Weil er ein wenig seltsam ist und auf die 30 zugeht, nennen ihn alle "Herr Lehmann". Herr Lehmann lebt in Berlin-Kreuzberg, jobbt als Thekenkraft in diversen Kneipen und führt ansonsten ein etwas träges, aber leidliches Leben. Zu seinen "herausragenden Eigenschaften" zählt die "Zähigkeit", und er selbst hält sich für "einen durchweg ausgeglichenen Menschen, dessen Temperament sich mit den Jahren abgelagert hatte wie der Griselkram in einem alten teuren Rotwein".

Der Roman schildert einige ereignisreiche Tage aus Lehmanns Leben im Jahre 1989. Das historische Setting zur Wendezeit hat zwar kaum Auswirkungen auf die Handlung, aber immerhin bietet es dem Verlag die Möglichkeit, von einer "politischen Parabel" zu sprechen. Vielmehr jedoch geht es um das eher zeitlose Kreuzberger Kneipenmilieu - und natürlich um Herrn Lehmann selbst, jenen leicht phlegmatischen und planlosen, aber dennoch prinzipienfesten Typen, dessen Leben zudem ein wenig festgefahren ist. Daran können auch die diversen Störungen seines beschaulichen Alltags nichts ändern.

Als Vorbote hindert ihn eines Nachts ein wurstförmiger Killerhund am Nachhausekommen; am folgenden Tag wecken ihn seine Eltern mit der Hiobsbotschaft: "Wir kommen nach Berlin!"; und wenig später verliebt er sich in "Katrin, die schöne Köchin", der zuliebe er sich sogar in die Badeanstalt begibt.

Da Herr Lehmann ein passionierter Grübler ist, lässt Regener ihn mitunter seitenlange Reflexionen anstellen. Die leicht ironischen, sympathisch verschwurbelten Schachtelsätze, in denen das Bedeutsame en passant in den Nebensätzen auftritt, wirken anfangs etwas zäh und kapriziös; das legt sich jedoch, wenn nach gut einem Viertel des Buches die Story langsam in Fahrt kommt. Dann gratwandert der Roman zwischen einer oft ins Absurde driftenden Situationskomik und slapstickhaften Sequenzen.

Von gelungener Tragikomik ist etwa Herrn Lehmanns Besuch im verhassten Freibad, wo "alle versuchten, so gut es eben ging, ihrem Treiben einen Sinn zu geben" und er selbst in ein "grauenhaftes Textil" von Badeshorts gehüllt ist. Eben diese Komik überdreht Regener jedoch des öfteren, etwa wenn er seinen Helden Kneipenschlägereien anzetteln lässt, aus denen ihn dann sein hünenhafter Freund Karl retten muss.

Dieser Karl, stets jovial und unerschütterlich, muss gegen Ende für eine recht konstruierte Krisensituation herhalten: Er verliert den Verstand und wird von Lehmann zur Psychiatrie gebracht. Außerdem wird Herr Lehmann von Katrin betrogen, und zu allem Überfluss fällt sein 30. Geburtstag auch noch auf den Tag der Maueröffnung. Das interessiert ihn freilich wenig: "Was soll das überhaupt heißen, die Mauer ist offen. Der Arsch ist offen."

Die Handlung verfügt also über wenig Dramatik, vielmehr plätschert der Plot eher unspektakulär dahin. Dennoch ist immer wieder für Unterhaltung gesorgt, etwa durch die Hasstiraden, die Herr Lehmann über seine Mitmenschen ergehen lässt: So verflucht er die omnipräsenten "Naziwitwen" und schimpft auf das "Frühstückergesocks", das sich "wie Nudisten oder Swinger" in Kneipen breitmacht. Am Ende folgt jedoch immer die Selbstkritik: "Man müsste positiver sein, irgendwie besser gelaunt."

Zudem besitzt Regener ein ausgesprochenes Talent für die Schilderung authentischer, alltagskompatibler Dialoge. Vor allem den ironisch gebrochenen Ton der Lehmannschen Jungmänner-Clique trifft er erstaunlich erfrischend und plausibel. Allerdings überspannt er auch hier den Bogen zuweilen, sodass der Leser diverse Seiten belangloser Wortwechsel durchkämpfen muss.

Was also will uns "Herr Lehmann" sagen? Der Roman bietet eine Vielzahl von Interpretationsansätzen - von denen jedoch keiner wirklich greifen will. Denn der Geschichte mangelt es an etwas Grundsätzlichem: Es gibt nichts Rätselhaftes oder Doppelbödiges, das dem Roman Gewicht verleihen würde. Dass Karl über Herrn Lehmann sagt: "Ihn umgibt ein Geheimnis" kann allenfalls als ironische Selbstreferenz gelesen werden. Was bleibt, ist eine oft gelungene, oft aber auch aus dem Ruder laufende Milieustudie der Kreuzberger Kneipenszene - frei nach dem Motto: "Kreuzberger Nächte sind lang".

Ob Herr Regener damit wirklich ein neuer Star am deutschen Autorenhimmel wird? Vielleicht gilt ja für ihn das genaue Gegenteil dessen, was "Katrin, die schöne Köchin" über seinen Herrn Lehmann sagt: "Ich glaube, die unterschätzen dich alle."






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