Neil Postman

Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung.

Sach. Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN: 3-423-30584-3

Neil  Postman: Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung.

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Pädagogik im Postman-Universum

Neil Postman ist der Zampano einer Kulturkritik, die aus historischen Quellen schöpft, um alte Remedien gegen neue Medien auszuspielen. Seine Erörterungen über Medien, insbesondere Fernsehen, und seine Klagen über das Verschwinden der Kindheit haben die spätmodernen Manifestationen einer aus dem Lot aufklärerischer und liberaler Ordnungen geratenen Gesellschaft attackiert. "Keine Götter mehr" ist Postmans pädagogische Kritik eines schleichenden Bildungsnotstands, der sich in Sinnverlusten, Orientierungsschwächen und Identitätskrisen manifestiert.

Postman kommt aus der Tradition einer amerikanischen Aufklärung, die den hehren Zielsetzungen der amerikanischen Verfassung, Freiheit und Toleranz, folgt und selbstgefälligen Fortschrittsversprechen gegenüber mißtrauisch ist. Seine Gewährsmänner sind die großen Apologeten des amerikanischen Traums einer besseren Welt wie Jefferson, Paine, Lincoln oder Tocqueville. Er knüpft an die Zeiten an, in denen diese Träume frisch und motivierend waren. Mit Postman erinnern wir uns an das gute Amerika, das noch nicht im Sumpf nationaler Überheblichkeit, bigotter Korrektheit und politischer Skandale versackt war.

Postman ist kein Analytiker in dem inquisitorischen Sinne linker Kulturkritik, sondern ein plastischer Schriftsteller, der seine Kritik der Mythen selbst erzählend - etwa in der Reflektion auf Steven Spielbergs Kinovisionen - formuliert. In bester amerikanischer Manier einfacher Darstellung illustriert er seine Einwände gegen die inhumanen Tendenzen der Fortschritts-euphorien mit persönlichen Erfahrungen aus seiner pädagogischen Arbeit als Universitätslehrer. Dabei vertraut er in dem ewigen Wechselspiel von gesellschaftlichem Fortschritt und humanen Einbußen dem kritischen Geist, der fragt und sich nicht durch Augurenwissen einschüchtern läßt. Sein Appell für eine humane Pädagogik läßt sich von der Grundidee leiten, daß Lernende weniger ein didaktisch angeleitetes Handlungswissen haben müssen, sondern Orientierungswerte in einer immer komplexeren Welt. Zwischen Orientierungen an Göttern, denen wir vertrauen dürfen und Göttern, die falschen Fortschritt verkörpern, gilt es zu unterscheiden. Wir sitzen nach Postman alle in einem Boot und wer das nicht akzeptieren will, wird dafür verantwortlich sein, daß es schließlich sinkt. Pädagogik heißt "Sinn" zu vermitteln, Werte, die mehr wert sind als freischwebendes Wissen. Postmans Rezepte für Schulmeister und Lernende sind kühn bis klassisch. Werft die Lehrbücher weg, kritisiert eure Lehrer, bekennt euch zu euren Fragen, glaubt nicht selbstgefälligen Autoritäten, mit anderen Worten: "Sapere aude" - habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Das ist Europäern seit der Aufklärung Muttermilch und sicher einer der Gründe für Postmans Popularität in Europa. Postman nennt seine Gegner: Etwa den Multikulturalismus, eigensinnige Kulturerzählungen, die nicht begreifen wollen, daß dem Eurozentrismus nicht neue Zentralperspektiven ethnischer Überheblichkeit entgegenzustellen sind. Statt dessen gilt es, das soziale Experiment Amerikas, ein Schmelztiegel der Kulturen und Rassen zu sein, in der Pädagogik nicht zu vergessen. Das Gesetz der Vielfalt mache uns zu intelligenten Menschen, nicht aber die Frage, ob nun Einstein Jude oder Konfuzius Chinese war. Dem stimmen wir zu, aber zu gut wissen wir, daß ethnozentrische Positionen und religiöser Fanatismus solche Einsichten blockieren und Auswege zu oft fromme Wünsche bleiben. Postman glaubt dagegen an die einigende Kraft aufklärerischer Prinzipien, vor allem an die Sprachkompetenz, die als Königsweg einer besseren Welt anerkannt werden muß. Insoweit ist er nicht weit von Habermas und anderen Spätaufklärern entfernt. Aber Postman formuliert gegenüber den europäischen Meisterdenkern locker und bescheinigt sich, auch Fehler machen zu können. Seinen Schülern empfiehlt er ausdrücklich, ihn zu kritisieren, seine eigenen Bedingtheiten zu provozieren - ein sokratischer Geist in einem Land, das Tellerwäscher zu Millionären werden läßt, wenn sie nicht fragen, sondern handeln.

Einer der zentralen Irrwege neben dem ethnischen Eigensinn ist ihm der Glaube an die humane Kraft von Medien, über die wir nicht die menschliche Kontrolle verlieren dürfen. Weder Fernsehen noch Computer werden nach Postman Freiheit und Gleichheit der Menschen einlösen, wenn sie nicht ethisch überformt werden. Über allen medialen Formen muß der Mensch seine Autorität bewahren, wenn die Verhältnisse menschlich bleiben sollen. Dabei ist sich Postman der gefährlichen Versprechungen nur zu bewußt, die von neuen Medien ausgehen und denen zu erliegen unsere größte Gefahr sein mag. Vielleicht funktioniert das Postman-Universum als Gegenentwurf zur rasenden Mediengesellschaft nicht, aber seine Stimme bleibt wichtig, da wir Gefahr laufen, in und hinter Medien zu verschwinden, stumme Unterworfene und blinde Zauberlehrlinge zu werden.

Dr. Goedart Palm






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