Matthias Politicki

Weiberroman

Roman. Rowohlt, ISBN: 3-499-22391-0

Matthias  Politicki: Weiberroman

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ISBN 3-499-22391-0

Der "Weiberroman" des 1955 geborenen Matthias Politycki erzählt vom traurigen Leben des mittelmäßigen Kleinstadtmenschen Gregor Schattschneider, der so gern ein großer Liebhaber wäre, aber bei seinen großen Lieben auf der ganzen Linie gescheitert ist. Als Siebzehnjähriger ist er in seiner Heimatstadt in die Mitschülerin Kristina verschossen. Mit Mitte Zwanzig steigt er in Wien einer Tania nach. Und mit Mitte Dreißig wohnt er in Stuttgart, seine Angebetene heißt Katarina, eine ganz und gar damenhafte Diva.

Alles dreht sich in diesem Buch um diese Frauen, die drei Teile sind jeweils mit den Vornamen der Angehimmelten überschrieben. Jede Frau strukturiert das Leben Schattschneiders ebenso wie die Zeitalter, in denen die Liebesgeschichten spielen. Die 70er und 80er Jahre bilden den Hintergrund des Romans. Beschrieben wird Zeitkolorit mit allem, was dazugehört. Als Leser wird man geradezu überschüttet mit einer Vielzahl von fleißig zusammengetragenen Details über diese Zeit, das fängt an mit der Mode, Rockmusik kommt vor, politische Entwicklungen werden beschrieben. Wer in dieser Zeit gelebt hat, wird sicherlich einiges wiedererkennen, bei einigen Details sich aber verwundert fragen, warum man gerade diese Dinge vergessen hat. Insgesamt bleibt der Roman einem Lebensgefühl zwischen politischem Widerstand, AG-Betrieb, Schulstreß, Null-Bock-Mentalität und Rockmusik-Lässigkeit verhaftet, einer Lockerheit, wie sie in der deutschen Literatur Ihresgleichen sucht. Durch den ungeheuren Detailreichtum gelingt es dem Autor, das Flair dieser Zeit wiederzuerwecken und hierin liegt auch der große Erfolg begründet. Als der "Weiberroman" im Sommer des letzten Jahres erschien, traf er den Nerv der Zeit. Ein 70er Revival war angesagt und plötzlich war eine neue Generation geboren: Die 78er Generation, die der Roman beschreibt und zu der sich plötzlich viele LeserInnen zugehörig fühlten und denen das Buch eine Stimme verlieh. Wer will, kann mit diesem Buch seine eigene Vergangenheit hochleben lassen oder beschönigen, das Jahrzehnt gar zum goldenen Jahrzehnt verkleistern. In der Tat ist der große Erfolg des Buches offenbar darauf zurückzuführen, daß er wie ein neues Produkt eine Marktnische traf und eine Generation ansprach, die bisher vernachlässigt wurde.

Für alle anderen bleibt die Frage, wozu man diesen Roman überhaupt lesen sollte. Zugegeben, das Zeitkolorit ist gut getroffen, auf Dauer ist es jedoch langweilig, daß in unendlichen Details zeittypische Elemente umkreist werden, man immer wieder von den alltäglichen Situationen eines äußerst mittelmäßigen Menschen liest. 50-100 Seiten hat mich das Flair der 70er Jahre dann auch wirklich gepackt, danach werden dieselben Dinge immer wieder und wieder umkreist, Details werden breit ausgewalzt, was für einige fleißige Arbeit, all diese Dinge über die Zeit zusammentragen, möchte man dem Autor zurufen, wo wird denn jetzt bitteschön eine Geschichte erzählt. Über fast 400 Seiten das Leben Gregor Schattschneiders auszuwalzen, wobei es auf fast jeder Seite immer wieder und immer wieder nur um seine anfangs äußerst pubertär-chauvinistische Faszination für eine bestimmte Frau geht, hat mich nach spätestens 100 Seiten gelangweilt. Längst weiß man, worum es geht, Themen und Gedanken werden bis zum Ende des Buches nur noch variiert. Zudem ist die Lebensgeschichte Gregor Schattschneiders nicht eine Geschichte, die erzählt wird, sondern sie liegt als editorisch bearbeites Tagebuch vor, eine Autobiographie, die in wahllos verstreuten Zettelchen existiert und die er aus bisher ungeklärten Gründen in einer Pension zurückgelassen hatte. "Weiberroman" ist also eher eine als wissenschaftlicher Pseudo-Text herkommener Erzähltorso, immer wieder tauchen Fragmente auf, die in mühseliger Kleinarbeit entschlüsselt, katalogisiert und entsprechungen Handlungssträngen zugeordnet wurden. Der Text hat somit auch Fußnoten, die beispielsweise die Beziehung des Helden zu Personen aus seiner Nachbarschaft erklären. Dieses vermeintliche Spiel mit der Fiktion der durch politische Ereignisse festgemachten reelen Ereignisse hat mich allerdings überhaupt nicht überzeugt. Vor die ersten Beschreibungen hat der Autor die Bezeichnung "Historisch-kritische Gesamtausgabe" gesetzt. "Vollständige Ausgabe nach dem Text der Fragmente" heißt es dann auf der nächsten Seite. Ein satirischer Seitenhieb auf bemühte kritische Editionen der Werke Goethes oder der Briefe Fontanes? Für mich ein bloßer Kalauer, durch den der zu langatmigen Fragmenten ausgewachsene Text offenbar zu einem satirischen Meisterstück aufgewertet werden soll. Das ist der "Weiberroman" aber nun beileibe nicht.

Christoph Steven






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