Edgar Allan Poe; M.R. James; Franz Hohler; Algernon Blackwood; R.L. Stevenson; H.P. Lovecraft; David Morrell

Wo die schwarzen Flüsse fließen – Gruselgeschichten (Audio)

Computer; CD. Patmos, Düsseldorf. 2 Seiten. 14.95 EUR . ISBN: 3-89830-624-0

Von Scheintoten und anderen Teufeleien
Edgar Allan  Poe; M.R.  James; Franz  Hohler; Algernon  Blackwood; R.L.  Stevenson; H.P.  Lovecraft; David  Morrell: Wo die schwarzen Flüsse fließen – Gruselgeschichten (Audio)

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In einem Kupferstich wandert eine dunkle Gestalt umher, im Keller eines abgelegenen Hauses tropft plötzlich Milch von den Wänden, in einem schottischen Dorf treibt die "Krumme Janet" ihr Unwesen und in einem Wald verschwinden Menschen spurlos. Außerdem bekommen wir endlich eine Antwort auf die Frage: Was passiert, wenn man sich in der Stunde seines Todes hypnotisieren läßt?

Algernon Blackwood, Franz Hohler, Montague Rhodes James, H. P. Lovecraft, David Morrell, Edgar Allen Poe und Robert Louis Stevenson berichten von düsteren Geheimnissen. (Verlagsinfo)

Die Autoren
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Algernon Blackwood (1869-1951)

… gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der englischen Gespensterliteratur. In Kent geboren und als Weltenbummler erfahren, begann er mit 36 Jahren Erzählungen über das Phantastische und Übernatürliche zu schreiben. Als er am 10.12.1951 mit 82 starb, hinterließ er ein Werk, das mehr als 20 Bände umfasst. (Verlagsinfo)

Franz Hohler

1943 geboren, studierte der Schweizer Germanistik und Romanistik. 1965 präsentierte er sein erstes literarisch-musikalisches Soloprogramm „pizzicato“. Seither arbeitet er als freier Schriftsteller und Kabarettist. Nebenbei ist Hohler auch als Übersetzer tätig, schreibt Kinderbücher und Theaterstücke. Auch in Fim, TV und Rundfunk tritt er regelmäßig auf und hat etliche Preise erhalten. (z.T. Verlagsinfo)

M.R. James

Montague Rhodes James (1862-1936) gilt als Meister der echt britischen gespenstergeschichten. Als verschrobener Junggeselle mit Humor, der gern reiste, sich in Gesellschaft wohlfühlte und mit Freunden ausgedehnte Touren machte, studierte er Archäologie und klassische Sprachen, war provost des King’s College an der Uni Cambridge und anschließend bis zu seinem Tode Provost in Eton. Er verband geschickt und mit Witz echte und erfundene Quellen in seinen Geschichten miteinander. „Der Kupferstich“ ist eine seiner bekanntesten Erzählungen. (Verlagsinfo)

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937)

… wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin. Lovecraft hatte ein Leben voller Rätsel. Zu Lebzeiten wurde er als Schriftsteller völlig verkannt. Erst Jahre nach seinem Tod entwickelte er sich zu einem der größten Horror-Autoren. Unzählige Schriftsteller und Filmemacher haben sich von ihm inspirieren lassen.

David Morrell

…wurde 1943 in Kitchener/Ontario (Kanada) geboren und lebt heute mit seiner Frau in Santa Fé / New Mexico. Bis 1986 unterrichtete er neben seiner Autorentätigkeit als Prof. für amerikanische Literatur an der Uni von Iowa. Er wurde v.a. durch seine zahlreichen Action- und Suspense-Thriller bekannt, die bereits 15 Mio. Mal verkauft wurden. Seine wohl bekannteste Figur dürfte John Rambo sein, der durch die Kinoverfilmungen zweifelhaften Kultstatus errang. Morrells Erzählung „Puppen“ stammt aus seiner frühen Schaffensperiode. (Verlagsinfo)

Edgar Allan Poe (1809-49)

… wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde - nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel - am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science Fiction, Short Story. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Robert Louis Stevenson (1850-1894)

…wurde in Edinburgh/Schottland geboren. Schon seit frühester Kindheit litt er an einem Lungenleiden. Er studierte Jura, widmete sich aber zunehmend der Schriftstellerei. 1876 heiratete er die Amerikanerin Mrs. Osborne und folgte ihr in ihre Heimat. Durch die beschwerliche reise verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Seine Erzählung „Die Schatzinsel“ wurde in Schottland begonnen und 1882 in dem Luftkurort Davos abgeschlossen. 1886 folgte „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ mit enormem Erfolg: In nur sechs Monaten wurden 40.000 Exemplare verkauft. Finanziell nun unabhängig bereiste der Autor die USA und die Südsee.Auf der Insel Opolu baute er sogar ein Haus. Am 3.12.1894 starb er in Apia auf West-Samoa. (Verlagsinfo)

Die Sprecher
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Marianne Rogée machte ihre Gesangs- und Schauspielausbildung in Münster und lebt heute in Köln. Sie spielte auf verschiedenen Bühnen Rollen der Klassiker, der Moderne und des Boulevard. Dem TV-Zuschauer ist sie v.a. als „Isolde Pavarotti“ in der TV-Soap „Lindenstraße“ bekannt. Rogée war Gründerin, Autorin und Darstellerin im Kabarett „Die Gradmesser“, führte Regie am Theater „Sprungbrett“ und tourt mit eigenen Chanson-Programmen. Sie arbeitet seit Jahren als (Synchron-) Sprecherin für die ARD und leiht Hörbüchern und –spielen ihre Stimme. Sie hat das Buch „Katzen für Unicef“ herausgegeben. (Verlagsinfo)

Otto Mellies: Seine Karrriere begann 1947 am Staatstheater Schwerin, nach anderen Engagements holte Wolfgang Langhoff ihn 1956 ans Deutsche Theater Berlin, zu dessen Ensemble er seitdem gehört. Der Charakterdarsteller trat auch in zahlreichen Filmen auf und besticht durch seine Lesungen. (Verlagsinfo)

Volker Niederfahrenhorst spielt Theater in Köln und Zürich. Schon mit »Ein Fakir für alle Fälle« – ausgezeichnet mit dem Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik – und den bereits erschienenen Twig-Hörbüchern brachte er den Hörern wohliges Schaudern bei. (Verlagsinfo)

Regie führte Dirk Kauffels, der auch die Texte bearbeitete. Für den guten Sound sorgte Georg Niehusmann von Sonic Yard in Düsseldorf.

Die Erzählungen und mein Eindruck davon
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1) H.P. Lovecraft: Die Aussage des Randolph Carter (gelesen von Volker Niederfahrenhorst)

Randolph Carter macht vor der Polizei eine Aussage, denn schließlich ist der Tod seines Freundes Harley Warren aufzuklären. Warren hatte okkulte Studien getrieben und aus Indien ein spezielles Buch erhalten, vermutlich das verfluchte „Necronomicon“. Damit begab er sich zu einem uralten, verlassenen Friedhof und öffnete eine bestimmte Gruft. Carter musste zurückbleiben, war aber durch Draht mit einem tragbaren Telefonapparat, den Warren auf seine unterirdische Expedition mitnahm, mit seinem Freund verbunden.

Nach etwa Viertelstunde beginnt Warren sich zu melden. Er warnt seinen Freund vor grauenerregenden Wesen, auf die er gestoßen sei: vermutlich Leichenfresser, Ghule. Carter solle schnellstens die Grabplatte über den Eingang schieben, sonst sei er selbst in höchster Gefahr. Das unterlässt Carter allerdings, will lieber seinem Freund zu Hilfe kommen, und so nimmt das Unglück seinen Lauf…

Ist alles Einbildung, was uns Carter erzählt? Ist auch die Stimme des Ungeheuers, das sich am Telefon meldet, Einbildung? Wir werden es nie erfahren, aber Carter scheint doch noch alle Tassen im Schrank zu haben. Wer die Geschichte zum ersten Mal hört, dem wird es jedenfalls kalt den Rücken hinunterlaufen. Zentral ist das Dilemma der Freundschaft: Carter will seinem Freund zu Hilfe eilen, doch dieser will Carter schützen, indem er ihn von sich und seinem Fund fernhält. Carter ist moralisch und emotional zerrissen. Das macht einen großen Teil der Wirkung der Story aus, neben der Gespanntheit des Hörers, worin denn nun der Fund eigentlich besteht. - Abträglich ist allenfalls das sprachliche Brimborium wie „miasmatische Dünste“ oder gar „geile Gräser“, die noch aus der uralten Suhrkamp-Übersetzung durch Michael Walter herrühren.

2) A. Blackwood: Hingang auf Widerruf (gelesen von M. Rogée)

Es ist wieder einmal der 13. Februar, und eine Mondnacht liegt über dem schwarzen Wald. Am gleichen Tag vor 50 Jahren, so erzählt der alte Physiker, verschwand in diesem Wald ein Mann spurlos auf Nimmerwiedersehen. Da, wo seine Laterne im Schnee stand, endeten seine Fußspuren abrupt, als wäre er in die Luft gerissen worden. Nur seine Hilfeschreie konnte man ringsumher hören.

Die pseudowissenschaftlichen Erklärungen des Alten überzeugen die junge Frau nicht, und sie zieht ihren Bräutigam, einen jungen Pastor, ins heimelige Haus. Doch als weitere Besucher eintreffen, kreisen dessen Gedanken immer wieder um Orte, wo sich Dimensionen überlappen. Die Besucher haben Schreie im Wald gehört: bestimmt nur ein Hase, oder? Da stellt die junge Frau auf einmal fest, dass ihr Bräutigam verschwunden ist und organisiert einen Suchtrupp.

Tatsächlich: Das Grauen im Nachtwald wiederholt sich. Am Ende der Fußspur steht die verlassene Laterne des Pastors und sie hören seine entsetzte Stimme: „Zu Hilfe! Betet für mich!“ Das tun sie dann auch, der Alte zuerst, was für einen Physiker recht bemerkenswert ist. Der Pastor bleibt drei Wochen lang verschwunden, bis eines Tages aus dem Wald ein seltsamer Mann auftaucht…

Wie so oft, liegt die Pointe in den letzten Worten der Geschichte, die hier natürlich nicht verraten werden sollen, und diese Worte deuten einen exquisiten Horror an.

3) E. A. Poe: Der wahre Sachverhalt im Falle Waldemar (1845; gelesen von Otto Mellies)

Die esoterische Modewissenschaft Mesmerismus (benannt nach einem gewissen Monsieur Mesmer) wurde auch als Magnetismus bezeichnet und erregte seinerzeit – also zwischen 1840 und 1850 - einiges Aufsehen. In der Erzählung verlängert der Ich-Erzähler, ein Hypnotiseur, damit die Existenz der Seele von Ernest Valdemar, einem Opfer der Schwindsucht, nach dem Ableben des hinfälligen Körpers. Doch es gibt noch eine ziemlich grässliche Pointe.

Der Ich-Erzähler weiß seine (inzwischen verfilmte) Geschichte von der Aufhebung des Todes wohldosiert zu vermitteln. Das Unbehagen an der ganzen unnatürlichen Sache wächst, bis ganz am Schluss, im letzten Satz, das Grauen mit voller Wucht zuschlägt: das ist die „punch-line“, die den Leser bzw. Hörer in die Magengrube trifft. Poe konnte schon immer sehr effektvoll erzählen, aber hier hat er ein Meisterstück abgeliefert. Allerdings ist es nicht allzu bekannt.

Franz Hohler: Das Haustier (gelesen von Otto Mellies)

Der Ich-Erzähler, weil ledig und allein, sehnt sich nach einem pelzigen Haustier und begibt sich in die Zoohandlung. Nachdem er viele Viecher abgelehnt hat, bietet ihm der verzweifelte Verkäufer etwas aus der hintersten Ecke, das er nicht identifizieren kann: ein schwarzes Fellknäuel. Ein Faultier? Unser Mann kauft es und trägt es nach Hause.

Zunächst isst es nichts, sondern trinkt nur. Es hat eine schwarze Hand mit klauenbewehrten Fingern, einen langen Schwanz und gespaltene Hufe. Eine Zwergziege? Nein, wahrscheinlich etwas Ausgestorbenes. Als am Sonntagmorgen im Radio der Gottesdienst übertragen wird, führt es sich wütend auf, als habe es Angst davor. Da sieht er, dass es zwei Hörner auf der Stirn trägt. Aha, es ist ein Teufel. Wie interessant!

Die Story wird von da an sehr ironisch, denn der Teufel ist natürlich auch psychologisch ein Teufel und beginnt, seinen Besitzer nach teuflischer Art zu tyrannisieren. Als es diesem zuviel wird, kann er sich des Teufels aber nicht entledigen, aus Angst, ausgegrenzt zu werden. Er kann weder zum Zoohändler (verkaufen), noch zum Tierarzt (einschläfern) oder zum Pfarrer (na, was wohl?) gehen. Sieht so aus, als müsse er mit seinem Teufel so gut leben, wie es eben geht…

Die metaphorische Erzählung lässt sich auf mehrere Gebiete anwenden, beispielsweise auf die Politik. Was, wenn der Teufel eine Nazi-Bewegung wäre? Könnte der einsame Spießbürger sich damit abfinden? Denn es geht ja nicht darum, ob der Teufel ihm gefällt, sondern wie es ihm gelingt, die negativen Folgen des Teufels zu ertragen und hinzunehmen. Böses entsteht also offenbar durch Untätigkeit und Unterlassen. Dies demonstriert der Autor anschaulich und unterhaltsam, nur scheinbar heiter. Sehr indirekt ruft er: „Wehret den Anfängen!“

R.L. Stevenson: Die Krumme Janet (gelesen von M. Rogée)

Im Jahr 1762 lebt der alte Reverend Murdoch Solis im abgelegenen schottischen Tal von Balveary und pflegt seine Gemeinde mit Bibel-Zitaten wie „Der Teufel ist ein brüllender Löwe“ zu erschüttern. Aber seine Schäfchen wissen ja über ihn Bescheid. Wie es kam, dass er heute gebrochen und einsam in dem düsteren Pfarrhaus am verrufenen Dammweg über den Fluss Dhul wohnt. Und warum das alles? Wegen jener unglückseligen Geschichte vor fünfzig Jahren…

Damals kam der Reverend jung und tatenfroh ins Dorf, wollte ein Buch schreiben, hatte selbst eine imponierende Bibliothek. Aber als er eine Haushälterin brauchte, da empfahl man ihm im Dorf Janet McClure, einen alten Besen, die nie zum Gottesdienst ging und einen Bastard als Kind hatte. Man munkelte, sie sei mit dem Teufel im Bunde. Als die Dorfweiber mit Janet die Hexenprobe* am Fluss machen wollten, da ging Solis dazwischen, ließ sie dem Teufel abschwören und nahm sie bei sich auf. Seitdem hatte sie einen krummen Hals, weshalb man sie als die Krumme Janet bezeichnete. (Warum sie den hatte, wird später ersichtlich, aber ich verrate das nicht.)

Im Sommer kam eine ungewohnte Hitzewelle, unter der das Land litt. Um etwas Abkühlung zu finden, pflegte Solis zum Friedhof am Black Hill zu wandern und sich im Schatten auszuruhen. Eines Tages sah er dort sieben rastlose Krähen, ein böses Omen. Ein schwarzer Mann saß auf einem der Gräber, offenbar kein Christenmensch, und er war „schwarz wie die Hölle“. Als Solis ihn anspricht, antwortet er nicht, sondern eilt von dannen. Solis, der ihn verfolgt, sieht noch, wie er im Pfarrhaus verschwindet, doch dort fehlt jede Spur von ihm, und die Krumme Janet weiß von nichts. Aber von da an verhält sich Janet sonderbar, und merkwürdige Geräusche erfüllen das Haus…

Diese klassische Geschichte Stevensons von der Begegnung mit dem Teufel in Menschengestalt ist äußerst wirkungsvoll aufgebaut. Bemerkenswert ist besonders, dass der Höhepunkt der Ereignisse derart lange dauert, dass er fast ein Viertel der Geschichte einnimmt. Durch die stimmliche Gestaltung der Sprecherin potenziert sich die Wirkung der Story. Gleich mehr dazu.

M. R. James: Der Kupferstich (gelesen von Otto Mellies)

Mr. Williams ist kunsthistorischer Kurator eines Museums in Cambridge, in dem er topographische Landkarten und Stiche verwaltet. Diese Produkte kommen u.a. von dem Hersteller J.W. Bridnell in London, der Williams regelmäßig Kataloge zur Ansicht und Auswahl zuschickt. Er solle darin Lücken aufspüren. In einem Brief weist Bridnell auf Stück Nr. 978 hin, bei dem es sich um die Ansicht eines Herrensitzes handele. Williams ist verblüfft über dessen hohen Preis von über 2 Pfund, bestellt es aber trotzdem. Sein Diener bringt ihm das Bild zunächst ins College statt ins Museum.

Es handelt sich um einen banalen Kupferstich, der sich in nichts von anderen seiner Art unterscheidet. Als Urheber wird ein „A.W.F.“ angegeben (das wird später wichtig, denn das F steht für Francis). Ein Zettel enthüllt nur die Hälfte der Ortsangabe, irgendwo in Essex oder Sussex. Der Kurator fragt Prof. Brings nach dem Ort, doch dieser verweist ihn an einen Mr. Green, der leider auf Geschäftsreise sei. Der Prof fragt seinerseits, was denn das für eine Figur auf dem Bild sei. Was denn für eine Figur, wundert sich Williams, denn bislang war das Bild völlig menschenleer. Tatsächlich ist jetzt ein eingehüllter dunkler Kopf von hinten zu sehen, unten in der Ecke, und die Figur blickt zum Herrenhaus.

Später hält ein anderer Betrachter das Bild für ganz hervorragend, was Williams schon wieder verblüfft. Kurz vor dem Zubettgehen fällt sein Blick darauf und versetzt ihn in Schrecken: Die schwarze Gestalt schleicht auf allen Vieren auf das Haus zu. Auf dem Rücken scheint sie ein weißes Kreuz auf ihrem schwarzen Umhang zu tragen. Sie hat etwas vor… Beklommen sperrt der ehrenwerte Mr. Williams das seltsame Bild weg. Als er Mr. Misbet zu seiner Meinung befragt, ist die Gestalt im Bild verschwunden. Dafür stehen ein Mond am Himmel und im Erdgeschoss ein Fenster offen. Williams vergleicht seine Notizen und ergänzt sie um das neuerliche Geschehen. Was, um Himmels willen, spielt sich in dieser Nachtszene ab? …

Die Story ist trotz ihrer Bekanntheit immer noch sehr wirkungsvoll und geht durch ihren wohldosierten Grusel unweigerlich unter die Haut. Ein Bild, das wie ein Fernseher funktioniert – klingt interessant. Aber eine „Sendung“, die sich vor fast hundert Jahren (genauer: im Jahr 1802) abgespielt hat, LIVE darzustellen, das ist schon eine besondere Art von Fernseher. Und dass sich diese „Sendung“ nie wieder wiederholt, ist ein Affront des Zuschauers. Auf jeden Fall aber genial.

David Morrell: Puppen (gelesen von Volker Niederfahrenhorst)

Ein Mann erinnert sich an jene schreckliche Nacht, als er von der Arbeit als Kunstmaler nach Hause zurückkehrte und das Haus leer fand. Seine Frau und ihre gemeinsame Tochter Sarah müssten doch hier leben, ebenso seine 65-jährige Mutter. Wo sind sie alle? Im Keller tropft es: Regnet es in das verfallende Haus herein? Nein, hier steht der Boden vollständig unter Milch. Doch das Puppenhaus, mit dem die fünfjährige Sarah hier gespielt hat, ist verlassen.

Der Mann geht nach oben. Er findet seine Mutter aus Wunden blutend und starr an die Decke blickend vor. Wer hat das getan? Wo sind die Lieben? Er ruft die Polizei und einen Arzt herbei, dann setzt er seine Suche fort. Dies war einmal eine Milchfarm. Sie bestand einst aus zwei separaten Gebäuden: dem Wohnhaus und der Scheune, wo die Kühe untergebracht waren. Sie wurden erst verbunden, nachdem sich sein Vater, der die Tiere morgens melken wollte, draußen im wütenden Schneesturm verirrt hatte und erfroren war. Da war der Junge zehn Jahre alt. In der Scheune ist niemand, und er schließt sie ab. Er hört seine Mutter rufen.

Die Mutter sagt nur stockend: „Puppen.“ Immer wieder. Er folgt dem kargen Hinweis und geht hinunter in den Keller, um Sarahs Puppenhaus in Augenschein zu nehmen. Während die Polizei in das Haus einbricht, um den Täter zu verhaften, versucht der Mann den Anblick dessen, was sich ihm im Puppenhaus bietet, zu verarbeiten. Es ist ihm bis heute nicht gelungen…

Die psychologisch und bildlich sehr intensive Erzählung gehört dem gepflegten Gruselgenre an, das aber von amerikanischen Autoren wie Ligotti und Lansdale um drastische Splattereffekte erweitert wurde. Hier werden archaische Symbolgehalte kombiniert: weiß wie Milch, rot wie Blut, Leben und Tod, aber auch Leben und Kunst (der Erzähler ist Maler). Das Haus spielt ebenso eine wichtige Rolle als Gehäuse für Leben und Tod wie auch seine Miniaturausgabe in Form des Puppenhauses. Wer der Täter ist, soll nicht verraten werden, aber viele Spekulationen sind erlaubt.

Die Sprecher
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Volker Niederfahrenhorst liest die Erzählungen von Lovecraft und Morrell. Durch seine Darstellungskraft ragen sie für mich heraus aus der Auswahl. Denn dieser Sprecher versteht es wie sein Kollege David Nathan eine winzig kleine Pause vor einem wichtigen Satz, Satzteil oder Wort einzulegen, so dass das Folgende nicht nur betont wird, sondern auch noch die Spannung darauf gesteigert wird. Dass er es auch versteht, als Randolph Carter verzweifelt zu rufen und resiginiert zu jammern ist das eine, dass er es aber auch als DAS DING IN DER GRUFT fertigbringt, auf eine Weise zu flüstern, dass einem das Blut gefriert, das ist schon Meisterschaft. In der Morrell-Story unterstützt er den psychologischen Horror und die Antizipation des Grauens, das am Ende auf uns wartet, durch seinen bemerkenswerten Vortragsstil.

Marianne Rosée hat einen ähnlichen, aber eben weiblichen Ansatz für ihren Vortrag. Sie liest die Geschichten von Blackwood und Stevenson vor. Zunächst lässt sich „Hingang auf Widerruf“ ganz prosaisch an, doch sobald der junge Pastor verschwunden ist, bricht dessen junge Braut in jammerndes Wehklagen aus. An dieser Stelle hält sich die Sprecherin keineswegs vornehm zurück – wozu auch? Noch einen Grad intensiver wird ihr Vortrag bei dem Ruf: „Zu Hilfe! Betet für mich!“ Hier nimmt der Tonmeister sowohl Hall als auch ein leichtes Echo zu Hilfe. Eindringlicher geht es nicht mehr.

Ein weiterer Höhepunkt ihrer Vortragskunst ist die Schlüsselszene der Story um die Krumme Janet. Offensichtlich ist in diese Figur der Teufel gefahren und lässt sie nun allerlei unchristlichen Schabernack treiben. Doch Reverend Murdoch Solis hat diesem Mummenschanz durchaus etwas entgegenzusetzen und beschwört sie, sich hinwegzuheben – ein Blitz fährt hernieder… Wie eine gewiefte Märchenerzählerin kommt mir die Sprecherin dabei vor. Einer ihrer Kniffe besteht darin, die Sätze in einem wiederholten Crescendo daherrollen zu lassen, so dass sich der Hörer ihrer Wirkung nicht entziehen kann. Man merkt ihr ihre lange Bühnenerfahrung (s.o.) an.

Otto Mellies hat mit solchen Gefühlsausbrüchen nichts am Hut. Seine bevorzugte Manier des Ausdrucks ist die Sachlichkeit. Doch auch dahinter kann sich feine Ironie verbergen, wie in seinem Vortrag der Teufels-Story „Das Haustier“ zu hören ist. Emotion kommt bei ihm erst richtig zum Vorschein, als er das grässliche Ende des „Falles Waldemar“ zu berichten hat.

Akustische Motive
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Die einzelnen Geschichten werden eingeleitet und abgetrennt von kurzen akustischen Motiven. Auf recht minimalistische Weise handelt es sich dabei um eine Kombination aus Piano-Tönen und –geräuschen, Babygeschrei und Tropfengeräusch. Alles ist unterlegt mit einem Hall, der das Geräusch auf die Ebene des Unheimlichen hebt. An einer Stelle schreit ein Baby, doch der Schrei verkehrt sich in ein bösartig Greinen und in Kombination mit Hall wird daraus ein teuflische Sache, die an Rosemarys Baby gemahnt. Das ist gelungen. Weniger gelungen ist das bloße Tropfen oder eine angerissene Saite im Piano – hier fehlt irgendwie der Aha-Effekt.

Unterm Strich
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Die sechs Geschichten haben mir ausnehmend gut gefallen. Wer sich noch nicht besonders gut mit Gespenstergeschichten auskennt, bekommt hier eine recht gute Einführung abseits der Trampelpfade à la „Das Gespenst von Canterville“. Etwas Abwechslung in das Gruseleinerlei bringt die moderne Story von Franz Hohler. Besonders zur Wirkung der Geschichten tragen die Sprecher bei, von denen ich besonders Marianne Rosée und Volker Niederfahrenhorst hervorheben möchte. Das 8-seitige Booklet hält zu Autoren wie auch Sprechern umfangreiche Informationen bereit. Der Preis erscheint mir nicht zu hoch veranschlagt.

Alles in allem sind hierfür fünf von fünf Punkten zu vergeben.

Michael Matzer © 2006ff

Info: Patmos 01/2005, Düsseldorf; 2 CDs, 156 Minuten, EU 14.95, diverse Übersetzer; ISBN 3-89830-624-0

*: Apropos Hexenprobe: Das ist ein mittelalterliches Verfahren der Inquisition, um festzustellen, ob jemand (es gab auch männliche Hexen) eine Hexe ist oder nicht. Sie wurde gefesselt in einen Wasserlauf geworfen. War sie eine Hexe, so half ihr der Teufel, auf dem Wasser zu schwimmen. War sie nicht besessen, so ging sie unter und war unschuldig, wenn auch tot. Lief halt irgendwie dumm für sie. Nach dem Prinzip des Catch-22 musste die mutmaßliche Hexe in jedem Fall verlieren: Sie ertrank sofort oder starb später auf dem Scheiterhaufen oder während der Folter.

Pro: spannend, unterhaltsam, unheimlich, Sounds, ausgezeichnet vorgetragen

Kontra: spartanisch designte Geräusche






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