Peter Ackroyd

London. Die Biografie

Sach. Knaus, 800 Seiten. 49.90 EUR . ISBN: 3442732662

Mädchen, Mystik, Träume
Peter  Ackroyd: London. Die Biografie

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Schon für Heine und Marx war London nicht so sehr wundervoll wie voller Wunder. Peter Ackroyd hat nun eine 800-seitige Biografie zu der Stadt vorgelegt.

Der historische Reichtum von Rom und Alexandria ist sicher größer, Tokio und Manhattan sind bunter und höher, Los Angeles und Mexikostadt größer, Istanbul und Hongkong schillernder, Jericho und Uruk (im heutigen Irak) älter - doch keine Metropole auf der Welt ist seit jeher so ... schwer in den Griff zu bekommen wie London. Die Stadt, deren Bevölkerung schon vor zweihundert Jahren die Millionengrenze überschritt, entzieht sich einzelnen Superlativen, sie wuchert und wächst vor sich hin, immer schon eher schlecht als recht koordiniert. Doch genau das macht seinen Reiz aus: die Unvorhersehbarkeit des "ewigen Londons". Nichts daran ist bunt, schillernd oder hübsch, wenn man sich im zähflüssigen Verkehr auf der Northern Circular Road so vorwärts bewegt wie Der Medicus von Noah Gordon vor tausend Jahren; wenn man mit Gunnersbury Avenue den Friedhof hinter sich gelassen hat, der einen immer daran erinnert, dass Bob Dylan auf dem Kensal Green Cemetary Mr. Tambourine Man komponierte; der Verkehr stockt, denn die innere Ringstraße um London durchläuft (treffender: durchschlurft) gerade einen ihrer Engpässe. Vorhin, auf einem kleinstadtgroßen Kreisel, Autobahn über einem, war alles noch futuristisch, düster und deprimierend, hier blühen in den Vorgärten die Symbole des Wohlstands - rechts ein Ferrari Testarossa, dort ein Rolls, die Ornamente vor einem Backsteinbau daneben: ein paar ausrangierte Kühlschränke. Kurz nach der Ealing Riding School dann, zwei Häuser weiter, The Liu Clinic, Zentrum für Akupunktur, Heilkräuterbehandlungen und "alle Arten Chinesischer Medizin".

Da London überall wächst und wuchert, seit jeher, sah schon Daniel Defoe die Megalopolis als einen lebenden Organismus, "der alles in Umlauf bringt, exportiert und zuletzt für alles zahlt". Hierauf stützt sich Peter Ackroyd in London - Die Biografie, wenn er die "Stadt als Körper" zu begreifen versucht. Als Romancier wie als Biograf umwarb er London so lange, dass er geradezu prädestiniert (oder wohl positioniert?) schien, einen semi-finalen Reader dazu abzuliefern. Hier ist er nun auf deutsch, mit 800 Seiten ausufernd wie die Stadt selbst - und doch urbritisch. Andere Städte kommen nicht vor, andere Zivilisationen nur, wenn sie Einwanderer oder Bomben entsandten. Einsichten, die auch außerhalb des Empires relevant wären, etwa im Sinne von Mike Davis' City of Quartz, werden höchstens gestreift. Seit seinem Romandebüt The Great Fire of London kreiselt Ackroyds Impressionismus außer um London auch um die Kontinuität vom Mittelalter zur Moderne - in Teil- und Schnittmengen seiner Romane und Biografien über More, Blake, Dickens, Wilde, Eliot; fast alles Londoner, "Cockney visionairies", die mit Ausnahme von Sir Thomas More zwischen 1757 und 1968 lebten. London ist sein ganz eigene Version einer Physiognomie der Stadt. "Ackroyds Autobiografie" (so ein anderer City-Chronist, Iain Sinclair) kommt denn auch erst aus zähflüssigen Stop-and-Go-Passagen, sobald wir uns auf vertrautem Territorium befinden, der Zeit nach dem Großen Brand 1666. Nach römischen Siedlungen, Ankunft der Sachsen, Flucht der Britannier, Erstürmung durch Wikinger, zurückgeschlagene Dänen... richtet Ackroyd den Blick auf seine Lieblingszonen in der Struktur und Geschichte Londons. Mikroskopisch beäugt er die Untiefen und Gassen des Mittelalters. Dichter und Denker bestätigen, was er sieht, mitunter wieder und wieder, fast so penetrant, dass man eher an endlose Reihenhäuserzeilen denkt als an Vielfalt und Widersprüche. Manches Zitat erscheint wie ein ausrangierter Schnipsel früherer Recherchen - inmitten einer Dickens-Thackeray-Montage: "Nach vollzogener Hinrichtung bot der Scharfrichtergehilfe den Strick stückweise, um einen Schilling pro Zoll, zum Verkauf an; eine Frau mit dem Spitznamen Rosy Emma, die angeblich seine Gemahlin war, 'überaus geschwätzig und noch feuerspeiend von der Pie Corner, wo sie schon ihr morgendliches Quantum an Wacholderschnaps und Bitterem zu sich genommmen hatte', verkaufte Stücke des Todesstricks zu einem etwas billigeren Preis".

Perspektive und Zitate dokumentieren die Vorlieben von Ackroyd (der London als sehr männlich einstuft, "sogar der Fluss ist hier, im Englischen unüblich, männlich"), ein Faible für die düsteren Ecken der Stadt. Sein London bevölkern Ausgestoßene und Sonderlinge, Bettler, Obdachlose und Huren, alle Arten und Abarten kleiner wie großer Betrüger, über allem immer wieder Marktschreier, noch mehr Huren, Lärm, Gestank und die Ess-, Trink- und Exekutionsgewohnheiten der "Viktorianischen Megalopolis". Mädchen, Mystik und Träume - des Autors -, bisweilen statistisch untermauert (Es "starben von den 80.000 Prostituierten, die es in den 1830er Jahren gab, Jahr für Jahr 8000"). Brückenschläge wie der von der Prostitution zum Treiben an der Börse heute mögen manchen überraschen; spannender ist nach detaillierter Inspektion von Modder und Mob des Mittelalters, wie die Menschenmasse anwuchs, was auch Exilanten wie Engels und Marx beschäftigte.

Hunderte Stimmen erklingen - darunter etablierte Kenner wie Dr Johnson und Boswell, aber auch Heine und natürlich William Turner, dessen Ölmalerei Licht und Sonne so gelungen einfingen, dass seine Werke bis heute unvergleichlich leuchten - und der 1775 in dem düsteren schmalen stinkenden Gässchen Maiden Lane das Licht, eben nicht der Welt sondern eines Barbierladens erblickte. In Turners London läuft die Biografie auf Hochtouren, es dampft und stinkt und stobt in allen Ecken, der Autor ist nicht zu stoppen. Ähnliche Einsichten präsentierte 1962 Geoffrey Fletcher in dem ungleich kompakteren "The London Nobody Knows" (das Ackroyd zwar nicht erwähnt, mit Sicherheit aber kennt). However, bei der Selbstverständlichkeit, mit der Engels, Dostojewski und Poe Seite an Seite stehen und zu Wort kommen, kann man nur den Hut ziehen. Plausibel, auch exzentrisch sind die dargelegten Schächte und Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart - solange der im Jahr 2000 fast als Bürgermeister kandidierende Romancier nicht allzu heftig nach vorne hämmert, dass Stadtplanung und Sozialstaat hoffnungslose Konzepte sind, man ebenso gut alles sich selbst überlassen könnte. Denn in letzter Konsequenz ist Ackroyds Obsession von Simultanität (nötigenfalls mit Okkultismus und Mythen belegt) eine Absage an Fortschritt und Zukunft. Interessant bei diesem Thatcherismus des in Cambridge und Yale geschulten Literatur-Chefredakteurs der Times ist, dass er Einwanderung und den Multikulti-Mix nicht nur als unausweichlich bewertet, sondern als durchweg positiv, da bereichernd. Nervig aber eben, wie er mehr und minder explizit alles kritisiert, wofür Bürgermeister Ken Livingstone steht; und der steht da eben nach wie vor weiter links als es Blair erlaubt.

Warum die Stadt nicht nur Hugenotten und Hendrix gegenüber offener war als die Restwelt, weshalb Freud wie Marx ihre letzten Tage hier verbrachten, während Chaplin und Kersh abwanderten, muss man sich selbst zusammenreimen. Wer sich für Land und Leute interessiert, fährt mit Rudolf Walter Leonhardts 77mal England besser, wer ein breiteres Spektrum an Zitaten sucht, mit dem Reise Textbuch von dtv; und Bill Bryson schließlich fängt die Briten und ihre Anachronismen so ein, wie es nur einer kann, der Distanz - und ein Lasso - hat. So gehören auch die letzten Zeilen einem Besucher; der kam, sah und staunte, zur selben Zeit, als man sich bei Baker Street unter die Erde bohrte, um den Verkehr mit Untergrund-Kutschen besser in den Griff zu bekommen. Der Ortsfremde hatte einiges erlebt, auch überlebt - zum Beispiel eine für ihn angesetzte Exekution, die Hölle auf Erden und den Himmel über Sibirien: "Jede Kraßheit, jeder Widerspruch steht hier Seite an Seite mit der eigenen Antithese, und sie gehen eigensinnig Arm in Arm einher, sich gegenseitig widersprechend und doch anscheinend keineswegs einander ausschließend." There you go: Kein Körper voller männlicher Elemente - für Dostojewski war London ein Pärchen.

© Matthias Penzel, 2004. Original erschien dieser Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 22.1.2003






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