Erica Pedretti

Kuckuckskind oder Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte

Bestseller. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main. ISBN: 3-518-40998-0

Erica  Pedretti: Kuckuckskind oder Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte

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Es gibt Menschen, die sich an ihre Geburt erinnern; auch unbewußt wirken die Umstände der Geburt im Leben nach. Das Wissen vom Sterben aber nehmen die Toten mit ins Grab, wir Lebenden können ihr Geheimnis nur von außen betrachten.

In ihrem neuen Roman nähert sich Erica Pedretti der Sterbeerfahrung an, so nahe wie möglich. Wir erleben die letzten Wochen und Tage einer alten Frau von innen. Im Pflegeheimbett liegend formt sie die Sätze ihres Sterbemonologs. Ob sie immer hörbar spricht, ob sie tatsächlich Zuhörer hat, ist unklar, es spielt auch keine Rolle. Wir Leser sind dort, wo die Sätze entstehen, in ihrem Kopf, der ihr, wie auch der Körper, schon nicht mehr gehorchen will. Er hat einen Wackelkontakt. Erinnern und Vergessen sind wie Werden und Vergehen, Vollenden und Entstehen, ein Kreisen und Fluten und Wiederholen, das sich immer schneller und zwingender vollzieht, je näher sie dem Tod kommt. Am Schluß sind ihre Sätze wie Stempel, wie eine Gebetsmühle oder auch wie ein Gedicht, ein Sterbegesang.

Der Kopf, der so vieles vergißt und an vieles sich auch nicht erinnern will, kommt immer wieder auf die Fixpunkte dieses zu Ende gehenden Lebens zurück: die Vertreibung der Familie aus Mähren, der Tod von Schwester und Bruder; die Ehe mit Otto, wo es nichts gab von wahrer Liebe, der Schmerz der Kinderlosigkeit, ein Hausfrauenleben dahingebracht wie ein Geschwätz; das Pflegekind Trude, das Kuckuckskind, das sich in ihre Ehe und Verwandtschaft drängelte und sie, die Tante Sophie, noch heute erdrückt mit aufdringlicher falscher Liebe. Dieses Leben ist unerträglich, ein anderes unerreichbar. Sie hat gelernt, zu ertragen, aber auch, später, sich zu wehren.

So wie man bei Neugeborenen die noch nicht integrierten Erbanlagen nacheinander beobachten kann, wenn sie sich in den Gesichtszügen wechselnd widerspiegeln, so zerfällt auch die Sterbende wieder in das Erbgut von Vater und Mutter und wechselt zwischen Depression und sehnsüchtiger Hoffnung auf die befreiende Größe des Universums. Einmal will sie unbedingt noch sagen, was sie weiß, dann wieder ihr Geheimnis bewahren. Ohne Unterschied fließt ineinander, was wirklich, was erinnert, was vorgestellt ist. In ihren Gesang fließt auch Gelesenes ein, refrainartige Zitate, etwa aus der mittelalterlichen Todesmeditation des Ackermann aus Böhmen. Ihr Lied vom Tod ist nicht eigentlich eine Bilanz, auch keine Bewältigung, es ist ein ungeduldiges Warten auf das Ende der bis zur Zeitlosigkeit sich wiederholenden Geschichte, auf den Punkt, von dem es keine Rückkehr mehr gibt. Das Schlußwort heißt ER LEICH TERT.

Das Kuckuckskind ist thematisch eng mit Lebenswerk und Biographie der vielfach geehrten, nunmehr 68jährigen Schweizer Autorin verknüpft. Erica Pedretti selbst möchte das Buch nicht autobiographisch interpretiert haben. So soll hier nur von der literarischen Leistung einer Autorin die Rede sein, die, schon immer eine furchtlos experimentierende Erzählerin, nun die Kühnheit besitzt, die Quelle der Wahrnehmung radikal auf ein Sterbebett zu reduzieren und die nachlassenden Hirnfunktionen auch im Rhythmus der Sprache abzubilden. Dabei geschieht die Gewichtung der Dinge nicht durch bewußte Hervorhebung, sondern durch die Intensität der Wiederholung. Der Leser erlebt die quälend sich bis zur völligen Hilflosigkeit verengende Spirale quasi am eigenen Leibe, bis zur Erleichterung des Todes. Als ob sie, so scheint es, einen Auftrag erfülle, hat Erica Pedretti der Tante Sophie eine literarische Totenmaske genommen und gerade mit der schonungslosen Darstellung des Sterbeprozesses der Toten ihre Reverenz erwiesen.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Stuttgarter Zeitung)






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