Alexander Osang

Ankunft in der neuen Mitte 

Undefined. Christoph Links, ISBN: 3-86153-175-5

Alexander  Osang: Ankunft in der neuen Mitte 

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'Keiner weiß, wo sie liegt, die neue Mitte. Aber es ist gut, dabeizusein. Neue Mitte klingt nämlich so, als sei dort nur begrenzt Platz. Eine Art erster Klasse. Eine Insel... Die S- Klasse im Land. Der Rolls Royce unter den Mitten.' Alexander Osang hat in seinem Reportagenband unter anderem versucht, dieser Mitte unter die Motorhaube zu schauen. In den ersten drei Kapiteln werden Biographien voller Einsamkeit und Ratlosigkeit aus Berlins neuer Mitte erzählt. Wer sitzt noch im Haus der Russischen Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstraße? Wie lebt man gegen den Straßenlärm und Dreck in der Brückenstraße an? Was passiert im Haus der Demokratie und wie wird in Berlin Frühstücksradio gemacht? Osang bastelt den Motor auseinander. Wenn Andre‘ Herzberg von der Band Pankow im Winter 99‘ im Tränenpalast vor 24 Leuten spielt, ist einer davon der 'Stenograph der ostdeutschen Seele', wie die FAZ Alexander Osang nennt. Er ist Betrachter der neuen Mitte, ohne zur 'Generation Berlin' zu gehören, die er auch nicht zu definieren weiß.

Osangs Reportagen stimmen traurig. Sie sind Zeichen einer allgemeinen Desorientierung. Von diesem Gefühl der Zerrissenheit zeugen seine Gespräche mit den ‚verlorenen Revolutionären‘ von 89‘, die kaum noch lange Haare tragen und flügellahm geworden sind. Einer von ihnen ist anders. Andreas Schönfelder aus Großhennersdorf in Sachsen, der noch richtig Wein saufen kann, wie früher. Osang erspäht in ihm den echten, lebenden Bürgerrechtler, der nicht korrumpiert, frustriert oder in den Wahnsinn getrieben wurde. Nur bei ihm in Großhennersdorf fühlt Osang sich nicht fremd oder fehl am Platze, wie beim Prozeß gegen Schabowski und Genossen, auf der Grünen Woche, bei Jens Weißflogs Heimkehrerparty oder einer Alt- FDJler Disko. 'Es ist alles so unangemessen...'

Der einzige Text im vorliegenden Band, der aus dem Frühjahr 1999 stammt und sich direkt auf den Titel bezieht, ist die Einleitung Freitag Nacht im Reich der neuen Mitte. Alle anderen Texte sind älter, zum Teil schon fünf Jahre alt, sämtlich in der Berliner Zeitung erschienen und nun unter dem Motto der ‚neuen Mitte’ vereint worden. Das Motto scheint einzig dem Absatz der Ware dienlich zu sein, die meisten Texte haben nur mittelbar etwas mit der politischen und geographischen ‚neuen Mitte’ zu tun. Neben sehr schönen und engagierten Reportagen, wie Mißverständnisse in Rathenow oder Das einfache Lottchen finden sich verdrossene und veraltete Texte.

Es ist gut zu wissen, daß Charlotte von Mahlsdorf nicht verfolgt wurde in der DDR, sogar als IM untauglich war und die Schlösser Dahlwitz und Friedrichsfelde nicht eigenhändig gerettet hat, wofür ihr immerhin 1995 die Ehrenbürgerwürde von Dahlwitz- Hoppegarten verliehen wurde. Weil man ihre farbenfrohen Geschichten ungeprüft glaubte, hatte sie überdies auf Betreiben des damaligen Kultursenators Roloff- Momin das Bundesverdienstkreuz bekommen. Heute glaubt ihr nicht mehr jeder. Ein Befürworter der Verleihung hat später gesagt; 'Wenn Charlotte den Mund zum Gähnen öffnet, hat sie schon gelogen.' Dieser Text ist ‚alter‘ Osang, bissig und enthüllend, ohne zu diffamieren.

Es gibt aber Kapitel, bei denen die Bloßstellung grob ausfällt. Die mit dem Kisch- Preis prämierte Täve Schur- Reportage Osangs zum Beispiel wirkt weniger einfühlsam und zerstreuter als andere Texte. Daß Täve ohne Spickzettel kaum einen vernünftigen Satz sagen kann, ist traurig genug; dumm klingen Ausrutscher wie dieser; 'Hitler hat die Probleme ja noch in den Griff gekriegt, indem er Autobahnen baute. Heute sind die Probleme zu groß dafür.' Man spürt, wie Osang sich im Hintergrund die Hände reibt, mit denen er sich lieber die Ohren zuhalten würde.

Die penetrante Frage nach dem Sinn, der die Leute so umtreibt, langweilt. Besucher der Grünen Woche mußten sich vor Osang rechtfertigen; 'weswegen sind sie hier? Ingeborg und Dieter Reich sehen sich ratlos an. Es muß doch einen Sinn geben, irgendeinen Sinn.'

Osang hat Berlin verlassen und ist für einige Zeit nach New York gegangen. Vielleicht haben ihm Sankes aus dem Prenzlauer Berg ein Stück Heimat dorthin getragen, als er seine Reportage über sie machte. Das Ehepaar hatte 1994 zum 40. Hochzeitstag von ihren Kindern eine Reise nach New York geschenkt bekommen und Alexander Osang hat sie begleitet. Der Text Sankes erobern die Welt ist einer der letzten des besprochenen Bandes. Die Euphorie reisehungriger Ostdeutscher aus den ersten Nachwendejahren hat sich gelegt, gerade in einer Publikation über die neue Mitte hat diese Reportage nichts verloren.

Die Strategie des Autors ermüdet den Leser, der noch beim letzten Buch Osangs Freude an der Methode fand. Im Buch der Versuchungen hatte sich Alexander Osang selbst des Mitläufertums bezichtigt, um die anderen Porträtierten bloßstellen zu können. Unterdessen hat ihn das Mittelmaß eingeholt. Die Sammlung unterschiedlichster Lebens- und Ereignisprotokolle hat wenigstens hierin eine homogene Struktur; der Reporter kommentiert nichts, lauert auf Selbstbezichtigungen oder holt Herabsetzungen dritter ein. Die Qualität seiner Beschreibungen schwankt dabei, das Erzählte rutscht bisweilen ins Triviale ab. So belanglos wie die Kommentare der Sankes zu den Wolkenkratzern New Yorks sind die Statements der Berliner Radiomacher und Osangs Suade zu seinem Heimatgefühl am Ende des Buches: keine Spur von Geist.

Bedauerlich, denn die wenigen guten Texte für sich genommen, hätten einen schmalen, aber einheitlichen und angenehmen Reportagenband ergeben. Aber es reicht auch, hin und wieder einen Osang- Text im Magazin der Berliner Zeitung zu finden. Der Abflug aus der neuen Mitte kann Alexander Osang jedenfalls nicht schaden!

von Anne Hahn






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