Frank Niess

Schatten auf Hollywood

Sonstige. PapyRossa Verlag, Köln. 247 Seiten. 16.90 EUR . ISBN: 3894383232

Die Kulissen hinter den Kulissen von Hollywood
Frank  Niess: Schatten auf Hollywood

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Der Umgang der amerikanischen Regierung mit unliebsamen Umtrieben im eigenen Land wird generell als McCarthyismus bezeichnet. Was es damit auf sich hat, will Frank Niess historiographisch abarbeiten.

Die Aufräumarbeiten waren noch nicht beendet, da nutzte Generalstaatsanwalt John Ashcroft die Anschläge vom 11. September 2001, um im Schnellverfahren den Kongress für den USA PATRIOT Act zu mobilisieren. Acht Tage vergingen bis zum Mobilization Against Terrorism Act des Justizministeriums, 45 Tage später verabschiedete der Kongress das Gesetz, dessen Abkürzung so schön griffig nach Vaterlandsverteidigung klingt, ausgeschrieben umso erschreckender: "Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism". Präzise lässt sich nicht übersetzen, was schon im Original diffus ist, was auf bedenkliche Weise Naives impliziert und auf erschreckende Bedenkliches. Trotzdem der Versuch einer Übersetzung, im Unklartext: "Versorgung Angemessener Notwendiger Mittel zum Unterbrechen und Abhalten von Terrorismus". Ein Unmensch muss es sein, der gegen solch eine Versorgung Einwände vorbringen würde, der allen Ernstes dagegen wäre, Terrorismus zu unterbrechen, der sich etwa auflehnen würde gegen Mittel, die angemessen und notwendig, also gefragt sind.

Dass das Gesetz Misstrauen erregte, auch unter vielen US-Amerikanern, liegt sowohl an der Praxis der Bush-Regierung als auch einer gewissen Tradition, nämlich an den unvergessenen Methoden früherer Regierungen. Auf Bushs Kriegserklärung gegen alle, die die Täter des 11. September untergebracht oder ausgebildet haben, folgte zu einem Zeitpunkt, als lediglich erwiesen war, dass die Todespiloten in Florida ausgebildet wurden, die Bombardierung Afghanistans. Entsprechend die Bedenken vor der Auslegung des PATRIOT Acts. Erinnerungen an die Hexenjagd der McCarthy-Zeit wurden wach. Einmal mehr reüssierte dem Anschein nach ganz Hollywood als einer der letzten Posten der wahrlich freien Denker des Westens - und geriet ins Visier. Allerdings gehört es zum Leib und Wohl der Illusionsmaschine, es gehört zu den ganz kalten kommerziellen Gesetzen des Marktes, dass im Showbusiness viel mit melodramatischem Tammtamm aufgeplustert wird. Die Frage, was genau eigentlich in der McCarthy-Ära passierte, ist daher eine kluge, eine spannende.

Frank Niess, Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk und Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Politikwissenschaft in Stuttgart, versteht wenig vom Showgeschäft, doch er hat einiges gelesen. Memoiren und bereits veröffentlichte, meist englischsprachige Werke zur Blacklist. Bevor das Komitee für unamerikanische Aktivitäten (HUAC) zu seiner ersten "schwarzen Liste" kam, war viel passiert, "McCarthy wäre undenkbar gewesen ohne John Edgar Hoover" vom FBI, denn dessen Dienst "war das bürokratische Herz" der Kampagne. Deren Feind, und dies zeichnet der Historiker wunderbar nach, erschien nicht über Nacht als neues Gespenst, "kommunistische Umtriebe" waren bereits Jahre vor Hoover und McCarthy die logische Reaktion auf die Wirtschaftsdepression, auf fortschreitende Industrialisierung und später den Faschismus in Europa. So gerieten Emigranten aus dem Abendland, obwohl ideologisch keinesfalls auf einer Linie, ins Visier des Dienstes. Die Brüder Mann genauso wie Eisler, Chaplin, Brecht, der kurz nach seiner Anhörung die USA verließ. Die Beweisführung, wer als verdächtig zu gelten habe, war oft dürftig, ein wachsender Mitarbeiterstamm versorgte Hoovers Kateikartensystem mit Informationen aus Illustrierten und dem Who's Who, Hoovers Macht und Budget und Personal nahm zu. Nachdem ihn schon 1936 von Präsident Roosevelt beauftragt hatte, Informationen über "subversive Bestrebungen" zu akkumulieren. Weil die Datenlage so dünn war, er seine Macht aber nicht einschränen wollte, kam es zehn Jahre später zu der ersten "schwarzen Liste". Eine Lachnummer, auf die die zur Befragung nach Washington berufenen Autoren und Regisseure mit entsprechend Klamauk reagierten. Ihnen verging das Lachen, einige kamen ins Gefängnis, Karrieren wurden beendet - in vielen Fällen, weil die Entscheider der Filmindustrie nicht hinter ihren Talenten standen, sondern die Liste der Verdächtigten zu einer Liste der Nicht-Anstellbaren machten.

Es kam zu weiteren, länger werdenden Listen, zu Anhörungen und schließlich einer anderen Verteidigungsstrategie, der Berufung auf das fünfte anstelle des ersten Amendments. Vergessene Schauspieler kamen ins Rampenlicht, Humphrey Bogart wehrte sich laut gegen die Hetze, machte kurz darauf einen U-Turn und berief sich auf uramerikanische Grundwerte. Die Sache wurde kompliziert. Und Niess' Arbeit unübersichtlich. Er verweigert eine chronologische Erzählung, lässt viel weg (zwangsläufig), wiederholt anderes gleich auf derselben Seite, verwirbelt Zitate und indirekte Rede, unterschlägt manche Quellenangabe. Seine Wortwahl unterstreicht seine Abscheu vor den Mächtigen, klingt stellenweise zu persönlich. Bisweilen wird die Struktur im Großen wie im Kleinen so konfus, dass man hinter dem Verfasser kaum einen Redakteur des Süddeutschen Rundfunk, einen Wissenschaftlichen Assistenten am Institut für Politikwissenschaft in Stuttgart vermuten würde. Allerdings, zu seiner Verteidigung: Die Stoßrichtung folgt der im Vorwort verkündeten Intention. Zorn habe ihn motiviert, Zorn über das Revival des McCarthyismus. Statt einer Chronik intendiert er einen historiographischen Versuch. Aufgrund der lautstark formulierten Rhetorik bleibt es bei einem Versuch. Viele Fakten fallen unter den Tisch, andere werden übertönt. Geschichtsschreibung und Zorn? Die Melange kann nicht überzeugen. Noch ärgerlicher ist der Untertitel McCarthy, Bush jr. und die Folgen, wo das Buch die Gegenwart nur streift und sich in mindestens ähnlichem Umfang um die Vorgeschichte verdient macht.

Gut, aber nicht gut genug. Nächstes Mal bitte mehr recherchieren als seinerzeit das FBI. Denn so wurde Niess zum Opfer und nicht Schreiber der Geschichte. Beispiel 1: Der von der UdSSR protegierte Sänger Paul Robeson wurde in den USA zwar totgeschwiegen, aber er wurde auch und immerhin von der Folk-Ikone Pete Seeger, von Harry Belafonte und anderen unterstützt, dass ihn in Westdeutschland niemand kennt, obwohl in der DDR eine Dokumentation über ihn begonen wurde, die 1990 fertiggestellt wurde, liegt an anderen Mechanismen, weit weg von McCarthy. Beispiel 2: Im April 1938 unterzeichneten 150 Künstler ihre Unterstützung für Schauprozesse der KPdSU. Beispiel 3: Mehrfach wurde belegt, dass Lillian Hellmans Memoiren wie ihre Theaterstücke ihre Zeit hatten, genau betrachtet aber zum Vergessen waren - viele ihrer Aussagen, nicht nur zu ihrer Liebe Dashiell Hammett wurden widerlegt. Beispiel 4: Dorothy Parker trat während der 1930er Jahre mehr als dreißig Organisationen bei, darunter der Anti-Nazi League, der Abraham Lincoln Brigade; Networking war für Freischaffende auch schon vor der Erfindung von After-hours-Clubs von Bedeutung.

Wie gesagt: Gut, aber nicht gut genug.

(c) Matthias Penzel, 2006.






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