Haakan Nesser

Kim Novak badete nie im See von Genezareth

Krimi. BTB, München. 287 Seiten. 19.90 EUR . ISBN: 3-442-75027-X

Jugend-Psychothriller: Erwachsenwerden & Mord am See
Haakan  Nesser: Kim Novak badete nie im See von Genezareth

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Ein Mord geschieht am See. Das allein ist weiß Gott nichts Besonderes, sondern wurde schon tausendmal verfilmt. Doch in der üblichen Dreiecksgeschichte werden zwei 14-jährige Jungen zu unfreiwilligen Zeugen. Und vielleicht sogar mehr. Ihre Wirklichkeit verändert sich von Grund auf.

Der Autor
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Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell.

Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt. Doch im vorliegenden Roman "Kim Novak..." kommt ein Kommissar nur am Rande vor. Dennoch gilt dieses Buch in Schweden bereits als Klassiker und wird, laut Verlagsangabe, als Schullektüre verwendet, man glaubt es kaum.

Handlung
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Nach 25 Jahren des Schweigens legt ein schwedischer Lehrer vor sich selbst Rechnung ab. Mittlerweile ist endlich das SCHRECKLICHE verjährt, an das er sich in dunklen Stunden erinnert. Und während Erik Wassmann von jener Zeit erzählt, legt er den Leser aufs Eleganteste aufs Kreuz.

Schweden anno 1962: Selbst in dem kleinen Dorf, in dem Erik Wassmann aufwächst, ist schon die Rock'n'Roll-Revolution angekommen. Das hilft dem Vierzehnjährigen aber nichts. Sein trübsinniger Vater meint zu Beginn der Sommerferien: "Das wird ein schwerer Sommer." Wie recht er hat.

Zunächst lässt rein gar nichts auf das SCHRECKLICHE schließen, das da kommen wird. Im Gegenteil: Erik und sein philosophisch veranlagter Freund Edmund sind geradezu euphorisch ob der neuen Aushilfslehrerin: Ewa Kaludis sieht genauso bombig aus wie Kim Novak. Und wer Kim Novak in "The girl can't help it" oder "Vertigo" gesehen hat, weiß, was gemeint ist. Erik schwinden beispielsweise schier die Sinne, als sich Ewa von hinten über ihn beugt und er ihre Brust auf seiner Schulter spürt. Himmlische Wonnen sind nichts dagegen. Auch Edmund ist verliebt: in die verkäuferin Britt.

Ansonsten hat Erik wenig zu lachen: Seine Mutter liegt seit Wochen mit Krebs im Krankenhaus, und er und sein Vater gehen sie fast täglich besuchen. Meist geht Erik während des Besuchs aufs Klo und spielt im Geist Käsekästchen (Tic Tac Toe) mit den Kacheln. Nicht so wahnsinnig produktiv, aber es lenkt ab...

Die Sommerferien verbringen Erik und Edmund in einem sehr einfachen Wochenendhäuschen namens Genezareth, und wie die hebräische Siedlung liegt es an einem sehr schönen See. In dessen Mitte liegt die Möwenscheißinsel, und dreimal darf man raten, was die Möwen dort machen. In Radfahrdistanz liegen ein Dorf, wo man einkaufen und die Verkäuferin Britt bewundern kann, und ein Vergnügungspark, wo die beiden Jungs Ewa Kaludis wiedersehen. Schock! Sie hat einen Verlobten: Berra Albertsson, einen national bekannten Sportler. "Was für ein Arschloch!", meint Erik, und Edmund muss ihm beipflichten. Spricht da der pure Neid? Nicht nur, denn Berra ist ein brutaler und höchst unsportlicher Schläger.

Auch Eriks älterer Bruder Henry verbringt den Sommer in Genezareth - er schreibt an einem Roman. Eines Tages kommt er mit Ewa Kaludis an, und den beiden Jungs fallen fast die Augen aus dem Kopf. Sie spielen Mäuschen (unentdeckt, wie sie lange glauben) und werden mit einer sensationellen Szene belohnt: Ewa mit Henry beim Liebesspiel. Wenig später taucht auch Berra am See auf und fragt nach Henry - es herrscht dicke Luft. Die Jungs sind noch mehr geschickt, als Ewa mit misshandeltem Gesicht bei Henry auftaucht: Berra hat sie verprügelt.

Dann passiert "das SCHRECKLICHE": Ein Radfahrer findet Berras Leiche mit eingeschlagenem Schädel auf dem Parkplatz in der Nähe des Wochenendhäuschens. Der angereiste Kommissar Verner Lindström tappt im Dunkeln. Einer der Anwohner scheidet als Täter aus. Selbst als Henry in U-Haft kommt, halten alle dicht: Schließlich und endlich geht es ja um die Zukunft der schönsten Frau von ganz Schweden...

Mein Eindruck
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Nessers erster Kriminalroman ist spannend bis zur allerletzten Seite (und ein Schelm, wer die zuerst liest!). Er knüpft an die ehrwürdige Tradition des englischen Whodunit-Romans an, ohne allerdings irgendwelche berühmten Detektive à la Hercule Poirot auftreten zu lassen.

Da die gesamte Geschichte aus der Sicht eines pubertierenden Jungen erzählt wird, bleibt alles recht familiär. Die Welt der Erwachsenen ist fremd, erfüllt von hohlen Floskeln und rätselhaften Krankheiten wie "Krebs" und "Treblinka" (einige der Anwohner am See sind Juden). Wesentlich interessanter ist die schon die Welt der Jugend und der Liebe, der Leidenschaften, die Ewa, Berra und Henry umgeben.

Während sich die beiden Vierzehnjährigen noch spannende Agenten-Abenteuer ausdenken, geraten sie in Kontakt mit einer Wirklichkeit, die von Faszination ebenso erfüllt ist wie von Gefahr, weil die Emotionen in ihr ungewohnt und unkontrolliert sind: Begehren, Eifersucht, Gewalt, Tod - alles ist verknäult. Erik hat für diese mysteriösen Randbedrohungen in kürzester Zeit ein eindrucksvolles Mantra entwickelt. Es lautet: "Krebs, Treblinka, Liebe, Bumsen, Tod." Damit beschwört er die Gefahr und bannt sie in benennbare Form. Das macht es leichter, mit ihr umzugehen und mit dem Leben fortzufahren. Der See ist die perfekte Metapher für diesen Zustand: Die Oberfläche ist schön und glänzend, doch sein Grund ist schlammig, modrig, haltlos und von Unrat bedeckt. Wer nicht aufpasst, könnte darin versinken...

Die Welt der beiden Jungen verändert sich von pubertierender Unschuld hin zu einer Realität nach dem Sündenfall. Das wird zwar nie so gesagt, aber in zahlreichen Anspielungen angedeutet. Die poetische und doch gnadenlos realistische Sprache, die Nesser verwendet, erzeugt Stimmungen, die weit über die Dinge, die gesagt werden, hinausgehen. Nur dadurch verstehen wir, warum Henry später nach Uruguay auswandern muss; warum Edmund ein übergewichtiger Landpfarrer wird und nur aus Erik ein Lehrer, der sich traut, anderen etwas beizubringen. Und was wird aus Ewa Kaludis? Das müsst ihr schon selbst nachlesen. Es lohnt sich.

Unterm Strich
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"Kim Novak..." ist nicht in erster Linie ein Kriminalroman, und wer einen zweiten Kommissar Van Veeteren erwartet, sollte sich andere Nesser-Romane aussuchen. Vielmehr ist "Kim Novak..." ein erotischer Jugendroman, dessen Schilderungen es an drastischer Erotik manchmal mit Mikael Niemis "Populärmusik aus Vittula" aufnehmen können (siehe meinen Bericht dazu).

Wer Probleme mit sogenannten "schmutzigen Wörtern" hat, sollte nicht einmal die erste Seite aufschlagen. Für mich aber gehören diese Wörter unbedingt dazu, denn in ihrem respektlosen, unverklemmten Gebrauch bannen die beiden Jungen Erik und Edmund die Scham und Verschämtheit ihrer Eltern, die sich nur noch in hohlen Floskeln wie "Kommt Zeit, kommt Rat" geistig über Wasser halten können. Mit ihrer eigenen Sprache durchschlagen die Pubertierenden die Mauer des Verschweigens, die so einfache natürliche Vorgänge wie Scheißen und Bumsen umgibt (jedenfalls 1962). Diese Respektlosigkeit erlaubt den beiden einen unverstellten Blick auf das, was sich zum SCHRECKLICHEN hin aufbaut. Und dieser spannende Vorstoß ins Unbekannte ist allein schon die Lektüre dieses tollen Buches wert.

Die Übersetzung
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... ist ausgezeichnet gelungen und zeugt von sprachlichem Feingefühl. Nur die Oma-kompatible Großschrift erweckt den Eindruck, als hätte das Buch genauso gut auch auf die Hälfte des Umfangs gepasst. Immerhin lässt es sich dadurch in nur ein bis zwei Tagen lesen.

Michael Matzer (c) 2004ff

Info: Kim Novak badade aldrig i Genesarets sjö, 1998; BTB 2003, München; 287 Seiten, EU 19,90, aus dem Schwedischen übersetzt von Christel Hildebrandt; ISBN 3-442-75027-X

Pro: spannend bis zur letzten Seite, sinnlich, respektlos, wunderbare Sprache, hintersinnig
Kontra: Oma-kompatible Großschrift (aber gut für lange Lesenächte)






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