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Das neue Buch des Literaturnobelpreisträgers 2001 hält, was die Schwedische Akademie dem Autor bescheinigt: hellhöriges Erzählen, unbestechliches Beobachten, die Gegenwart verdrängter Geschichte. Aber sind es tatsächlich diese Kriterien allein, die ein gutes Buch ausmachen?
Es beginnt in einer indischen Kleinstadt mit der Frage des Protagonisten an seinen Vater: Warum heiße ich mit zweitem Namen Somerset? Die Jungen in der Schule haben es herausbekommen, und jetzt ziehen sie mich auf.
Die Antwort ist die Lebensgeschichte des Vaters, sein Versuch, sich von den Traditionen zu lösen und seinen eigenen Weg zu gehen. Feinfühlig und unverhohlen erzählt er vom kolonialen, dann vom unabhängigen Indien, den zugehörigen gesellschaftlichen und politischen Problemen, von seinen eigenen Idealen sowie seinem Unvermögen, diese in die Tat umzusetzen. Am Ende seiner Rebellion ist er resigniert, unverstanden und arm.
Die Antwort auf Willie Somerset Chandrans Frage dauert lange dreißig Druckseiten, zehn Jahre erzählte Zeit. Willie ist darüber erwachsen geworden; sein Urteil ist vernichtend:
Willie
Chandran sagte: Ich verachte dich.
Aus dir
spricht deine Mutter
Willie Chandran
sagte: Was habe ich von dem, was du gesagt hast? Du bietest mir
nichts.
Willie zieht die Konsequenz; er verlässt Indien und geht nach London. Er lernt gewöhnliche, außergewöhnliche, bemerkenswerte und bizarre Menschen kennen, macht sexuelle Erfahrungen und wird schließlich Schriftsteller alles halbherzig und alles mit mäßigem Erfolg.
Auf der Suche nach seinem eigenen Weg sucht er wie zuvor sein Vater beständig nach Leitfäden, Beschützern, Vorbildern. Was herauskommt ist wie es der Buchtitel bereits verrät ein halbes Leben. Die andere Hälfte ist nachgeahmt, geborgt oder gestohlen. Diese Halbheit setzt sich im Gesamtgesellschaftlichen fort. Die Entwicklung Indiens zur und nach der Unabhängigkeit ist eine Halbheit, London ist eine Halbheit.
Wiederum flieht Willi, diesmal mit seiner Frau in deren afrikanisches Herkunftsland nicht weil er dort hin möchte, sondern weil er nicht weiß, wohin er sonst soll. Und natürlich führt er auch dort nur ein halbes Leben in einer Halb-Welt mit Halb-Freunden. Letzten Endes bleibt ihm abermals nur die Flucht
Ein halbes Leben vereinigt Fiktion, Autobiographie und authentischen Bericht: Als Chronist beschreibt Naipaul spitzzüngig die Zustände im postkolonialen Indien, dem London der späten 50er Jahre und der Zeit des Unabhängigkeitskampfes in Portugiesisch-Ostafrika. Als Erzähler besticht er durch seine Kunstfertigkeit: Die großartige Stilfigur, mit der er die verstreichende Zeit von Willies Heranwachsen mit der Erzählung seines Vaters ausfüllt, wird zum Ende des Buches wiederholt, bricht aber vorzeitig ab. Ein halbes Leben endet in den 70er Jahren, Willie ist Mittvierziger, seine Geschichte längst noch nicht zu Ende.
Aber nicht nur hinsichtlich
des offenen Endes ist Naipauls Buch keine ganze Sache: Keine der im
Buch vorkommenden Figuren ist rundherum authentisch, und so genau ihr
Erzähler sie auch analysieren, ihre Handlungen klar- und bloßstellen
mag, sie bleiben sich selbst und dem Leser so fremd und entfremdet,
wie sie sich fühlen. Und genauso fremd bleibt das Buch letztendlich
auch dem Leser.
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