Sibylle Mulot

Die unschuldigen Jahre

Roman. Diogenes, Zürich. ISBN: 3-257-06197-8

Sibylle  Mulot: Die unschuldigen Jahre

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Drei Töchter im Haus, zwei davon längst heiratsfähig - da heißt es den Markt beobachten und gelegentlich steuernd eingreifen. Das Setting in Sibylle Mulots neuem Roman Die unschuldigen Jahre erinnert an Jane Austens Genrebilder. Marga Hülle hat ihre Töchter für die Ehe erzogen und wartet nun ungeduldig auf greifbare Ergebnisse. Für die jungen Damen sind Kleiderfragen von größter Wichtigkeit - Seidentaft für das Ballkleid oder doch lieber Silberlamé? Man besucht den Ball der benachbarten Kaserne und lädt die Verehrer - die Brüder Heinz, Witschge mit dem flotten Karmann Ghia, den braven Soldaten Singer - zur Party nach Hause. Die Mutter, herrschsüchtig und schrill, benimmt sich unmöglich, wie Mrs Bennet. Der Vater zieht sich hilflos und wenig zuständig zu seinen Büchern ins Studierzimmer zurück.

  Sibylle Mulots vierter Roman spielt allerdings nicht im englischen Hampshire, sondern auf der Schwäbischen Alb, in Merklingen, einem Kaff, wo die Familie Hülle sich mühsam mit ihrem durch lateinische Zitate untermauerten Bildungsdünkel über die anderen Spießerfamilien zu erheben versucht. Es ist die Zeit von Franz Josef Strauß (den man schätzt) und Rolf Hochhuth (den man nicht schätzt), die sechziger Jahre, wo man Plastikreifen in die Petticoats zieht und Herren im Anzug und Krawatte mit toupierten Damen Twist tanzen (es stimmt alles, auch der Babydoll, ältere Leser werden sich mit gerührtem Schaudern erinnern). Die Paarungsrituale funktionieren noch wie in alten Zeiten, aber die Brüche sind nicht zu übersehen. Bei Käsewürfeln und Bowle wird nicht nur nach der Nazi-Vergangenheit der Eltern gefragt, sondern auch die bürgerliche Kleinfamilie für tot erklärt. Heiraten, Kochen und Kinderkriegen, das genügt den Mädchen nicht mehr, schließlich haben Deina und Astrid Hülle gerade ihr Staatsexamen abgelegt. Das Hausfrauenvorbild der Mutter wirkt abschreckend. Die jüngste Schwester Mimi hält Heiraten für den direkten Weg in die Sklaverei. Brüchig ist auch die bürgerliche Wohlanständigkeit im Städtchen, zu dünn ist die Decke über der braunen Vergangenheit. Kurz vor der Pensionierung wird auch Vater Hülle von ihr eingeholt. Ein seinerzeit mit heroischer Glut geschriebenes Buch über die Christgermanen verhindert letzte akademische Ehren.

Die Familiengeschichte wird (nicht ganz konsequent) aus der Perspektive der jüngsten Schwester Mimi erzählt. Die Vierzehnjährige verabschiedet sich gerade unter Schmerzen von den Sicherheiten der Kindheit und sucht nach dem Ort, wo das Leben ist. Die Aktivitäten der großen Schwestern begleitet sie mit Sehnsucht und bewundernder Liebe. Als der Bruch dann auch hier kommt, wirkt er verheerend und reißt Mimi in zwei Hälften. Deina und Astrid verlieben sich in den gleichen Mann; die Rivalität läßt frühe Schwesternkonflikte aufbrechen, Intimität schlägt um in Todfeindschaft. Deina reagiert altgriechisch (Meine Schwester hat mir den Mann weggenommen) und verweigert den Kontakt über Jahrzehnte. Mimi kann nur zusehen. Eine Wand ist entstanden wie die Berliner Mauer, die sogar noch deren Fall überdauert.

Wie Jane Austen nutzt Mulot für ihre Milieuschilderungen das Mittel der Ironie, allerdings wesentlich direkter. Sie kennt die schwäbische Enge aus ihrer Kindheit in Reutlingen wohl zu gut, als daß sie sich gelegentliche Überzeichnungen ihrer Figuren versagen könnte. Marga Hülle, mit ihrem Mann im erklärten Willen zur Normalität verbunden, streift mit ihren Denkklischees die Grenze zur Karikatur. Wir haben unseren Töchtern immer gesagt: Alles dürft ihr nach Hause bringen, alles. Nur keinen Katholiken. Und natürlich auch keinen Neger. Und keinen Juden und keinen Scheich. Der satirische Einschlag nimmt dem Schwesterndrama viel von seinem Gewicht. Umgekehrt verhindert die Ironie, daß die Biederkeit der dargestellten Welt auf die Darstellung übergreift. Er kannte das Leben, heißt es über den Landgerichtsrat Dopff. Er hatte die Scheidungssachen. Die eifrig betriebene Schuldverdrängung der braven Kleinstädter als zentrales Thema des Buches gibt auch dem Titel einen schönen ironischen Doppelsinn.

Eva Leipprand

(Rezension erschienen in: Süddeutsche Zeitung)






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