Herta Müller

Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet

Roman. Rowohlt, ISBN: 3-498-04389-7

Herta  Müller: Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet

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Herta Müller

"Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet"

Residenz der Psyche

Wieder eine dieser Ausgelieferten. - "Ich bin bestellt", so empfängt uns der erste Satz, und mit ihm ist das Paradigma des Romans festgelegt. Wir driften auf die Bestellungen, auf die Verhöre, die damit gemeint sind, hin und wir wissen nicht, wann wir sie erreichen. Die Frage ist aber auch nicht wesentlich, so sehr verweigert sich das Buch vordergründiger Spannungsmache. Es passiert nur das, was sich im Kopf abspielt. Hier - ist die Botschaft - residiert die Psyche. Die Bestellte läßt von Beginn an ihre weiblich fühlende Hand durch ihre Umwelt gleiten - lyrisch ist diese Fingererfahrung.

"Ich bin bestellt", bin also Opfer, keine Täterin. Und ich kann damit leben, scheint sie uns sagen zu wollen. Vorerst wissen wir auch gar nicht, wer sie ist, weil wir kaum ahnen können, wann wir sind, und wo wir sind. Südosteuropa, die dreißiger oder siebziger Jahre. Die Karpaten tauchen in einem Nebensatz auf, irgendwann.

Der rote Faden des Romans ist eine Straßenbahnfahrt zu ihrem 'Privat-Inquisitor' Major Albu, von der aus sich die Ausgelieferte Gedanken in ihre Vergangenheit strickt. Das Gestern ist die Ersatzbefriedigung für die Mängel der Gegenwart. Die Zeit zwischen den Verhören sind ihr Freigang, der sie aber nicht mehr wirklich frei machen kann. Stückchenweise nur gibt sie sich preis: Da ist die Trennung von ihrem ersten Mann, der Tod ihrer Freundin Lilli oder die Geschichte ihres Schwiegervaters, des 'Parfümkommunisten', der für die Deportation ihrer Großeltern mitverantwortlich war. Immer wieder sind es Tage, meint man, an denen sie sich lieber nicht begegnet wäre.

Zeit und Inhalt, Psycholekt und Sprache des Romans kollidieren. Die Sensible steht mit ihren Gedanken in einem auffallend antagonistischen Verhältnis zum im Roman entwickelten historischen Umfeld. Die Bestellte ist die Verträumte ist die Schlaflose. Die Zarte gefangen in einer mikrourbanen Welt. Die zu Sanfte für den kleinstädtischen Raum, die Gottesgabe für den Trinker, der ihr Mann ist.

Sie ist ein wenig wie die Claudia aus Christoph Heins "Der fremde Freund", die ihr "Es geht mir gut" psalmiert, und sich dadurch schützt, indem sie sich nichts und niemandem wirklich aussetzt. Sie wäre sich heute lieber nicht begegnet, weil sie allmählich merkt, wie wenig sie ihre eigene Lage analysiert, auf wie labilem Grunde sich ihr Leben doch bewegt. Ihr Schutzmechanismus ist das Kreisen in ihrem Gestern, ist die stumme Erinnerung an ihre tote, ehemals beste Freundin Lilli - ihr jetziges Über-Ich und Sehnsuchtsbild. Was ihr über die Verhöre hinweghilft, ist der kleine Alltag um sich herum oder manchmal das Spinnen von der "Bluse, die noch wächst".

Nach und nach - mit dem Wissen dieses Jahrhunderts - ahnt man den Hintergrund für die Verhöre: Weil sie ihrem Umfeld entfliehen wollte, steckte sie in der Kleiderfabrik, in der sie arbeitet, Kontaktanzeigen in die Taschen weißer Anzüge für Italien. Für diese Staatsuntreue wird sie nun bestraft; galanterweise hat man ihr noch andere Delikte angehängt und versucht sie nun portionsweise zu diffamieren und psychisch zu bearbeiten.

Aus dem Stoff für eine Erzählung ist ein Roman gestrickt - der Anfang des Buches nimmt gar kein Ende mehr, auch wenn man letztlich feststellen muß, daß diese Zerfaserung einen Sinn macht. Ähnlich den letzten Momenten vor dem Tod fließt ihr Leben an ihr vorbei. Das Buch ist ein Ich-Roman - alles, was offensichtlich wird, bestimmt sie. Man muß sich darauf einlassen. Wenn man es tut, dann versteht man die psychologische Konsequenz der Verhöre, weil man sie mitgefühlt hat. Und man steht einem Schluß gegenüber, der unter die Haut geht.

Ron Winkler

Rowohlt 1997


Copyright / © Sabine und Oliver Gassner, 1998 --






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