Marcel Möring

In Babylon

Roman. Luchterhand Literaturverlag, ISBN: 3-630-86986-6

Marcel  Möring: In Babylon

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Nathan Hollander hat von seinem Onkel Herman ein Haus vererbt bekommen - unter der Auflage, innerhalb von fünf Jahren die Familiengeschichte niederzuschreiben.

Es hat lange Zeit gedauert - doch nun ist er soweit, und er fährt mit seiner Nichte Nina, der einzigen noch lebenden Verwandten, seit fünf Jahren das erste Mal wieder in dieses Haus, in dem in früheren Zeiten die Familientreffen stattgefunden hatten. Auf dem Weg dorthin geraten sie in einen fürchterlichen Schneesturm, schaffen es mit Müh und Not, ins Haus zu gelangen, wo sie sofort total zugeschneit werden.

An Lebensmittel ist kein Mangel, das Haus ist gerüstet wie für einen Krieg - doch es ist in einem seltsamen Zustand. Das obere Stockwerk ist vollkommen verbarrikadiert, alle Möbel sind auf komplizierte Weise inneinander verkeilt.

Da diese zum Teil sehr antiken Möbel (außer den vielen Büchern in der Bibliothek) der einzige verfügbare Brennstoff sind, werden sie nach und nach verheizt.

In den Stunden, da sie nicht damit beschäftigt sind, sich warmzuhalten, liest Nina in der Biographie des Onkels.

Diese beginnt im 16. Jahrhundert, bei Chaim und dessen Neffen Magnus. Magnus beginnt mit der Wanderung von Polen, braucht 20 Jahre, bis er in Holland angelangt ist - und nennt sich fortan zu Ehren der neuen Heimat mit deren Namen.

Chaim und Magnus sind seit Nathans 10. Lebensjahr dessen gute Freunde - sie erzählen ihm, sie wären seit Generationen immer dem Erstgeborenen erschienen.

Nathans Mutter, Sophie, wurde Zeit ihres Lebens von beiden Brüdern, Emanuel und Herman, geliebt. Ende der dreißiger Jahre kann Herman die Familie dazu überreden, in die USA zu emigrieren. Doch während Emanuel, der sich sofort in Manny umbenennt, sich in den Staaten zu Hause fühlt und den Lebensstil der Amerikaner voll übernimmt, kann Sophie sich damit nicht anfreunden. Sie kehrt nach dem Krieg mit den Kindern zurück nach Holland.

Zeno, der Nachzügler, ist außerordentlich intelligent. Schon in frühen Jahren verschlingt er alles, was bedruckt ist, baut sich eine geradezu unglaubliche Bibliothek auf. Er wird zum Unheilspropheten, angebetet von vielen Jugendlichen, und eines Tages ist er einfach verschwunden.

Nina, Zenos Tochter, verschlingt die Informationen, die Nathan ihr hier vorbringt. Und nach einer vieles verändernden Nacht ist sie einfach in den Schnee verschwunden....

Marcel Möring schreibt hier eine sehr gut lesbare, interessante Geschichte. Schon die erste Seite überrascht mit dem doch etwas skurillen Tod des Onkels, perfekt beschrieben ist diese Szene.

Als die beiden "Geister", Chaim und Magnus, das erste Mal auftauchten, kamen sie mir als absolute Störenfriede in einer ansonsten schon recht gut durchdachten Geschichte vor. Später, als sie selbstverständliche Begleiter Nathans geworden waren - waren sie eben selbstverständlich da. Das Verhältnis dieser beiden zueinander ist auch sehr amüsant nachzuvollziehen, man sieht förmlich vor sich, wie Chaim oft den Kopf schüttelt, wie eifersüchtig er darauf ist, daß Nathan zum Teil mehr Informationen über Magnus´Wanderjahre hat als er selber. Ein wirklich schöner Einfall war es auch, den Toten Chaim zum Ende des Buches hin noch einmal sterben zu lassen.

Es werden einige Bilder gezeigt, die ich als richtig schön empfand. Zum Beispiel ist Nathan das Gedächtnis der Familie - er merkt sich jede Kleinigkeit. Irgendwann im Mittelteil erklärt er auch, wie er das macht - und dieses Bild des Turms von Babylon, in dem er auf den verschiedenen Rundgängen seine Erinnerungen ablegt, fand ich einfach klasse.

Sehr gut beschrieben ist auch die ständig steigende erotische Spannung zwischen Nina und Nathan.

Hingegen fand ich es etwas merkwürdig, daß immer wieder angedeutet wurde, die Familie wäre seit je auf Wanderschaft, ruhelos. Doch eigentlich ist nach Magnus erstmal eine Phase von 8 Generationen, die in Holland leben - erst danach wandern Herman, Sophie, Emanuel und die Kinder nach Amerika aus.

Den Schluß empfand ich als sehr unbefriedigend. Erstmal dachte ich ja, ich hätte irgend etwas nicht verstanden und habe bis jetzt keine endgültige Erklärung dafür gefunden, wer nun das Haus verbarrikadiert hätte, die Vorräte angelegt etc.

Alles in allem ein schön geschriebenes Buch, das am besten im Winter auf einer Hütte in den Bergen, eingeschneit, gelesen werden sollte...

Daniela Ecker






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