Robert Misik

Genial dagegen

Sach. Aufbau-Verlag, Berlin. 194 Seiten. 17.90 EUR . ISBN: 3351025866

Für und Wider des Dagegenseins
Robert  Misik: Genial dagegen

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Sie mag trendy sein, sie mag genau dafür kritisiert werden, doch mit einer neuen Linken ist zu rechnen, belegt Robert Misik in Genial dagegen auf sehr coole Weise

Verrückte Welt: Jeder einigermaßen aufgeklärte Mensch sieht, wie hilflos Staatsoberhäupte im Umgang mit Mega-Konzernen sind. Jeder sieht, dass Geldströme und Kapital auch mit Gesetzen nicht zu kontrollieren sind. Jeder einigermaßen links orientierte Mensch weiß, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Ende der Sowjetunion und dem systematischen Abbau des Sozialstaates in den westlichen Industrienationen. Jeder weiß und sieht, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Mancher meint, die Probleme hätte Marx vorhergesehen, andere suchen und finden Belege, Marx habe Wichtiges nicht kommen sehen. Egal wie man den Stand der Dinge dreht und wendet, Globalisierung und Kapitalismus, Rentenpolitik und Sweatshops: Klar ist, dass sich etwas ändern ... wird. Inwieweit Ideen von Marx oder Lenin oder Che Guevara oder sonstwem dabei eine Rolle spielen, bleibt abzuwarten. Interessant an dieser ja keineswegs orientierungslosen Zeit, an dieser eher unübersichtlichen Zeit ist, dass ein Ost-Denker wie Wolfgang Engler (Die Ostdeutschen, 2000) ein Buch vorlegt, das allen Ernstes Qualitäten des Sozialismus präsentiert und - in Bürger, ohne Arbeit - für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft plädiert und dass das nicht nur in junge Welt und Neues Deutschland wahrgenommen wird, sondern zur Leipziger Buchmesse in den Feuilletons aller großen Zeitungen rezensiert wird. Nicht überall mit Freude, aber immerhin: die Sache kommt in Gang.

Welche Sache?

Na, eben war in den Augen der bürgerlich-konservativen Werteverteidiger noch der Kapitalismus der erfolgreiche Sieger im Kampf gegen den Sozialismus - und keine zwanzig Jahre später ist der Sieger so auf den Knien, dass über Strategien des Verlierers neu nachgedacht wird. Manche der Kritiker an den Zuständen werden nicht nur in den Feuilletons immerhin ernst genommen, sie machen mit ihrer Kritik auch noch Kasse. No Logo und Empire wurden Bestseller, Michael Moore bricht Zuschauerrekorde... ah ja, und die berufsmäßigen Zyniker deuten die kommerziellen Erfolge, den Mainstreamappeal der Kritik als Indiz für leere Gesten. Misik in Genial dagegen, gleich im Vorwort: "Wobei nicht ganz klar ist, was die Kritiker lieber hätten: eine wahre, nicht bloß chice Revolte - oder besser doch keine. Würden die jungen Leute, über deren Che-T-Shirts gespöttelt wird, ihr Wohlwollen finden, wenn sie Barrikaden bauen und in Brand stecken würden? Und können Gesten überhaupt jemals vollends leer sein? Was wäre denn eine Geste, die nicht leer ist?"

Misik hat seinem Genial dagegen - Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore ein Vorwort vorangesetzt, das allen noch so hämischen Berufszynikern eine wunderbar knallende Ohrfeige serviert. "Die neue linke Welle ist zunächst ein Symptom", räumt er ein, "Symptom einer Sehnsucht nach starken politischen Alternativen und nach einer unbestimmten 'Ernstheit'." Weil es ein lesbares Sachbuch ist, langweilt er einen nicht mit einer Ordnung oder gar Hierarchie der Alternativen und Symptome, erinnert aber daran, dass eben auch eine Message wie "War is not the answer" (ablesbar auf Sheryl Crows T-Shirt bei American Music Awards 2003) eine andere Qualität hat als beispielsweise das Logo eines Schuhherstellers. Und, wo wir schon bei Schuhen sind, an Sweatshops denken und an die umgekehrte Strategie der Konkurrenz, damit zu werben, unter fairen Bedingungen zu handeln und zu arbeiten: Auch das kann man zynisch als gemeine Profitgier sehen, oder als kleinen Teil, die Welt etwas belebbarer zu gestalten.

Misik geht auf Alternativen und Symptome ein, führt eine kurze Inventur großer und verblüffender Angebote durch, lässt dabei Che und RAF genauso wenig weg wie akademisch anstrengendere Theoretiker (Slavoj Žižek, Toni Negri) und deutschen Theaterregisseure sowie Michael Moore. Keiner wird zum Märtyrer erhoben, jeder für seine Arbeit und Wirkung ernst genommen. So hat dieser Mittel- und Hauptteil des Buches für jeden etwas Neues zu bieten; zumindest neue Lesarten für Phänomene, die teils vage vertraut sind, teils rätselhaft.

Im Resumée dieses Buchs, das man locker und gern in einem Zug durchliest (und sodann allen möglichen Freunden und Bekannten aufdrängt), schwankt Misik zwischen atemlos vorgetragenen Argumenten und einer guten Portion Konfusion. So stellt er in Bezug auf die Musikindustrie fest: "Heute arbeiten viele Indies mit Multis als Vertriebspartner zusammen. Sind sie deshalb gescheitert? Oder waren sie erfolgreich? Oder ist das irgend etwas dazwischen - erfolgreiches Scheitern?"

Irgendwo dazwischen scheint Misik mit Genial dagegen gelandet zu sein: Empörten sich noch einige über Englers Vorschläge zu Bürgergeld in Bürger, ohne Arbeit, schimpfte auf der Leipziger Buchmesse noch ein Kultur-Korrespondent über jegliche Kritik am Kapitalismus ("Das System funktioniert doch hervorragend, der Kapitalismus kann doch gar nicht am Ende sein, wo er es sich leisten kann, fünf Millionen dafür zu bezahlen, dass sie den ganzen Tag nur faul auf dem Sofa sitzen und fernsehen..."). Doch Misik wurde kaum wahrgenommen. Verrückte Welt. ... Welt? Ah ja, von der Welt war der gerade genannte Kulturexperte, der verwöhnte Arbeitslose als Indiz für einen wunderbar florierenden Kapitalismus herbeiphantasierte. Wer von der Welt ist, kann das, schließlich steht er beim dem Springer-Blatt in Lohn und Brot, das andere Konzernmitarbeiter ganz besonders hassen - schließlich hat das von Axel Cäsar Springer erdachte Prestigeprojekt noch nie - nie! - einen Cent Gewinn gemacht.

© Matthias Penzel, 2005






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